Ferdinand Maaß

Der Innsbrucker Theologe und Kirchenhistoriker Ferdinand Maaß ist besonders für seine Arbeiten zum Josephinismus bekannt. Den folgenden Nachruf auf ihn hat Franz Huter (1899-1997), Professor für österreichische Geschichte an der Universität Innsbruck, für den Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften für das Jahr 1973 verfasst.
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Bild: Ferdinand Maaß war Kirchenhistoriker an der Universität Innsbruck.

Am 15. Oktober 1973 verschied in Wien an den Folgen eines Autounfalles das korrespondierende Mitglied der phil.-hist. Klasse, Ferdinand Maaß SJ, em. o. Professor der Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.

Maaß entstammt einer kinderreichen, streng katholischen (ein Bruder wurde Priester, eine Schwester Ordensfrau) Oberinntaler Bauernfamilie. Er wurde am 23. November 1902 im Weiler Hohlenegg bei Ried (Bezirk Landeck) geboren. Trotz nur einklassiger Volksschule maturierte er am Staatsgymnasium Bregenz mit Auszeichnung (1921) und trat bald hernach in den Orden der Gesellschaft Jesu ein. Er genoss die gründliche und lang andauernde aszetische Vorbereitung (2 Jahre Noviziat in St. Andrä im Lavanttal, Kärnten) und fachliche Ausbildung (1 Jahr Rhetorik ebendort; 3 Jahre Studium der scholastischen Philosophie in Tisis b. Feldkirch, Pullach b. München und Innsbruck; 1 Probejahr als Lehrer am Ordensgymnasium auf dem Freinberg b. Linz; 4 Jahre Theologie in Innsbruck), welche dieser Orden seinen Kandidaten zuteil werden lässt.

Nach der Priesterweihe (1931) und feierlichen Profeß (1933) bezog er im Herbst 1933 die Universität Wien, um Geschichte, Geographie und später auch noch Romanistik zu studieren. Er war für das Mittelschullehramt an einem der Ordensgymnasien bestimmt. Hier schloß er sich vor allem HEINRICH von SRBIK an, dessen feinsinnige Art und Ausgeglichenheit des Wesens, weit gespanntes Wissen und geschichts-philosophische Interessen ihn anzogen, während der Lehrer die Aufgeschlossenheit und Reife des kernigen Tiroler Bauernsohnes schätzte. Bei SRBIK promovierte Maaß denn auch 1938 mit der Dissertation „Die Jesuiten in Tirol 1838 – 1848“. SRBIKS Gutachten (22.11.1937; der zweite Begutachter, der Mediävist HANS HIRSCH, erklärte sich damit „einverstanden“) anerkennt nicht nur „den größten Eifer und die vorbildliche Sorgfalt“ des Kandidaten in der Quellensuche, sondern rühmt ihm auch nach, „dass er bei festesten Überzeugungen nicht den geringsten Versuch apologetischer Verschleierung macht, sondern sich wahrhaft und erfolgreich bemüht, Einseitigkeiten zu vermeiden, und mit Kritik an der menschlichen Unzulänglichkeit der Ordenväter und an den sachlichen Mängeln der Ordnungstätigkeit keineswegs zurückhält“. Die Dissertation ist nicht gedruckt worden.

Der Studienabschluss fiel in eine politisch turbulente Zeit: Maaß durfte – als Angehöriger eines geistlichen Ordens – die Lehramtsprüfung nicht mehr ablegen, und sein Einsatz an der privaten Studienanstalt der Jesuiten in Innsbruck, wo er ab Herbst 1938 Kirchengeschichte tradierte, fand ein jähes Ende, als die Jesuitenniederlassung, wie schon vorher die Theologische Fakultät, am 11. Oktober 1939 aufgehoben und die Ordensbrüder „gauverwiesen“ wurden.

