Entführt. Entkommen. Erzählt.

Mitte Juni fand in der Claudiana die Konferenz “Piracy and Captivity in the Mediterranean: 1530-1810” statt. Die Tagung stellt den vorläufigen Höhepunkt des FWF-Projekts ESCAPE am Institut für Amerikastudien dar. Bekannte Forscherinnen und Forscher nutzten die Gelegenheit, ihre Ergebnisse auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und die Zukunft der Barbaresken-Forschung mitzuprägen.
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Bild: Die KonferenzteilnehmerInnen (v.l.): Robert Spindler, Abdelmjid Kettioui, Jeremy Popkin, Galina Yermolenko, Tobias Auböck, Nabil Matar, Joachim Östlund, Mario Klarer, Thorsteinn Helgason, Christine Sears, Daniel Vitkus, Lisa Kattenberg, Gillian Weiss, Marcus Hartner, Christine Isom-Verhaaren, Sebastian Zylinski, Peter Mark, Adam Nichols und Anna Diamantouli (Credit: Veranstalter)

Nachdem sich bereits im Herbst 2014 ein kleinerer Workshop dieser Thematik gewidmet hatte, war es nun an der Zeit, das Who-is-Who der mediterranen Piraterieforschung nach Innsbruck einzuladen und den Grundstein für zukünftige Zusammenarbeit zu legen. Es galt, Begriffe auszuloten und thematische Grenzen abzustecken – nicht zuletzt, da das Thema frühneuzeitliche Freibeuterei, christliche und muslimische Gefangene und deren ideologisch gefärbte Berichte umschließt. Das fordert eine Balance zwischen politischer und akademischer Korrektheit auf der einen und Vermarktbarkeit der Resultate auf der anderen Seite. Da anerkannte Größen dieses Forschungsbereiches an der Konferenz teilnahmen, konnten diese Fragen intensiv bearbeitet werden – nicht zuletzt durch den multikulturellen Hintergrund der Sprecherinnen und Sprecher und den breitgefächerten Forschungsinteressen. Nabil Matar (University of Minnesota) etwa konnte dies gleich durch seinen Eröffnungsvortrag unter Beweis stellen, bei dem er zum ersten Mal zwei arabische Berichte aus christlicher Gefangenschaft in Malta der Weltöffentlichkeit vorstellte. Auch George Starr (University of California, Berkeley) lieferte wertvolle Denkanstöße durch seine Expertise im frühen englischen Roman und im Speziellen zu Daniel Defoes Ansichten zum Sklaverei-Diskurs. Bereits 1965 hatte Starr mit seinem Aufsatz “Escape from Barbary: A Seventeenth-Century Genre” den Grundstein für eine literarische Analyse dieser Texte gelegt.

Die Anwesenheit dieser beiden Koryphäen zeigte bereits, dass auf der Konferenz im Wesentlichen zwei Fachgebiete aufeinandertrafen: Literaturwissenschaftlerinnen und –wissenschaftler, die sich vor allem auf die Texte selbst konzentrierten, bekamen die Möglichkeit, sich mit Historikerinnen und Historikern auszutauschen, die vermehrt an den Persönlichkeiten und dem geschichtlichen Kontext der Berichte interessiert waren. Die Verbindung dieser beiden Bereiche stellte sich als äußerst fruchtbar heraus, um Texte nicht nur geschichtlich besser einzuordnen, sondern im Umkehrschluss wichtige Erkenntnisse über eine Vielzahl an literarischen Faktoren zu erlangen, die bei einer quellenkritischen Analyse dieser Gefangenenberichte unerlässlich sind. Diese Symbiose der wissenschaftlichen Bereiche zeigte sich vor allem bei den Vorträgen von Daniel Vitkus (University of California, San Diego) und Gillian Weiss (Case Western Reserve University, Cleveland, Ohio). Während Vitkus kapitalistische Einflüsse auf englische Gefangenenberichte aufzeigte, gelang es Weiss, nachzuweisen, welche Einflüsse die Spaltung der christlichen Kirche auf die Genese französischer Berichte hatte. Wolfgang Kaiser (Université Paris 1 Panthéon Sorbonne) rundete die Konferenz mit einem besonderen Brückenschlag zur Literaturwissenschaft ab, indem er literarisches Potential in scheinbar unliterarischen historischen Dokumenten verortete.

Bereits in den Keynotes erwies sich diese angewandte Vernetzung als große Hilfe für die Analyse dieses vielschichtigen Genres, was die einzelnen Beiträge dann noch vertieften. Alle Disziplinen profitierten von der engen Zusammenarbeit, ob durch neue Sichtweisen auf den Orientalismus-Diskurs oder die Darstellung, wie eine solche Gefangenschaft im Mittelmeerraum auch Werke der Weltliteratur beeinflusst hat (Miguel de Cervantes, Annette von Droste-Hülshoff, Jean-Jacques Rousseau und der oben erwähnte Daniel Defoe sind die wohl bekanntesten Autoren, die sich dieser Thematik widmeten).

Durch das große Echo, das die Konferenz schon im Vorfeld erzeugt hatte, drängen sich mehrere potentielle Kooperationsprojekte förmlich auf und wurden auch bereits in die Wege geleitet. Unter dem Namen Piracy in the Mediterranean: 1550-1810 wird im Anschluss an die Konferenz bei Routledge eine Essaysammlung veröffentlicht. Begleitend dazu veröffentlicht Columbia University Press eine Primärtext-Anthologie. Im Frühjahr 2019 lädt schließlich das Schloss Ambras im Rahmen des 350-Jahr-Jubiläums der Universität Innsbruck zu einer Sonderausstellung und präsentiert die Ergebnisse des ESCAPE-Forschungsprojektes. Das fruchtbare Zusammentreffen in Innsbruck war also zweifelsohne ein Highlight dieses Forschungsprojekts, keineswegs allerdings sein Grande Finale.

(Tobias Auböck und Roberta Hofer)

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