In diesem Becken des Innsbrucker Korallen-Shops Alpenriff wurde der Tiroler Plattwurm entdeckt.

Mariner Plattwurm in Tirol entdeckt

Innsbrucker Zoologen haben eine neue marine Plattwurm-Art beschrieben. Soweit nicht ungewöhnlich. Bemerkenswert allerdings ist der Fundort der neuen Art: Innsbruck in Tirol.

Der gemeinhin als Leopardenstrudelwurm bekannte Plattwurm wird bereits seit langem von Meeres-Aquarianern gefürchtet. „Diese Art ist in Meerwasser-Aquarien als Schneckenräuber bekannt. Ein Wurm frisst circa eine für das Funktionieren des Ökosystems Aquarium bedeutende Schnecke der Gattung Tectus pro Woche. Wenn man bedenkt, dass die Schnecken rund vier Euro pro Stück kosten, ist verständlich, dass die Aquarien-Besitzer nicht gerade erfreut darüber sind, den Plattwurm in ihrem Aquarium zu haben“, erklärt Bernhard Egger, Universitätsassistent am Institut für Zoologie der Uni Innsbruck. Entdeckt hat er die Art, für die er mittlerweile gemeinsam mit seiner Studentin Isabel Dittmann eine komplette Artbeschreibung vorgenommen hat, durch Zufall.

Zufallsfund

Vor einigen Jahren hielt der auf Plattwürmer spezialisierte Zoologe einen Vortrag bei einem internationalen Meerwasser-Aquaristik-Treffen in Völs. „Dort wurde mir mehrfach von einem Wurm berichtet, der den Schnecken-Bestand in den Aquarien gefährdet“, erklärt Egger. „Da der Plattwurm nachtaktiv ist, haben sich einige Aquarien-Besitzer nach dem regelmäßigen Verschwinden ihrer Schnecken nachts auf die Lauer gelegt und den relativ großen Plattwurm auf frischer Tat ertappt.“

In Folge seines Vortrags wurden dem Zoologen dann auch die ersten Exemplare zur weiteren Untersuchung zur Verfügung gestellt. „Die äußeren morphologischen Untersuchungen an einem Exemplar aus einem Landecker Aquarium machten relativ schnell klar, dass es sich bei dem Tier um eine neue Art handeln könnte“, sagt Egger. „Weitere Untersuchungen an Tieren, die uns der Innsbrucker Korallen-Shop Alpenriff zur Verfügung gestellt hat, bestätigten diese erste Vermutung.“ 

Die Abbildung zeigt ein sieben Zentimeter großes Exemplar der neu beschriebenen Spezies Pericelis tectivorum. Den Beiname Leopardenstrudelwurm hat er aufgrund seiner interessanten Färbung. (Foto: Wolfgang Dibiasi DibiasiWelt.com)

Aufwendige Artbeschreibung

Die Studentin Isabel Dittmann erklärte sich bereit, im Rahmen ihrer Dissertation die sehr aufwendige taxonomische Beschreibung der neuen Art Pericelis tectivorum vorzunehmen. „Allein die Fixierung des Wurms ist sehr schwierig, da sich dieser extrem schnell einrollt, wenn er berührt wird. Um diesen Mechanismus zu umgehen, haben wir das Fixativ eingefroren. Anschließend wird das Tier in Paraffin eingebettet, um es zu entwässern und haltbar zu machen. In der Folge werden histologische Schnitte – feine, mit Hilfe eines speziellen Werkzeuges abgetrennte sehr dünne Schichten organischen Gewebes – für die weitere mikroskopische Untersuchung entnommen“, beschreibt Dittmann die Vorgehensweise. Da die Tiere recht groß sind – mit bis zu sieben Zentimetern zählen sie zu den größten Exemplaren unter den Plattwürmern – wurden dafür rund 250 Objektträger benötigt. „Auf jedem Objektträger befinden sich sieben bis acht histologische Schnitte“, verdeutlicht Dittmann den Aufwand und den Grund, warum Plattwurm-Arten nur selten beschrieben werden. Neben den rund 2000 histologischen Schnitten mussten die Zoologen auch das Genital – eines der ausschlaggebenden Merkmale bei Plattwürmern – der Art rekonstruieren. „Plattwürmer sind sogenannte Hermaphroditen, sie verfügen über ein männliches und ein weibliches Genital“, so Egger. „Zudem können die einzelnen Arten morphologisch durch die Stellung der Tentakel und die Augenanordnung am Hirn unterschieden werden – insgesamt verteilen sich über das ganze Tier mehrere hundert Augen.“

Tiroler Art

Der natürliche Lebensraum des Leopardenstrudelwurms Pericelis tectivorum ist nach wie vor unbekannt; als offizieller Fundort wurde der Korallen-Shop Alpenriff in Innsbruck eingetragen. „Wir haben bei dieser Artbeschreibung also den kuriosen Fall, dass eine marine Art in Tirol entdeckt wurde“, erklärt Bernhard Egger. Neben den Innsbrucker Tieren wurden weitere Exemplare in einem Landecker Aquarium gefunden. Insgesamt haben die Zoologen Markermoleküle von vier Individuen sequenziert, die genetisch zu 100 Prozent identisch sind. „Die von uns untersuchten Tiere stammen aus zwei voneinander unabhängigen Populationen. Die beiden Aquarien-Besitzer kannten sich nicht und haben auch nie Lebendgestein oder Korallen ausgetauscht“, erklärt Egger. Im Alpenriff scheint es sogar gelungen zu sein, den gesamten Lebenszyklus der Art zu ermöglichen. „Christian Hepperger, der Besitzer von Alpenriff, züchtet die Korallen, die er verkauft, selbst, aus diesem Grund gab es dort seit circa zehn Jahren keinen Besatz mit Fremdmaterial mehr. Da er nach wie vor Exemplare von Pericelis tectivorum findet, lebt dort entweder eine sehr alte Population oder – und das ist im Hinblick auf das, was wir über die Lebensdauer der Würmer wissen wohl wahrscheinlicher – es ist ihm gelungen, der Art einen ganzen Lebenszyklus in seinen Aquarien zu ermöglichen“, verdeutlicht der Zoologe Egger. In Kooperation mit Alpenriff wollen die Wissenschaftler auch ihre künftige Forschungsarbeit angehen: Isabel Dittmann will im Rahmen ihrer Dissertation versuchen, die Jungtiere der Art genauer zu untersuchen. „Aufgrund der molekularen Verwandtschaftsverhältnisse wissen wir, dass es sich bei dieser Art um ein Tier mit ursprünglicher Entwicklung handeln könnte. Die Rekonstruktion ihrer Larve könnte also für den gesamten Stamm der Plattwürmer sehr interessant sein“, erläutert Isabel Dittmann.

 Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).

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