Blick auf die Archiv­land­schaft

Vom 14. bis 16. Juni fand im Forschungsinstitut Brenner-Archiv die 21. Tagung der KOOP-LITERA statt. Sie bildet das Forum der Literaturarchive sowie der Handschriftensammlungen von Museen und Bibliotheken, also der Institutionen, die Nachlässe und Vorlässe von Personen vornehmlich des literarischen Lebens sammeln, erschließen, bewahren, präsentieren.
Tagungsteilnehmer KOOP-LITERA 2018
Bild: Die TeilnehmerInnen der Tagung in Innsbruck. (Credit: Uni Innsbruck)

Die Tagung bietet im Rahmen von Workshops die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen, Vorträge berichten von neuen Entwicklungen, Diskussionen erlauben Erfahrungsaustausch. Kurz: Es geht um das Zusammenführen von Kompetenzen und Lösungsansätzen rund um die Fragen eines Literaturarchivs. Die Tagung findet jährlich in einem der österreichischen Literaturarchive statt. In diesem Jahr hat sie das Forschungsinstitut Brenner-Archiv ausgerichtet und unter dem Schwerpunkt „Archivlandschaft Österreich“ versucht auszuloten, an welchen Punkten sich Literaturarchive untereinander und mit Handschriftensammlungen so vernetzen können, dass sowohl archivpraktische als auch archivtheoretische, nicht zuletzt archivpolitische Aspekte Berücksichtigung finden.
Spätestens nach dem katastrophalen Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009, in dem auch bedeutende literarische Nachlässe aufbewahrt werden/wurden (z.B. von H. Böll, H. Bender), war die Öffentlichkeit für den materiellen wie symbolischen Wert eines Nachlasses und die Agenden eines Literaturarchivs bzw. einer Handschriftensammlung sensibilisiert. Die Institution Literaturarchiv rückte als Schaltstelle von kultureller Überlieferung in den Blick, und die enorme Vielfalt von Identitäten wurde bewusst, wie sie an diesem Ort berücksichtigt und gespiegelt ist.

In einem Workshop der Tagung wurden die neuen Regeln zur Erschließung von Nachlässen vorgestellt, die derzeit im Auftrag des Standardisierungsausschusses der Deutschen Nationalbibliothek von einer ExpertInnengruppe aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgearbeitet werden. Sie sollen internationale archivarische Standards an bibliothekarische Formate anschließen und langfristig Kompatibilität gewährleisten. Eine zentrale Rolle spielt deswegen die Einbindung von Normdaten. Zugleich aber klagen die Regeln die Einmaligkeit und damit Spezifität von solchen Archivalien ein, die etwa kreativen Prozessen oder Briefwechseln zwischen künstlerisch tätigen Akteurinnen und Akteuren entspringen. Das umfassende und verbindliche Regelwerk bildet das Basiswissen einer archivarischen Erschließung, deren anderer Teil immer ein professionelles Gespür für das Potential des jeweiligen Bestandes ist.

Eine zweite Sektion der Tagung beschäftigte sich mit „Digitaler Edition“. Die Vorträge von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Editionsprojekten dürfen als Beweis dafür gelten, in wie verschiedenartiger Weise sie von dem HRSM-Projekt „Kompetenznetzwerk Digitale Edition“ (KONDE, Projektleitung beim Zentrum für Informationsmodellierung, Graz) profitieren, das auf beeindruckende Weise technisches Know-how und Erfahrungswissen bündelt. Normdatensätze, standardisierte Dateiformate und die Frage nach der Langzeitarchivierung sind berücksichtigt und gehören mittlerweile zum Standard digitaler Editionen.
Die Leitfrage der zweiten Sektion galt der Repräsentation von Archivbeständen im digitalen Zeitalter. Dabei hat sich das Tiroler Photoarchiv TAP auch den Literaturarchiven, die in ihren Beständen vielfach mit entsprechenden Materialien umgehen müssen (das Forschungsinstitut Brenner-Archiv verwahrt etwa im Nachlass von Erwin Schrödinger hunderte von Glasplattennegativen), als Ansprechpartner empfohlen. Die Entwicklung des TAP zeigt eindrucksvoll, wie das Hinzuziehen auswärtiger Expertinnen und Experten zu Workshops hilft, Fachwissen aufzubauen.
Zur Sprache kamen auch Einrichtungen, die Handschriftenbestände nicht an die Öffentlichkeit bringen können, weil sie eine „Mutterorganisation“ nicht angemessen berücksichtigt. Museen definieren sich im Wesentlichen über „Kunst“ und wählen auf dieser Basis ihre Sammlungs-, Verwaltungs- und Repräsentationsstrategie, was sich mitunter auf assoziierte Institutionen auswirkt. Das Kunsthistorische Museum, zu Recht seiner (inter-)nationalen Bedeutung verpflichtet, verwaltet beispielsweise die handschriftlichen Schätze des ihm zugeordneten Theatermuseums auf ähnliche Weise wie Kunstwerke (auch die Bibliothek des Theatermuseums besteht zu einem Viertel aus Handschriften wie 22.000 Bühnenmanuskripten, vor allem Soufflierbücher und Zensurexemplare).

Am Donnerstagabend wurde als besondere Form der „Third Mission“ ein literarischer Spaziergang im Georg Trakl-Ort Lans angeboten, der entsprechend im Isserwirt abgeschlossen wurde (vgl. „Abend in Lans“…).

Vor dem Hintergrund des Leitthemas „Archivlandschaft Österreich“ fand am Schluss der Tagung ein Podiumsgespräch mit Beteiligung des Plenums statt, das sich mehr Präsenz und Profilierung der KOOP-LITERA wünschte. Gerade in Zeiten der digitalen Austauschformate und Kompatibilitäten muss das Bewusstsein dafür bleiben, dass Handschriften – man denke etwa an einen nur schwer lesbaren Notizzettel, auf dem sich das Konzept für ein umfängliches Werk abzeichnet – ihre archivarische Berücksichtigung finden, damit die Scientific Community auch in einigen Jahrzehnten noch nachvollziehen kann, wie kreativ Menschen denken konnten, bevor sie sich der Künstlichen Intelligenz überließen.

(Markus Ender, Annette Steinsiek)


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