Jugendliche

Jugendwelten

Erwachsen zu werden in unseren modernen, dynamischen Gesell­schaften birgt viele Herausforderungen und Chancen, aber auch die Möglichkeit von Enttäuschungen und des Scheiterns. Alfred Berger, Professor am Institut für Erziehungs­wissenschaft, trägt mit seiner Forschung zu einem besseren Verständnis jugendlicher Lebenswelten und einem professio­nelleren Umgang mit jungen Erwachsenen bei.

„Die Jugend“ gibt es nicht. Junge Menschen haben aber beim Erwachsenwerden häufig mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Der Übergang in weiterführende Schulen und den Beruf muss gemeistert, eigene Lebensentwürfe müssen entwickelt und realisiert und ein selbstverantwortlicher Umgang mit den allgegenwärtigen Medien gelernt werden. Das Entwicklungstempo und der jugendliche Umgang mit den Herausforderungen unterscheiden sich aber deutlich. Jugend ist vielfältig und ihre Ausprägungen und Lebensstile sind nicht zuletzt eine Reaktion auf die unterschiedlichen Voraussetzungen, die Jugendliche mitbringen, die Lebenschancen, die sich ihnen je nach sozialer Lage eröffnen, und die Orientierungen und Werte, die sie vor dem Hintergrund eigener Wünsche und Vorstellungen selbst entwickeln. Die Wissenschaft nimmt im Spannungsfeld jugendlicher Entwicklungsprozesse und Gestaltungsmöglichkeiten eine beobachtende Rolle ein. Sie versucht mit ihren Ergebnissen die Praxis der Jugendarbeit, Jugendhilfe und Jugendpolitik zu unterstützen. „Zwei grundsätzliche Prozesse können unterschieden werden: Forschung fördert einerseits das Verständnis für jugendliche Lebenswelten und regt andererseits zur Reflexion der professionellen Arbeit mit Jugendlichen und zur Weiterentwicklung von Unterstützungsprogrammen für benachteiligte Heranwachsende an“, erläutert Berger die Rolle der Wissenschaft in der jugendlichen Lebenswelt. „Jugendlichen wird in unserer modernen Gesellschaft in hohem Maße die Realisierung eigener Lebensentwürfe zugestanden und gleichzeitig zugemutet. Wir möchten und müssen auch in der Wissenschaft versuchen, sie dabei so gut wie möglich zu unterstützen“, so Berger. Um dabei nicht Gefahr zu laufen aus einer Erwachsenen-Perspektive die vermeintlichen Themen der Jugendlichen zu erforschen und sich an ihren Bedürfnissen vorbei zu orientieren, werden sie immer wieder partizipativ in Forschungsprojekte einbezogen.

Jugendliche Lebenschancen

In seinen Forschungsarbeiten interessiert sich Berger besonders dafür, welche Bedeutung der Familie und den Eltern-Kind-Beziehungen bei der jugendlichen Entwicklung zukommt und wie Wissen und Können von Generation zu Generation übertragen, aber auch erneuert werden. Eltern und Familie sind neben dem Freundeskreis für Jugendliche zentrale Lernkontexte und Orientierungshilfen bei der Entwicklung von Kompetenzen, Wertehaltungen und Bildungsaspirationen. Viele Forschungen zeigen, dass es bei einem guten Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wahrscheinlicher ist, dass die elterlichen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen an die eigenen Kinder weitergegeben werden. Vor allem im Bildungsbereich spielt das Elternhaus eine bedeutende Rolle. Kommen Jugendliche aus einem bildungsbewussten Umfeld, dann verfügen sie meist über bessere Unterstützungsmöglichkeiten und leistungsorientiertere Einstellungen, um im Bildungswesen erfolgreich zu sein. Der elterliche Bildungsstatus wird so in vielen modernen Gesellschaften nach wie vor durch die familiären Bildungsinvestitionen reproduziert, trotz vieler Anstrengungen zur Reduzierung von Chancenungleichheit und Förderung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen. „Bildung ist dennoch eine Möglichkeit für Jugendliche sich aus benachteiligten Situationen zu befreien, einen Statusaufstieg zu schaffen, sich zu emanzipieren und selbst zu verwirklichen. Leider gibt es viele Verlierer aus allen sozialen Schichten, die im leistungsorientierten Bildungssystem nicht bestehen können und sich an den gesellschaftlichen Rand gedrängt fühlen“, präzisiert der Jugendforscher. In unseren Leistungsgesellschaften wird Bildung als Mittel zur Verwirklichung von Lebenschancen und zur Selbstbestimmung immer bedeutender.

