Rektor Märk in der Aula.

Uni re­habi­li­tiert Chris­toph Probst und arbei­tet NS-Ge­schichte auf

Ihr Jubiläum nutzt die Universität auch dazu, sich mit den dunklen Seiten ihrer Geschichte kritisch aus­einander­zusetzen. Involvierung in und nachträglicher Umgang mit dem Nationalsozialismus wird an Fragmenten eines Adolf-Hitler-Mosaiks in der Aula ablesbar. Es gilt auch, problematische Seiten der Ehrungspraxis zu beleuchten. Und Christoph Probst wurde am 21. Februar rehabilitiert.

Vor 77 Jahren – im WS 1942/43 – wurde der Medizinstudent Christoph Probst zum Studium an die Universität Innsbruck versetzt. Am 22. Februar 1943 wurde er als Mitglied der studentischen Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ zusammen mit Hans und Sophie Scholl in München hingerichtet; am selben Tag hatte ihn ein „Dreierausschuss“ des Rektorats der Universität Innsbruck „dauernd vom Studium an allen deutschen Hochschulen ausgeschlossen“. Die Universität Innsbruck lud am 21. Februar gemeinsam mit der Medizinischen Universität Innsbruck zur Erinnerung an dieses Ereignis zu einer Gedenkstunde in die Aula der Universität Innsbruck ein. Diese Gedenkstunde wurde auch dazu genutzt, Christoph Probst zu rehabilitieren und seine Exmatrikulation zumindest symbolisch rückgängig zu machen. Der Innsbrucker Schauspieler Hans Danner las zudem aus Briefen, die Christoph Probst während seiner kurzen Zeit in Innsbruck an Familienmitglieder und Freunde geschrieben hat. „Anlässlich unseres Jubiläums setzen wir uns intensiv mit der Vergangenheit der Universität und ihren Widersprüchen auseinander. Im Zuge dessen haben wir uns dazu entschieden, auch die Geschichte der Universität neu erforschen zu lassen, und mit diesem dunklen Kapitel in unserer Vergangenheit entsprechend verantwortungsbewusst umzugehen. Es ist mir natürlich bewusst, dass dieser Akt der Rehabilitierung von Christoph Probst rein symbolisch ist – aber wir wollen ihn dennoch setzen, um Klarheit zu schaffen“, sagt Rektor Tilmann Märk.

Problematische Ehrungen

Im Verlauf des Jubiläumsjahres wird eine ganze Reihe von Veranstaltungen zur Geschichte der Universität stattfinden. In der großen Festwoche im Oktober, rund um den historischen Gründungstag der Universität Innsbruck am 15. Oktober, wird auch eine neue Universitätsgeschichte präsentiert werden. Dafür wurde unter anderem die umfangreiche universitäre Ehrungspraxis untersucht: „Bei Ehrungen handelt es sich immer um symbolische Maßnahmen, aber durchaus politische Entscheidungen. Sie spiegeln den jeweiligen historischen Kontext und die Interessen der beteiligten Akteure. Aus Sicht von Historikerinnen und Historikern ist es nicht überraschend, dass die Beurteilung von Praktiken, Zuständen, Systemen, Institutionen und auch Personen mit der Zeit Veränderungen unterworfen ist. Mit Ehrungen und Auszeichnungen wird jedoch versucht, bestimmte Personen und Leistungen späteren Neubewertungen zu entziehen“, erläutert der Zeithistoriker Prof. Dirk Rupnow, Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät. „Die Verantwortungsträger der Universität Innsbruck haben im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Personen geehrt, die aus heutiger Sicht nicht mehr als würdig gelten können.“

Die Universität hat sich daher dazu entschlossen, Fälle von Ehrungen, die ihr heute nicht mehr angemessen erscheinen, zu markieren und zu dokumentieren. Aufgrund der großen Zahl der Geehrten und oft mangelnder Informationen kann dies nur ein „work in progress“ sein. „In vielen Fällen gibt es auch keine einfachen Antworten, sondern bleibt eine nachträgliche Einschätzung schwierig“, erläutert Rupnow.

Bohrungen in der Aula

Im Sommer 1938, kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, gab der damalige Rektor Harold Steinacker das Mosaik einer Hitler-Darstellung bei der Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt für die Aula in Auftrag. Die Privatkanzlei des „Führers“ hatte hierzu ihre Zustimmung erteilt. Der Innsbrucker Künstler Hubert Lanzinger lieferte die Vorlage unter Rückgriff auf sein – als Postkarte bereits weithin bekanntes – Gemälde „Der Bannerträger“ (1934), das Adolf Hitler als Ritter in silberner Rüstung zu Pferde zeigt, mit der Hakenkreuzfahne in der Hand. Das Motiv knüpfte an verschiedene Traditionen an und wurde zum Symbol verdichtet; das Porträt dominierte den Saal, nicht zuletzt auch auf Grund der künstlerischen Qualität des Mosaiks.

Nach Kriegsende 1945 wurde das Mosaik offenbar weitgehend abgeschlagen und zunächst durch eine neutrale Putzoberfläche mit ockerfarbenem Anstrich übertüncht. 1947 wurde an der inkriminierten Stelle eine stuckumrahmte Tafel mit dem Schriftzug „in veritate libertas“ (in der Wahrheit liegt die Freiheit) – der Wahlspruch der katholischen Studentenverbindung Austria – angebracht. Jenseits der Akten im Universitätsarchiv und weniger Indizien gab es lange Zeit scheinbar kein fotografisches Zeugnis des Mosaiks in situ. Auch sein Verschwinden war bislang nicht nachvollziehbar dokumentiert. 2017 brachte schließlich eine Tiefensondierung im Auftrag der Universitätsleitung Reste des Mosaiks selbst und die Spuren seiner Beseitigung zutage. Angesichts der Vielschichtigkeit und Ambivalenz der damit sichtbaren Vorgänge – des vorauseilenden Gehorsams der universitären Amtsträger 1938 sowie der eilfertigen Distanzierung 1945, vor allem aber der Verdrängung der eigenen Mitverantwortung und Schuld – hat sich die Universität Innsbruck entschlossen, die Sondierungsbohrungen in die Vergangenheit offen zu lassen und eine entsprechende Hinweistafel in der Aula anzubringen.

News aktuell – die neuesten Beiträge

weitere Beiträge

Nach oben scrollen