Chancen und Her­ausforder­ungen digi­taler Briefeditionen

Das Forschungsinstitut Brenner-Archiv veranstaltete am 24. und 25. Februar 2020 einen von Markus Ender und Ulrike Tanzer konzipierten und organisierten Workshop zu digitalen Briefeditionen.
Die TeilnehmerInnen des Workshops
Bild: Die TeilnehmerInnen des Workshops am Brenner-Archiv (Credit: Brenner-Archiv)

Seit Jahrzehnten zählt die Edition von Korrespondenzen zu den Forschungsschwerpunkten des Literaturarchivs. Dies hat nicht zuletzt mit dem umfangreichen Briefwechsel des Schriftstellers, Brenner-Herausgebers und Literaturvermittlers Ludwig von Ficker zu tun, der mit seinen mehr als 17.000 Briefen zu den Kernbeständen des Archivs zählt. Bereits zwischen 1988 und 1996 wurde eine Auswahl dieser Briefe von Martin Alber, Walter Methlagl, Franz Seyr, Anton Unterkircher und Ignaz Zangerle herausgegeben. Seit 2012 wird in zwei FWF-Projekten an einer digitalen Briefedition des Gesamtbriefwechsels (FWF-Projekt-Nr. P 29070-G23) gearbeitet.

Die technischen Entwicklungen haben die Editionswissenschaft in den letzten Jahren maßgeblich geprägt, zugleich aber auch die editorische Anlage durch neue Umsetzungsstrategien und Repräsentationsformen verändert. Umfangreiche Suchfunktionen und Vernetzungsmöglichkeiten eröffnen neue Chancen, zugleich verliert der Kommentar, einst Herzstück einer Edition, zunehmend an Umfang und Bedeutung. Anhand aktueller Projekte wurden im Brenner-Archiv die Herausforderungen digitaler Briefeditionen von Expertinnen und Experten aus Deutschland und Österreich diskutiert.

Martin Anton Müller (ÖAW Wien) stellte den Briefwechsel Arthur Schnitzlers mit Autorinnen und Autoren, insgesamt 86 Briefwechsel, vor. Hervorgehoben wurde insbesondere das arbeitsintensive Identifizieren von Personen und Werken, das durch die erweiterten Recherchemöglichkeiten zunehmend an Bedeutung gewinnen würde. Konrad Heumann, Leiter der Handschriftenabteilung am Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt/Main, beleuchtete in seinen Ausführungen die Schnittstelle Edition/Archiv. Am Beispiel der Editionsprojekte am Freien Deutschen Hochstift wurden die Auswirkungen des medialen Wandels aufgezeigt und Strategien erörtert, wie historisch-kritische Editionsprojekte, etwa der Werke Hugo von Hofmannsthals, durch Retrodigitalisierung neu zugänglich gemacht werden können. Diskutiert wurden dabei auch der Objektcharakter des Briefes und die Verluste, die durch die Digitalisierung entstünden. Gabriele Radecke (Universität Göttingen) zeigte Briefentwürfe am Beispiel der digitalen Fontane-Notizbuchedition. Welche Funktion diese Gliederungen, Skizzen und Notate in einer Briefedition einnehmen und welcher Aufwand nötig ist, solche bisher oft marginalisierten Dokumente zu edieren, wurde nicht nur bei Fontane thematisiert. Olivia Varwig (Universität Marburg) präsentierte das knapp vor Abschluss befindliche Projekt der Digitalen Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels, die auf einen Kommentar gänzlich verzichtet, aber erstmals Briefe aus zahlreichen Archiven und Sammlungen auf der ganzen Welt zusammenführt. Im Fall des unter „Schlegel“ verzeichneten Briefes im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum stellte sich allerdings heraus, dass er fälschlich August Wilhelm Schlegel zugeschrieben wurde. Markus Ender (Forschungsinstitut Brenner-Archiv) diskutierte schließlich am Beispiel des Online-Gesamtbriefwechsels Ludwig von Fickers das Problemfeld Kommentar, seine Chancen und Risiken. Auch an diesem Beispiel wurde deutlich, wie stark der Medienwandel die Edition beeinflusst und wie schwierig die Frage nach einer Langzeitarchivierung von digitalen Projekten zu lösen ist. Abschließend stellte Tamara Terbul (DEA, Universität Innsbruck) die Plattform „Transkribus“ vor. In der Diskussion wurden Vor- und Nachteile einer Transkriptionssoftware eingehend hinterfragt und sogleich weitere Forschungsfragen angestoßen. Eine Führung durch die aktuelle Karl-Kraus-Ausstellung am Forschungsinstitut Brenner-Archiv und ein gemeinsames Abendessen rundeten den insgesamt äußerst anregenden und produktiven Workshop ab, der langjährige Verbindungen vertiefte und neue Kontakte knüpfte. 

(Markus Ender, Ulrike Tanzer)

Unileben aktuell – die neuesten Beiträge

weitere Beiträge

Nach oben scrollen