Blass und Ramminger Buchpatenschaft

Buch­pa­ten­schaft für das sog. Neustifter Ritu­ale – Erhalt eines litur­gi­schen Kultur­schatzes

Mit der Über­nahme einer Buch­pa­ten­schaft für das soge­nannte Neustifter Ritu­ale unter­stützt Herr Mag. Johannes Blaas den Erhalt einer bedeu­tenden litur­gi­schen Hand­schrift aus dem frühen 17. Jahr­hun­dert. Bei Cod. 553 aus den histo­ri­schen Samm­lungen der Univer­si­täts- und Landes­bi­blio­thek Tirol handelt es sich um ein wert­volles Doku­ment zur Liturgie- und Kultur­ge­schichte des Augus­tiner Chor­her­ren­stiftes Neustift in Südti­rol.

Als Dank für die großzügige Übernahme dieser Buchpatenschaft lud die Universitäts- und Landesbibliothek Tirol am 27. Mai 2026 zu einer Präsentation der Handschrift und der daran vorgenommenen konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen ein. Im Rahmen der Veranstaltung wurde die historische und liturgiegeschichtliche Bedeutung des Codex näher vorgestellt.

 

Quelle lokaler Liturgiegeschichte

Das Neustifter Rituale war kein reines Lesebuch, sondern diente dem konkreten Vollzug der Liturgie. Die Handschrift wurde im Gottesdienst verwendet und bei Prozessionen mitgetragen. Deutliche Gebrauchsspuren zeugen von ihrer intensiven Nutzung über einen langen Zeitraum hinweg. Trotz ihres heute unvollständigen Zustands erlaubt die Handschrift wertvolle Einblicke in die liturgische Praxis des Augustiner Chorherrenstiftes Neustift und vermittelt zugleich wichtige Informationen über die ehemalige Ausstattung der Neustifter Stiftskirche vor ihrer barocken Umgestaltung.
Im Mittelpunkt der Ausführungen standen insbesondere die in Cod. 553 überlieferten liturgischen Feiern. Die Handschrift enthält Texte und Anweisungen für die Totenmemoria, das Fest Mariä Lichtmess und die Feierlichkeiten der Karwoche. Besonders eindrucksvoll zeigt die Palmsonntagsliturgie das enge Zusammenspiel von Text, Musik, Bewegung und Raum innerhalb der Liturgie. Die Texte wurden nicht nur gelesen oder gesungen, sondern durch rituelle Handlungen körperlich und räumlich erfahrbar gemacht.
 

ULB Tirol, Cod. 553, Bl. 16r


ULB Tirol, Cod. 553, Bl. 16r


Historischer Kontext

Die liturgischen Inhalte des Codex lassen sich in die lange liturgische und kulturelle Tradition des Stiftes Neustift einordnen. Schon früh entwickelte sich das 1142 gegründete Kloster zu einem bedeutenden geistlichen und kulturellen Zentrum im Tiroler Raum. Besonders die Pflege der Liturgie und des gregorianischen Chorals nahm im Leben der Chorherren einen zentralen Stellenwert ein. In Neustift entstanden bald nach Gründung eine Bibliothek, eine Klosterschule und ein Skriptorium, in dem zahlreiche liturgische Handschriften angefertigt wurden. Auch nach der Einführung des Buchdrucks hielt man weiterhin an handgeschriebenen liturgischen Büchern fest, unter anderem um lokale liturgische Traditionen zu bewahren. Nach der Aufhebung des Stiftes im Jahr 1807 gelangten zahlreiche Handschriften nach Innsbruck, darunter auch Cod. 553; ein Teil der Bestände kehrte jedoch 1929 wieder nach Neustift zurück.
 

Konservierung und Restaurierung

Ergänzend zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Neustifter Rituale widmete sich die Veranstaltung auch den konservatorischen und restauratorischen Arbeiten. Die Handschrift war infolge des intensiven liturgischen Gebrauchs stark beansprucht und zudem von Tintenfraß betroffen. In einem aufgezeichneten Vortrag erläuterte die Restauratorin Judith Emprechtinger MA (Innsbruck) ausführlich die durchgeführten Maßnahmen zur Sicherung und Erhaltung des Codex. Durch die Restaurierung konnte dieses bedeutende Zeugnis der Tiroler Liturgie- und Kulturgeschichte dauerhaft gesichert werden.
 

Sichern von Bereichen mit Tintenfraß



Sichern von Bereichen mit Tintenfraß.


Digitalisierung und digitale Zugänglichkeit

Darüber hinaus wurde ein Einblick in die Digitalisierung historischer Bestände an der ULB Tirol gegeben. Vorgestellt wurden sowohl die praktische Durchführung der Digitalisierung wertvoller Handschriften als auch die Ergebnisse, die im Repositorium ULB:Digital zugänglich gemacht werden. Weiterführende Informationen zum Inhalt der Handschrift werden im österreichischen Handschriftenportal manuscripta.at geboten. Besonderes Interesse galt der virtuellen Ausstellung Bibliotheca Neocellensis digital, in der die heute auf verschiedene Standorte verteilten Neustifter Codices digital wieder zusammengeführt wurden.

Die Initiative „Buchpatenschaft“ unterstützt die Umsetzung wichtiger konservatorischer Maßnahmen an den historischen Beständen der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol. Buchpat:innen leisten damit einen wertvollen Beitrag zum Erhalt des schriftlichen Kulturerbes für zukünftige Generationen.
 

Blass und Ramminger Buchpatenschaft

Buchpate Mag. Johannes Blaas mit Bibliotheksleiterin Mag. Eva Ramminger bei der Übergabe der Buchpatenschaftsurkunde zu ULB Tirol, Cod. 553

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