Alexander in Persepolis

Auf der anti­ken Bühne

Sardes, Tyros oder Babylon sind nur einige Beispiele für vielfach beschriebene antike Städte, die für antike Protagonisten zu einer Weltbühne geworden sind. Brigitte Truschnegg von Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik untersucht die literarische Beschreibung von antiken Städten und ihre Funktion, die sie im Feldzug von Alexander dem III. erfüllen.

Von Makedonien durch Kleinasien und über Ägypten und Babylonien bis nach Indien legte Alexander III., auch bekannt als Alexander der Große, ausgehend vom Jahr 334 v. Chr. in elf Jahren über 24.000 Kilometer auf seinem kriegerischen Weg zurück. Als Rachefeldzug deklariert für die knapp 160 Jahre früher stattgefundene Invasion der Perser in Griechenland hatte er es sich als junger Herrscher zum Ziel gesetzt, die Grenzen des Perserreiches zu erreichen und sogar zu überschreiten. Auf seinem Weg passierte der Heereszug zahlreiche Städte, die von ihm erobert und mit deren Geld in den Schatzhäusern die Kassen für den Feldzug gefüllt wurden. Überliefert sind davon Beschreibungen, wie sie beispielsweise der bekannte Autor Arrian in der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. niedergeschrieben hat. Brigitte Truschnegg, Professorin am Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik, hat sich mit diesen literarischen Quellen intensiv beschäftigt und analysiert, welche Funktionen die Beschreibungen der Städte erfüllen. „Überraschenderweise erfährt man über das Aussehen von berühmten Städten wie Babylon oft nicht viel mehr, als dass sie eine Stadtmauer, ein Zentrum oder eine Burg besitzen. Was wir über Städte in der Literatur lesen, ist weniger eine Beschreibung ihres Aussehens, vielmehr werden sie zu einer Bühne, auf der sich politische Akteure wie Alexander III. bewegen“, erläutert die Wissenschaftlerin ihre Forschungen, in denen sie sich vor allem auf den Feldzug von Alexander III., dem wohl bekanntesten Feldherrn in der Antike, spezialisiert hat. „Alexander wollte das Ende der Welt sehen und dabei so weit gehen, wie noch nie jemand vor ihm gegangen ist. Auf seinem Weg passiert er zahlreiche Städte, deren Beschreibungen häufig dazu dienen, ihm eine Bühne zu bieten. Wenn man etwas über einen Protagonisten sagen möchte, dann sind Städte ein hervorragender Rahmen dafür“, so Truschnegg.

Mehr als Punkte auf der Landkarte

In literarischen Beschreibungen sind die Erwähnung und die Beschreibung von Städten unerlässlich zur Orientierung auf der Landkarte. Gerade beim sogenannten Alexanderfeldzug mit unermesslichen geographischen Ausmaßen wird den Leserinnen und Lesern die Orientierung erleichtert. Truschnegg hat sich auch mit der Darstellung der Städte und ihrer Bedeutung für die Raumwahrnehmung beschäftigt. „Städte sind eine faszinierende Siedlungsform, die unterschiedlichste Menschen auf kleinem Raum zusammenbringt. Sie bergen einen Pool von Informationen, hier kommen Menschen zusammen, es entstehen Konflikte und Lösungen werden gesucht. Städte sind der Ausgangspunkt für Innovation, sie geben Impulse und deswegen darf es nicht verwundern, wenn sie in einer Geschichtsdarstellung eine wichtige Rolle spielen“, verdeutlicht die Wissenschaftlerin. Auf seinem Feldzug bis nach Indien hat Alexander der Große viele Städte erobert, was auch für seine Leistungsbilanz eine wichtige Rolle gespielt hat. „Städte sind aber nicht nur Orte, die man erobern muss. Faszinierend ist auch die ethnographische Erwartungshaltung, die in der Beschreibung der Regionen in Indien oder Vorderasien widergespiegelt werden“, erläutert Truschnegg, die präzisiert, dass ethnographische Bilder eine große Bedeutung in der Raumwahrnehmung spielen und bereits seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar sind. Die Erwartungshaltung, die man mit einem Raum verbindet, spiegelt sich auch in den Städten wider. „Man hat Vorstellungen von diesen Räumen. Da gibt es das Bild der Perser, das mit großem Reichtum verknüpft ist, und mit einer gewissen Dekadenz, eben ganz anders als den Eigenwahrnehmung der Griechen, die ein einfacheres Leben führen. Die Erwartung an Städte in Indien ist besonders aufschlussreich. Diese liegen auch in der Vorstellung  in so weiter Ferne, dass sie in der Literatur nur ungenau und auf charakteristische Elemente reduziert beschrieben werden. Die Rede ist von großem Reichtum, von mit Gold überzogenen Säulen und von vielen Menschen – Namen werden aber häufig keine mehr genannt“, so die Wissenschaftlerin, die verdeutlicht, dass hier der Name der Stadt in den Hintergrund tritt und das Erwartungsbild von Indien als einem reichen Land in den Vordergrund rückt, „Historizität ist in den literarischen Texten der Darstellungsintention untergeordnet und kann von uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nur im Vergleich mit anderen Quellen herausgearbeitet werden.“