Maaß ging nun nach Wien zurück und betreute am dortigen Kolleg bis zum Frühjahr 1945 seelsorglich die jungen Mitbrüder, die vom Wehrdienst auf Studienurlaub kamen oder später als Angehörige der Societas Jesu wegen Wehrunfähigkeit heimgeschickt worden sind. Die Umsturztage 1945 brachten ihn in einer makabren Situation mit dem späteren Generaldirektor des Herold-Verlages, Dr. WILLY LORENZ, in nähere Beziehung, was für die Veröffentlichung der Lebensarbeit von Maaß bedeutsam werden sollte.

Nach seinen eigenen Angaben hat Maaß 1945/46 bei der Entnazifizierung von Wiener Universitätslehrern und Archivaren Hilfe geleistet. Vor allem aber hat er sozusagen ALPHONS LHOTSKY „entdeckt“, der dann, obwohl nicht habilitiert, jedoch mit stupendem Wissen, hohem Lehrgeschick und beispielhafter Arbeitsfreude beschenkt, die Wiener Lehrkanzel für Österreichische Geschichte mit großem Erfolg betreut und ihr nicht zuletzt durch seine hervorragenden Publikationen neuen Glanz verliehen hat.

Zugleich aber wandte sich Maaß der Erforschung der für die Österreichische Geschichte und weit darüber hinaus außerordentlich bedeutsamen Erscheinung des Josephinismus zu. Das während des Krieges (1943) erschienene Buch des Prager Professors EDUARD WINTER hatte den Josephinismus, nicht ohne zum Teil leidenschaftliche Parteinahme gegen die römische Kurie und den Jesuitenorden, als den geistesgeschichtlich bedingten, vor allem von den Ideen der Aufklärung bestimmten Kampf um eine grundlegende Reform, die die Kirche in Verfassung, Kultus und Disziplin, „ja sogar auch die Darstellung der Lehre im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung erneuern wollte“, und als äußere und innere Notwendigkeit herausgestellt – eine Auffassung und Darstellung, die den Kirchenhistoriker aus der Gesellschaft Jesu, die seit jeher eine Kampftruppe des Papsttums gewesen war, herausfordern und zur Überprüfung anregen musste.

Dies insbesondere auch deswegen, weil darin Begründung und Durchführung der staatlichen Maßnahmen zur Reform der Kirche nur auf allzu schmaler Quellenbasis berücksichtigt worden waren. Hier hakte Maaß ein. Seine Basis ist allerdings von Anfang her weltanschaulich und sachlich eine ganz andere. Er sieht den Josephinismus weniger ideengeschichtlich als vom theologischen und kanonistischen Standpunkt her. Für ihn ist die katholische Kirche eine göttliche Einrichtung mit übernatürlicher Zielsetzung und letztere für den Staat unerreichbar. Für ihn ist der Josephinismus in erster Linie ein staatskirchliches System, das ist die fest gefügte Anschauung vom Recht des Staates auf die alleinige Regelung der Res mixtae (Jura majestatica circa sacra) mit den dieses Recht durchsetzenden und durchführenden Patenten. Diese bedeuten nach Maaß einen unerlaubten Eingriff in die Jahrhunderte alten Rechte – ja im Endergebnis eine „brutale Vergewaltigung“ der katholischen Kirche. Und zwar noch dazu von Seite eines katholischen Staates, der erst recht das Einvernehmen mit der römischen Kurie hätte herstellen müssen. Maaß bezweifelt zudem den reformkatholischen Charakter der Maßnahmen oder misst ihnen wenigstens in erster Linie auf das Staatsinteresse ausgerichtete weit reichende Absichten zu (bessere Beherrschung der Untertanen, Einfügung der Kirche in den Staat).

