Kristin Kersten, Universität Mannheim
Abstract
Sprachsensibler Unterricht: Faktoren, Strategien, Wirksamkeitsstudien
Ausgangspunkt des Vortrags ist die heterogene Zusammensetzung von Lerngruppen, die durch vielfältige individuelle Unterschiede in sprachlichen Hintergründen und sozialer Herkunft geprägt ist. Diese Heterogenität wirkt sich maßgeblich auf sprachlich-kognitive Fähigkeiten und Entwicklungsverläufe aus und zeigt sich sowohl in bildungssprachlichen Kompetenzen als auch im Fremdspracherwerb.
Neuere interdisziplinäre Ansätze im Forschungsfeld der Instructed Second Language Acquisition (ISLA) betrachten Spracherwerbsprozesse als ein komplexes Zusammenspiel individueller sprachlicher und kognitiver Voraussetzungen sowie sozialer und schulischer Rahmenbedingungen. Dabei kommt insbesondere den sogenannten proximalen Faktoren im unmittelbaren Lebensumfeld der Lernenden – den Interaktionen in Familie und Schule – eine zentrale Bedeutung zu, da sie die relevanten Anregungen für die Entwicklung darstellen.
Vor diesem Hintergrund nimmt der Beitrag zunächst individuelle Unterschiede im Spracherwerb in den Blick und fokussiert anschließend auf soziale und schulische Faktoren. Im Zentrum stehen dabei sprachsensibler Unterricht, Inputqualität und Scaffolding-Techniken als zentrale Gestaltungsmerkmale lernwirksamer Unterrichtsprozesse. Inputqualität, verstanden als Einsatz kognitiv stimulierender sowie sprach- und verständnisfördernder Techniken, unterstützt Entwicklungsprozesse durch erhöhte neuronale Aktivierung, größere Verarbeitungstiefe und die Anregung assoziativer Netzwerke, die an vorhandenes Wissen anknüpfen und aktive Wissenskonstruktion ermöglichen.
Abschließend werden Forschungsbefunde von Inputqualität als Prädiktor für Erst- und Zweitsprachkompetenzen vorgestellt. Die Ergebnisse weisen zudem darauf hin, dass qualitativ hochwertiger sprachlicher Input soziale Effekte ausgleichen kann. Daraus ergibt sich ein Potenzial sprachsensiblen Unterrichts für die Förderung sprachlicher Entwicklung und für einen potenziellen Chancenausgleich für benachteiligte Lernergruppen.
Bio
Kristin Kersten hat in anglistischer Linguistik an der Universität zu Köln promoviert und war als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Anglistik der Universitäten Kiel, Köln und Magdeburg tätig. In Magdeburg leitete sie das EU-Comenius-Projekt ELIAS (Early Language and Intercultural Acquisition Studies), das Spracherwerb in bilingualen Kindertagesstätten untersuchte. 2010 wurde sie auf die Juniorprofessur Fremdsprachendidaktik und Zweitspracherwerb und 2014 auf die W2-Professur für Englischdidaktik und Spracherwerb an der Universität Hildesheim berufen. Dort war sie am Aufbau des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (CELEB) beteiligt und leitete die interdisziplinären Forschungsprojekte SMILE (Studies on Multilingualism in Language Education) und das Multi-Site Projekt STILE (Strategies for Teaching in Language Education). Seit 2023 hat sie den W3-Lehrstuhl für Mehrsprachigkeitsdidaktik an der Universität Mannheim inne und forscht in standortübergreifenden Projekten zu Einflussvariablen auf den Zweitspracherwerb, Unterrichtsqualität und bilingualen Unterricht.