Jugendliche Mündigkeit fördern

Berger kann mit seiner Langzeitstudie des Weiteren zeigen, dass neben Bildung auch Erziehungseinstellungen und -verhaltensweisen über Generationen weitergegeben werden. „Die generationale Weitergabe ist in diesem, wie auch in anderen Bereichen jedoch zusätzlich durch den sozialhistorischen Wandel überformt“, wie er erläutert. Unter den Bedingungen einer guten Eltern-Kind-Beziehung übernimmt die jüngere Generation oft die Wertvorstellungen und Verhaltensweisen der Eltern, sie verändert diese aber unter dem Einfluss eigener Erfahrungen und angesichts der neuen Herausforderungen in unserer sich rasch wandelnden modernen Gesellschaft. „Die jüngeren Generationen generieren Neues, übernehmen aber auch häufig abgewandelt und angepasst an den Zeitgeist, was die Elterngeneration vorgelebt hat“, so der Erziehungswissenschaftler. „Kinder und Jugendliche fordern heute im Vergleich zu früher mehr Mitbestimmung und die Eltern sind sich im Allgemeinen auch der Bedeutung von Partizipation für die Entwicklung von Selbstständigkeit bewusster als die Eltern vor einigen Jahrzehnten. Innerhalb der familialen Generationenfolge findet sich dennoch häufig Kontinuität in den Erziehungsvorstellungen und –verhaltensweisen. Wenn die Eltern einen für ihre Zeit eher liberalen Erziehungsstil pflegten, sind die Kinder in ihrer Erziehung oft im Vergleich zu den altersgleichen Eltern auch liberaler eingestellt.“ Berger betont, dass es sehr wichtig sei, dass Eltern die kindliche Autonomieentwicklung unterstützen und ihre Kinder altersgemäß mitbestimmen und entscheiden lassen. Eltern sollten sich jedoch auch ihrer Erziehungsverantwortung und Orientierungsfunktion bewusst sein und Strukturen und Regeln vorleben und vorgeben. „Allerdings sollte dies nicht mehr wie früher über autoritäre Bestimmung, sondern durch Überzeugungen und Verhandlungen mit den Kindern geschehen. Die kindliche Einsichtsfähigkeit und die Entwicklung von Mündigkeit wird damit gefördert“, verdeutlicht der Wissenschaftler. Es werde immer wichtiger, Kinder mitbestimmen zu lassen, um bei ihnen ein Verständnis für partizipative Entscheidungsprozesse zu fördern und den Aufbau von sozialen Kompetenzen für friedliche Konfliktlösungen zu unterstützen.

Mit ihrer Forschung wollen Berger und sein Team aufzeigen, wie vielfältig Jugend heute ist und welche Bedürfnisse und Probleme Jugendliche haben. Diese Informationen sollen in die Jugendarbeit und Jugendhilfe einfließen und auch die Jugendpolitik bei ihrer Entscheidungsfindung unterstützen. „Forschungsbefunde sollen Praktikerinnen und Praktiker zur Erweiterung und Veränderung ihrer Wahrnehmungen von Jugend und jugendlichen Lebenswelten veranlassen und ihnen Sicherheit im professionellen Umgang mit ihren Adressatinnen und Adressaten vermitteln. So erhalten sie fundiertes Wissen als Rüstzeug für eine aufgeklärte Praxis“, betont der Wissenschaftler.

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Bei der Eröffnung der Tagung „Jugend - Lebenswelt - Bildung“ sprachen (v.l.) Organisator Alfred Berger, Ministerin Sophie Karmasin, Landesrat Bernhard Tilg und Rektor Tilmann Märk. (Bild: Uni Innsbruck)

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