Thomas Lindner

Vor­ge­stellt: Inter­na­tional und digi­tal

Internationale Investments und die Organisation von multinationalen Unternehmen stehen im Fokus der Forschung von Thomas Lindner. Der neue und erste Professor für Internationales Management an der Uni Innsbruck forscht an der Schnittstelle zwischen Finanzwissenschaften, Betriebswirtschaftslehre und Management.

Thomas Lindner repräsentiert nicht nur die erste Professur im Bereich Internationales Management an der Universität Innsbruck überhaupt, sondern bringt auch eine neue Perspektive auf seinen Forschungsbereich mit, die im Internationalen Management nach wie vor als Alleinstellungsmerkmal gilt. „Ich untersuche unter anderem, wie sich der Einsatz von Methoden der Digitalisierung auf Unternehmen auswirkt. Denn, die meisten Theorien in der Betriebswirtschaftslehre sind darauf zurückzuführen, dass Menschen nicht gut darin sind, schwierige Entscheidungen unter unvollständiger Information zu treffen. Deshalb haben sich Lösungsansätze entwickelt, die komplexe Sachverhalte stark vereinfachen. Durch moderne Datenanalysetechniken und auch durch künstliche Intelligenzen ändern sich die Voraussetzungen – Heuristiken müssen nicht mehr so stark vereinfacht sein“, erläutert Lindner. Dadurch entwickeln sich möglicherweise viele theoretische Annahmen weiter, die in der Betriebswirtschaftslehre aktuell noch Status quo sind. Dass er damit am Anfang eines breiten Forschungsfeldes steht, kommt dem neuen Professor sehr gelegen: „Ich beschäftige mich gerne mit komplexen Sachverhalten und versuche, diese zu lösen. Das treibt mich in meiner Arbeit vor allem an.“

Wirtschaftliche Prognosen verbessern

Neben der Erforschung des Einflusses, den die Methoden der Data Science auf Unternehmen haben, nutzt Thomas Lindner sie auch, um Forschungsmethoden zu verbessern. Aktuell arbeitet er beispielsweise an einem Projekt mit der Österreichischen Nationalbank (ÖNB), um die Prognosen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu verbessern. Vor allem die Auslandsgewinne von österreichischen Unternehmen sollen dadurch künftig besser vorhergesagt werden können. „Obwohl die Wertschöpfung in Österreich zu rund 50 Prozent von Wirtschaftsaktivitäten im Ausland abhängt, gab es bisher aufgrund fehlender Soft- und Hardware keine Möglichkeiten, Prognosen auf Unternehmensebene zu machen – und schon gar nicht für österreichische Tochterunternehmen im Ausland“, beschreibt Lindner die Ausgangslage. Um das künftig zu ändern, setzt er deshalb an zwei Punkten an: Zum einen wird die Granularität der Daten sowie der Datenanalyse überarbeitet und zum anderen lässt er aktuelle Literatur zum Verständnis internationaler Geschäftsaktivitäten in seine Berechnungsmodelle einfließen. Dass verlässliche Vorhersagen hier bisher kaum möglich waren, wirkt sich auch auf die mediale Berichterstattung über Betriebsansiedelungen und Investitionen im Ausland aus. Lindner sieht es deshalb auch als seine Aufgabe, die Ergebnisse seiner Forschung zu kommunizieren: „Im Rahmen meiner Professur an der Uni Innsbruck möchte ich sowohl Unternehmen als auch die Öffentlichkeit zum Wissensstand in der Wissenschaft informieren, und zur öffentlichen Diskussion beitragen.“

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Mikroskop für die Datenanalyse

Dass es im Internationalen Management Experten wie Lindner braucht, zeigt ein weiteres, gerade veröffentlichtes Paper, das die Einflüsse auf Unternehmen auf unterschiedlichsten Ebenen untersucht. „Unternehmen agieren für sich und sind gleichzeitig aber eingebettet in politische, soziale und geografische Gegebenheiten. Die Herausforderung dabei ist, wie man es schafft, tatsächlich nur das zu sehen, was man auch sehen möchte“, erläutert Lindner die Problematik. Gemeinsam mit Kollegen aus den USA und Österreich hat Lindner deshalb versucht, die Firmen- von den Umfeldeffekten zu isolieren, um sozusagen ein Mikroskop für die Datenanalyse zu erhalten. „Die statistische Methode, mit der wir hier gearbeitet haben, ist nicht neu. Die Grundlagen sind seit den 1950er Jahren bekannt und weit verbreitet. Wir haben uns jedoch angesehen, was es für unsere Disziplin bedeutet, wenn wir die unterschiedlichen Ebenen konsequent trennen“, erklärt Lindner. Interdisziplinär zu arbeiten ist für den neuen Professor selbstverständlich. Er arbeitet in seiner Forschung weitgehend mit verschiedenen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien aus den Bereichen der Finanzwissenschaften, der Betriebswirtschaft und des Managements.

Programmierkenntnisse unverzichtbar

Etwa die Hälfte seiner Forschungszeit verbringt Thomas Lindner mit dem Schreiben von Code – meist in der Skriptsprache R, an deren Entwicklung die Universität Innsbruck mit dem Statistiker Achim Zeileis maßgeblich beteiligt war. „Ich bin zwar kein Programmierer, in der empirischen, quantitativen Betriebswirtschaftslehre ist es jedoch beinahe schon ein Muss, ein gewisses Maß an Programmierkenntnissen mitzubringen“, sagt Lindner. Bereits seit einigen Jahren unterrichtet er den Kurs Geschäfts- und Datenanalytik – ab dem kommenden Wintersemester für Studierende des Masters Strategisches Management und Innovation an der Universität Innsbruck. Dass diese Fähigkeiten auch außerhalb der Forschung auf dem Arbeitsmarkt immer wichtiger werden, zeige die deutliche Zunahme an Datenanalyse-Abteilungen in Unternehmen, so Lindner.

Ähnlicher als gedacht

Seine Affinität zu den oben genannten Methoden liegt nicht zuletzt an seinem Physikstudium, das Lindner neben seinem Wirtschaftsstudium abgeschlossen hat. Obwohl diese Kombination zunächst außergewöhnlich wirkt, sind Physik und Wirtschaft für ihn keine Gegensätze: „Die Methoden in der Physik und in der Betriebswirtschaftslehre sind sogar ähnlicher, als viele das vermuten mögen. Machine Learning Methoden sind in der empirischen Arbeit sowohl in der Physik als auch in den Wirtschaftswissenschaften zentrale Methoden. Gerade in den Finanzwissenschaften gibt es Theorien, die weitgehend aus der statistischen Physik kommen. Da hat man dann, plakativ gesagt, die Variable Temperatur mit der Variable Aktienpreis ersetzt.“ Dass genau das oft kritisiert wird, weil die dahinterliegenden Mechanismen ganz andere sind, dessen ist sich der Physiker und Betriebswirtschaftler bewusst. Obwohl seine wissenschaftliche Arbeit sich mittlerweile ausschließlich um internationale wirtschaftliche Zusammenhänge dreht, bleibt Thomas Lindner auch der Physik weiterhin treu. So organisiert er im Verein AYPT Physikwettbewerbe für Schüler*innen, und ist dabei zumindest manchmal auch froh, dass er sich nicht mehr tiefer mit der Physik beschäftigt: „Wenn man sich nicht ständig mit der Materie auseinandersetzt, dann merkt man schon, dass man etwas aus der Form kommt.“

 

 

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