Die Alexander-Faszination

Der knapp 20-jährige Alexander trat nach dem Tod Philipp II. sehr früh die Herrschaft an und musste sich bereits zu Beginn gegenüber Kontrahenten und den Feldherren seines Vaters durchsetzen. Als junger König dehnte er im legendären Alexanderfeldzug sein Reich zu bisher ungekannter Größe aus. Dass er nur elf Jahre später sehr jung an einer Krankheit stirbt, hat die Bildung von Legenden und Mythen weiter befeuert und erklärt unter anderem die noch heute bestehende Faszination dieser Figur. Für die Darstellung des Alexanderfeldzuges stehen den Forscherinnen und Forschern vor allem fünf Sekundärquellen zur Verfügung: Diodor, Curtius Rufus, Plutarch, Arrian, und Pompeius Trogus, der bei Justin überliefert ist. „In meiner literarischen Analyse konnte ich mein Interesse für die Darstellung von Städten sehr gut mit dem Alexanderfeldzug verbinden, da dieser von Stadt zu Stadt gezogen ist. Man hat eine faszinierende Persönlichkeit und gleichzeitig einen enormen geographischen Raum, über den berichtet wird“, so Truschnegg. Städte spielen in den Beschreibungen des Feldzugs auch deswegen eine wichtige Rolle, weil hier von den Autoren gezeigt werden kann, wie geschickt Alexander agiert. Den Sekundärquellen zufolge entdeckt immer er die Schwachstellen im Mauerwerk und ihm gelingt es, immer an vorderster Front, mit seinen Männern die Stadt einzunehmen. Seine persönliche Involvierung, sein Engagement und die Tatsache, dass er sich allen Gefahren aussetzt, soll seine Tapferkeit im Kampf demonstrieren“, erläutert die Wissenschaftlerin. Die Stadt mit ihrer Architektur und Kultur tritt zugunsten des Helden in den Hintergrund.  Leidenschaft, Tugend, aber auch negative Charaktereigenschaften von Alexander III. finden in den Städtebeschreibungen Ausdruck und erhöhen so die Faszination seiner Person, die durch seinen frühen Tod schon gesteigert wurde. Das Reich hat zu diesem Zeitpunkt eine enorme Dimension erreicht und ist nach den Kämpfen seiner ehemaligen Feldherrn um die Nachfolge in drei Großreiche (Diadochenreiche) zerfallen. „Niemand weiß, ob es Alexander selbst gelungen wäre, diesen riesigen Herrschaftsbereich langfristig zu erhalten und weiterzugeben – auch das wird immer ein Gedankenexperiment bleiben“, schließt Brigitte Truschnegg.

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