Die Ame­rikas und das An­thro­pozän

Am Mittwoch, 14. April, unternahm Prof. Dr. Martin Coy vom Institut für Geographie den „Versuch einer Einführung“ in die Debatte um „Die Amerikas und das Anthropozän“ und gab damit den Auftakt zur gleichnamigen virtuellen Vortragsreihe, die im Sommersemester 2021 am Zentrum für Interamerikanische Studien (ZIAS) stattfindet.
Atacama Mineralien
Bild: Martin Coy sprach in seinem Vortrag über „Die Amerikas und das Anthropozän“. (Credit: flickr.com, contains modified Copernicus Sentinel data (2019), processed by ESA, CC BY-SA 3.0 IGO)

Prof. Coy begann seinen Vortrag mit dem Ursprung des Begriffs, der von dem Meteorologen und Atmosphärenchemiker Paul J. Crutzen geschaffen wurde, als dieser auf einer Konferenz spontan versuchte, das Holozän von der gegenwärtigen, hauptsächlich vom Menschen geprägten geologischen Epoche abzugrenzen. Das somit ursprünglich zur Bezeichnung eines Zeitalters entstandene Konzept des Anthropozäns überschritt schnell die Grenzen der akademischen Disziplinen und fand Eingang in die Kultur- und Sozialwissenschaften, wo vor allem problematische Mensch-Umwelt-Beziehungen in den Fokus gerückt und grundsätzliche konzeptionelle Fragen nach der Verortung des Menschen innerhalb der Natur gestellt wurden. Die zahlreichen Theorien, die inzwischen um das Konzept des Anthropozäns gewachsen sind, basieren somit auf einer gemeinsamen Epistemologie, jedoch haben sich davon ausgehend unterschiedliche Narrative ausgeformt.

Im Kontext Lateinamerikas steht besonders die Differenz zwischen Globalem Norden und Süden im Vordergrund, die mit der kompromisslosen Ausbeutung der menschlichen sowie natürlichen Ressourcen des Kontinents im Rahmen der europäischen Expansion im 15. Jahrhundert begann und unter veränderten Vorzeichen bis in die Gegenwart reicht.

Heute sind vor allem Fragen nach der Macht transnationaler Unternehmen beim Rohstoffabbau sowie die Folgen der intensiven Plantagenwirtschaft und ihren globalen Produktionsnetzwerken relevant, welche die stetige Expansion der Ressourcen-Frontiers auf Kosten der Ökosysteme erfordern. Auch die Tendenz zur sozialökonomischen Fragmentierung des urbanen Raums, die in Metropolen wie São Paulo besonders sichtbar ist, stellt die Zukunft der (Mega-)Städte im Anthropozän infrage. Diese Entwicklungen, welche in den letzten Jahren durch ultra-neoliberale Politiken noch potenziert wurden, stehen im Gegensatz zu den wichtigen Impulsen verschiedenster zivilgesellschaftlicher Bewegungen, die unter dem Schlagwort des Buen Vivir sowohl politische Strategien als auch „neue“ Epistemologien zur sozialökologischen Transformation beigetragen haben. Der Blick nach und aus Lateinamerika eröffnet somit Perspektiven auf das Anthropozän, die zur Schärfung und Dekolonialisierung des Konzepts unerlässlich sind.

Unter diesem Vorzeichen steht auch der nächste Vortrag der Reihe: Prof. Dr. Jens Soentgen (Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg) nimmt am Mittwoch, den 21. April, die „Bedeutung indigenen Wissens für die Geschichte des Kautschuks“ in den Blick, um koloniale Machtstrukturen in der Wissenschafts- und Technikgeschichte aufzuzeigen.

Im Laufe der Reihe „Die Amerikas und das Anthropozän“ erwarten uns zudem drei weitere hochinteressante Beiträge, die verschiedene Facetten menschlicher Einflussnahme in den Amerikas beleuchten. Wir freuen uns auf ein abwechslungsreiches Semester mit regen Diskussionen, die die hervorragenden Wissenschaftler*innen bei den kommenden Vorträgen der Reihe zweifellos anstoßen werden.

Alle Informationen zum Programm finden Sie im Veranstaltungskalender des ZIAS.

Die Präsentation des Vortrags von Prof. Coy steht auf der Website des ZIAS zur Nachlese bereit.

Jana Kluiber (Zentrum für Interamerikanische Studien)

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