Die Indianersprachen Nordamerikas

„And now for something completely different“: Unter diesem Titel stand Prof. Mag. Dr. Manfred Kienpointners Vortrag über die phonologischen, morphologischen und syntaktischen Besonderheiten der indigenen Sprachen Nordamerikas, der am 6. Oktober 2020 in gemeinsamer Regie des Innsbrucker Linguistischen Arbeitskreises (ILAK) und des Zentrums für Interamerikanische Studien (ZIAS) stattfand.
Prof. Kienpointner beim Vortrag
Bild: Prof. Manfred Kienpointner hielt einen Vortrag über die phonologischen, morphologischen und syntaktischen Besonderheiten der indigenen Sprachen Nordamerikas. (Credit: Jana Kluiber)

Manfred Kienpointner gab einen Einblick in die faszinierende Diversität und Komplexität der indigenen Sprachen Nordamerikas, deren Klassifikation schon einer Vielzahl von Linguist*innen Kopfzerbrechen bereitet hat und bis heute für Polemik sorgt. Wie bei der linguistischen Klassifikation der Sprachen anderer Kontinente stehen sich die zwei Grundpositionen der lumpers und der splitters gegenüber: Während erstere einige wenige sprachliche Großfamilien ansetzen, stehen zweitere großen Sprachfamilien skeptisch gegenüber und setzen dagegen viele, relativ kleine Sprachfamilien bzw. isolierte Sprachen an, die mit keiner anderen Sprache verwandt sind. Ob man nun den lumpers oder den splitters nahesteht: Man kommt jedenfalls nicht umhin, den unglaublichen Reichtum der Indianersprachen anzuerkennen. Mit phonetischen Systemen, die teilweise über ein Spektrum von bis zu 45 Konsonanten verfügen, oder Verbflexionen, die genaueste Vorgangsschilderungen mittels Aspekten ermöglichen, bieten die indigenen nordamerikanischen Sprachen hochinteressante Forschungsperspektiven für die Linguistik.
Zudem erzählen Sprachen immer auch von der Lebenswelt und Denkweise der Sprechenden: Die achtstufige semantische Hierarchie im Navaho unterscheidet unter anderem zwischen intelligenten und weniger intelligenten Tieren und stellt erstere auf den gleichen Rang wie Kleinkinder, während erwachsene Menschen die höchste Position einnehmen. Diese Hierarchie hat verschiedene syntaktische Konsequenzen, die den entsprechenden Rang auch auf sprachlicher Ebene sichtbar machen und somit eine grundlegende Kategorisierung der Umwelt der Sprechenden vornehmen. Von den linguistischen Besonderheiten schlug Prof. Kienpointner auch stets den Bogen zur Kultur und Geschichte sowie zur aktuellen politischen Situation der indigenen Völker in Nordamerika. Trotz der ständigen Bedrohung der indigenen Sprachen gibt vor allem der unermüdliche Einsatz vieler Muttersprachler*innen Anlass zur Hoffnung auf den Erhalt dieses faszinierenden Reichtums. Die rege Diskussion mit den zahlreichen Teilnehmenden vor Ort und im Livestream zeugte von dem großen Interesse an der Thematik und lieferte einmal mehr den Beweis für die gewinnbringenden Perspektiven, welche die indigenen Sprachen Amerikas für die allgemeine Sprachwissenschaft eröffnen.

Ausblick


Mit Manfred Kienpointners fulminantem Vortrag wurden nach längerer coronabedingter Pause im letzten Semester die Aktivitäten des Innsbrucker Linguistischen Arbeitskreises wiederaufgenommen, in dessen Rahmen sich Linguist*innen der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen (bzw. früher der geisteswissenschaftlichen) Fakultät seit mittlerweile 35 Jahren in der Regel einmal pro Monat während der Vorlesungszeit treffen, um über linguistische Themen zu diskutieren. Prof. Kienpointner selbst hatte den Arbeitskreis gemeinsam mit Prof. Maria Iliescu und Dr. Silvio Ghislimberti im Jahr 1985 gegründet und fungierte bis 2019 als dessen Leiter.
Zugleich gab Prof. Mag. Dr. Manfred Kienpointner an diesem aufschlussreichen Abend den Auftakt zum zweiten Teil der Vortragsreihe „Sprachen der Amerikas“ des Zentrums für Interamerikanische Studien, die im Sommersemester 2019 begonnen hat und nun im Laufe dieses Wintersemesters fortgeführt wird. Das Programm mit allen Themen und Vortragenden wird zeitnah auf der Webseite des ZIAS veröffentlicht.

(Jana Kluiber / Christine Konecny)

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