Was bleibt von Rio

Die diesjährigen Olympischen Spiele in Rio de Janeiro und die Vorbereitungen darauf sind Grund für zahlreiche Diskussionen. Juliana Barbassa von der Associated Press in Rio de Janeiro und Dr. Christopher Gaffney vom Institut für Geographie an der Universität Zürich gaben in Kurzvorträgen spannende Einblicke zum Thema.
Die Vortragenden
Bild: Die Vortragenden Juliana Barbassa und Christopher Gaffney. (Credit: Rottensteiner_TT)

Überwältigend war die Freude in der frisch gekürten Olympiastadt sowie in ganz Brasilien, als im Oktober 2009 die Entscheidung für den Austragungsort der 36. Olympiade auf Rio de Janeiro gefallen war. Mit dem Entzünden des olympischen Feuers am 5. August 2016 werden erstmals Olympische Spiele in Südamerika stattfinden. Der ersten Euphorie über „Olympia am Zuckerhut“ folgte schon bald die Erkenntnis, dass neben der Fußball-WM 2014 auch eine olympische Großveranstaltung ihre Schatten wirft. Bezüglich der Auswirkungen solcher Megaevents muss schließlich kritisch hinterfragt werden, welche generellen und insbesondere urbanen Entwicklungsimpulse hiervon ausgehen. Wer profitiert von diesen auf globaler Ebene und von internationalen Akteuren gesteuerten Veranstaltungen und welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus für die lokale Bevölkerung?

Christopher Gaffney bei seinem Vortrag.
Christopher Gaffney bei seinem Vortrag. (Bild: Rottensteiner, TT)

Zu diesen und weiteren Fragen konnten auf Einladung des Instituts für Geographie (Universität Innsbruck) sowie der Initiative „Nosso Jogo“ Dr. Christopher Gaffney von der Universität Zürich und Juliana Barbassa, eine Journalistin ihre Forschungs- und Rechercheergebnisse in zwei Kurzvorträgen mit dem Titel: „Festivalisation of the urban in Rio de Janeiro. Festivalisation of the urban in Rio de Janeiro“ einem interessierten Publikum vorstellen. Beleuchtet wurden dabei die zeitweise chaotisch anmutende Planungs- und Bauphase der olympischen Wettkampfstätten bzw. der schleppende Ausbau urbaner Infrastruktur, sowohl im Vorlauf der Fußball-WM als auch insbesondere während der präolympischen Phase. Neben eklatanten Planungsmängeln zeigten die Vortragenden deutliche Probleme aufgrund intransparenter Entscheidungsprozesse, unter anderem bei der Verabschiedung kommunalrechtlicher Grundlagen, als auch im Zuge diverser Korruptionsskandale auf. Hinterfragt wurde zudem der Mehrwert dieser Events für die Bevölkerung Rio de Janeiros: während Unsummen für neue, zum Teil luxuriöse Sportstätten ausgegeben wurden blieben der Ausbau und im Zuge der Bewerbung versprochene Verbesserungen der öffentlichen Infrastruktur (z.B. neue bzw. verbesserte Busverbindungen) deutlich hinter den Erwartungen zurück. Darüber hinaus zeigt sich, dass für einen Teil der Bewohner – insbesondere in Marginalvierteln –die Copa do Mundo 2014 oder auch Olympia 2016 eher zum Albtraum wurde, da sich diese Bewohner massiven Konflikten mit der Staatsgewalt in Form von Repressalien, Räumungsaktionen und Vertreibungen inklusive der Zerstörung informell errichteter Unterkünfte ausgesetzt sah. Von besonderer Brisanz ist dabei, dass nicht selten die Durchsetzung partikulärer Interessen (z.B. der Bauindustrie, des Immobiliensektors) im Vordergrund stand. Von Seiten der Vortragenden wurden solche Netzwerke und interessengeleiteten Verbindungen aufgezeigt und kritisch bewertet.

Juliana Barbassa gibt interessante Einblicke.
Juliana Barbassa gibt interessante Einblicke. (Bild: Rottensteiner, TT)

Abschließend wurden weitere Aspekte der Thematik in einer offenen Diskussionsrunde mit den rund 50 Anwesenden vertieft. Dabei stellte sich unter anderem die Frage, was vom Spirit der Olympiade übrigbleiben wird, wenn am 21. August diesen Jahres die olympische Flamme erloschen ist? Relativ wenig „Zählbares“ laut den Vortragenden, was bedeutet, dass Megaevents eher deutliche Nachteile für die lokale, insbesondere die weniger privilegierte Bevölkerung mit sich bringen. In diesem Zusammenhang bleibt auch abzuwarten, inwiefern eine Aufarbeitung der Versäumnisse und fragwürdigen Vorgehensweisen der öffentlichen Hand, bis hin zu Menschenrechtsverletzungen, überhaupt statt finden wird. Mit dem abschließenden Statement „The show can’t go on“ endete der Beitrag von Christopher Gaffney, was die Durchführung solcher Megaevents kritisch in Frage stellt.

Fazit: In der aktuellen Form der Durchführung ist solchen Großevents aufgrund der damit einhergehenden Probleme eine Absage zu erteilen. Herzlichen Dank dem ZIAS (Zentrum für Interamerikanische Studien) für die freundliche Unterstützung!

Frank Zirkl (Institut für Geographie, AGEF)

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