Plastik im Meer

Erde am Limit

150 bis 200 Millionen Tonnen Plastik treiben in den Meeren. Martin Stuchtey, Professor für nachhaltiges Ressourcenmanagement, beschäftigt sich mit Maßnahmen, um weitere Anhäufungen des Materials zu minimieren. Da das Einwegkonzept von Plastik an seine Grenzen stößt, müssen neue Möglichkeiten der Verwendung und Entsorgung nach der Nutzungsphase entwickelt werden.

„Die Welt steckt in einer globalen Ressourcen-Krise“, so Martin Stuchtey. Zu den Massen an bereits im Meer schwimmendem Plastik kommen jährlich weitere acht bis zwölf Millionen Tonnen dazu. „Wenn man diese Zahlen auf die Gesamtmenge an Speisefisch im Ozean überträgt, dann ergibt sich ein erschreckendes Mengenverhältnis. Zum heutigen Stand kommt bereits auf drei Kilogramm Fisch, ein Kilogramm Plastik. Bis zum Jahr 2050 rechnen wir mit einer weiteren Steigerung, sodass auf einen Kilogramm Fisch, ein Kilogramm Plastik kommen wird“, verdeutlicht der Wissenschaftler die weiteren Entwicklungen. Dabei werden nur zwei Prozent des Plastiks angeschwemmt oder sind auf der Oberfläche des Wassers sichtbar. Der viel größere Teil wurde bereits durch UV-Licht und über den mechanischen Wellengang in winzige Partikel zerkleinert. „Die Fische nehmen diese Plastikteilchen über ihre Nahrung auf. Mittlerweile misst man bereits massive Auswirkungen auf den Stoffwechsel von Meeresorganismen, die einen großen Teil unserer heutigen und zukünftigen Proteinquellen darstellen“, warnt Stuchtey. Noch habe niemand eine Antwort auf das schwerwiegende Problem, denn die gesamte Plastikökonomie sei nicht darauf ausgelegt, das ungenützte Material zu verhindern. Mehr als die Hälfte der Plastikanschwemmungen kommt aus Ländern wie Indonesien, den Philippinen oder China, in denen eine enorme Zunahme von Verpackungsmaterial registriert wird. Im Gegensatz zu Europa haben sich in diesen Ländern noch keine ausreichenden Entsorgungssysteme etabliert.

Neu denken

Plastik ist heute weltweit eines der wichtigsten Materialien, da es hochwertig, nützlich, hygienefördernd und erschwinglich ist. „Leider werden aber nur zwei Prozent des Plastiks weltweit aus ehemaligem Plastik wiedergewonnen. Über 30 Prozent der Plastikverpackungen entweichen in Ökosysteme“, so der Wissenschaftler, der betont, „wenn man so möchte, ist das eine globale Bankrotterklärung. Nicht nur weil wir mittlerweile sicht- und spürbar auf unsere planetarische Belastungsgrenze stoßen. Wir handeln wirtschaftlich unvernünftig, wenn jährlich 311 Millionen Tonnen Plastik zu 98 Prozent nach einem Nutzungszyklus keiner hochwertigen Wiederverwertung zugeführt werden.“ Neben den Bemühungen Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen, ist das große Bestreben von Expertinnen und Experten, ein globales Plastikprotokoll zu erstellen. Dabei soll sich die Industrie darauf einigen, welches Plastik genau verwendet werden darf, sodass künftig 70 bis 80 Prozent aller Plastikverpackungen aus einer kleinen Anzahl definierter Materialien bestehen. Wie PET-Flaschen soll dann jede Verpackung nach dem ersten Nutzungszyklus identifiziert und gewinnbringend recycelt werden können. Ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft empfiehlt der Ökonom Anreize für die Industrie zu schaffen, um den Stoffkreislauf zu schließen. Dabei könnten die Produzenten gezwungen werden, alle Erzeugnisse nach der Nutzung wieder zurück zu nehmen: „Sollten bei der Herstellung unerlaubte Stoffe in das Plastik gemischt werden, dann sind diese am Ende wieder das Problem des Erzeugers selbst, da er für die Entsorgung verantwortlich ist. So werden die Hersteller schon von Beginn an überlegen, wie die Nachnutzung ausschauen kann und sicherstellen, dass sich auch für die Firma keine Risiken ergeben.“ Dazu ist nicht nur innovatives Materialdesign und moderne Recyclingtechnologie, sondern es sind auch neue Geschäftsmodelle erforderlich. „Eine Spielwiese für Umweltunternehmerinnen und Unternehmer“, betont der Wissenschaftler.

Nicht verschwenden

Es geht gar nicht darum, das Plastik zu verhindern, denn Ziel ist die Optimierung des Umgangs damit. „Plastik ist ein hervorragendes Material, das uns unglaublichen Wohlstand sichert. In Hygiene oder in der Lebensmittelhaltbarkeit ist es nicht mehr wegzudenken. Nur darf es nicht in ein Einwegsystem wandern, sondern muss für eine weitere Verwendung designt werden“, betont der Wissenschaftler. Mit der Verwendung 80 bis 90 Kilogramm Plastik pro Kopf pro Jahr liege Europa deutlich unter dem Schnitt von Ländern wie Taiwan oder den USA, wo momentan noch bis zu 120 Kilogramm verwendet werden. „Auch wenn es gelingt diese Zahlen auf die Hälfte zu reduzieren, dann ist dies noch nicht die Lösung des Problems“, verdeutlicht Stuchtey. Insbesondere die westlichen Länder seien angehalten, radikale Entwürfe zu liefern. Der Verzicht auf das Plastiksackerl beim Einkauf ist schon ein guter Start, der auch zum Umdenken in der Gesellschaft führen kann. „Es kann nicht sein, dass das grundsätzlich gute Material am Ende der Nutzung keinen ökonomischen Nutzen mehr hat, oder sogar soziale Kosten erzeugt. Ein Großteil der Malaria und Infektionskrankheiten in Afrika und Asien entstehen über Moskitos, die in den Restwasserlachen im Plastikmüll leben. Auch dass die Bioproduktivität der Ozeane durch Ozeanische Vermüllung und Verschmutzung verloren geht, ist problematisch“, so der Wissenschaftler. Die Bedingung, weiterhin Plastik erzeugen und verwenden zu dürfen, sei, diese Konsequenzen im Blick zu haben und an einer nachhaltigen Lösung zu arbeiten. Martin Stuchtey möchte dazu im Rahmen seiner Professur zum nachhaltigen Ressourcenmanagement einen Beitrag leisten.

Nachhaltiges Ressourcenmanagement

Gemeinsam mit Prof. Gabriele Chiogna und Prof. Kerstin Neumann ist Prof. Martin Stuchtey Teil des „Innovation Lab for Sustainability“ an der Uni Innsbruck, eine Einrichtung, die aus zwei Stiftungsprofessuren des Stiftungsfonds für Umweltökonomie und Nachhaltigkeit GmbH (SUN), besteht. Unterstützt werden Einrichtungen, Programme und Projekte, die sich aus der fortschreitenden Globalisierung sowie der Ausweitung grenzüberschreitender Aktivitäten und internationaler Kooperationen ergeben. Die Professuren beschäftigen sich aus der jeweiligen Fachperspektive heraus mit Fragestellungen des nachhaltigen Ressourcenmanagements, übergeordnetes Ziel des Labs wird es jedoch auch sein, das Thema Nachhaltigkeit als fächerübergreifende Einrichtung sichtbar an der Universität zu verankern.


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