Auch wer diesen strengkatholischen Standpunkt nicht teilt, wird nicht nur die gewaltige Arbeitsleistung der Bewältigung eines so umfangreichen Aktenmaterials, seiner Edition in Auswahl und seiner Kommentierung in fünf dicken Bänden von fast 3000 Seiten (davon über 2100 Seiten Dokumente in 788 Nummern, fast 700 Seiten Kommentar, über 100 Seiten guter Register) bestaunen und zumal dann dankbar anerkennnen, wenn er berücksichtigt, dass dieses Werk mit einer schweren Schädigung des Augenlichtes erkämpft wurde. Sondern er wird auch anerkennen, daß die Entstehung des neuen Staatskirchentums in wesentlichen Punkten geklärt ist, und begrüßen, dass die zur Durchsetzung desselben eingerichteten Behörden (Giunta economale in Mailand für die Lombardei, kirchliches Departement der böhmisch-österreichischen Hofkanzlei für die Erbländer, später geistliche Hofkommission) und ihre leitenden Beamten (vor allem Hofrat FRANZ JOSEF FRHR. von HEINKE) in ihrer Funktion und Bedeutung klar herausgearbeitet sowie die einzelnen Maßnahmen in ihrer Begründung, Durchführung und Bedeutung an Hand der Akten gewürdigt sind, so dass ein überaus gründliches und eindruckvolles Bild des Phänomens entsteht.

Nicht nur Auf- und Ausbau des Systems und seine Anwendung – zunächst am Beispiel der Lombardei, dann auch in den Erbländern – unter Maria Theresia und Josef II., sondern auch seine Verteidigung durch Leopold II. und die Josephiner in der hohen Beamtenschaft (vor allem Staatsrat Martin von Lorenz) und im oberen Klerus (z.B. Erzbischof Milde von Wien) sowie die Auflockerung seit der Romreise des Kaisers Franz (1819) bis zur theoretischen Aufhebung unter Kaiser Franz Joseph (1850) werden umfassend dargestellt.

Es ist ein Glück, dass sich Maaß, trotz der Schwächung des Augenlichtes, dazu verstand, in den letzten zwei Bänden die Entwicklung von 1790 bis 1850 zu behandeln, während er ursprünglich mit dem Tode Josephs II. abzuschließen gedacht hatte. Dass Maaß, obschon bereits 1947 habilitiert und 1954 zum Extraordinarius für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät in Innsbruck bestellt, seinen Archivstudien in Wien obliegen konnte, ist dem Umstand zu verdanken, dass er neben seinem berühmten Kollegen und Ordensbruder HUGO RAHNER bis 1961 nur jedes zweite Jahr seiner Lehrverpflichtung voll nachkommen musste. Nach der vorzeitigen Emeritierung RAHNERS (1964) wurde er dessen Nachfolger als Ordinarius.

Maaß nützte die Wiener Zeit auch zur Gründung einer Josephinischen Abteilung der „Forschung zur Kirchengeschichte Österreichs“. In dieser Reihe erschienen als Band 3 und 5 – vor dem eigenen „Frühjosephinismus“ (siehe gleich unten) – die Arbeiten von GERHARD WINNER über die josephinischen Klosteraufhebungen in Niederösterreich und von JOHANNES MÜHLSTEIGER SJ über den Geist des Josephinischen Eherechts, beide im Lichte des gesamten staatskirchlichen Systems gesehen (1967).

Diese Darstellung des Josephinismus ist nicht unwidersprochen geblieben, und zwar auch nicht in der Beschränkung auf das Staatskirchentum. So wurde zum Beispiel die zu geringe Berücksichtigung der zeitbedingten Faktoren, unter anderem auch der Verstimmung des habsburgischen Hofes gegenüber der traditionell probourbonischen Politik der römischen Kurie, sowie die deutlich spürbare Parteinahme zugunsten der Kirche bemängelt.

Dass darüber hinaus sich die Auseinandersetzung mit dem Werk Maaß´ gerade an Personenfragen entzündete, ist bei einem so brisanten Thema von selbst gegeben. So konnte die von Maaß mit besonderer Verve vorgetragene These von der entscheidenden Rolle Maria Theresias – er bezeichnete sie schon 1948 neben Kaunitz, dem Vater, als die „Mutter des Josephinismus“ –, obwohl ihr Maaß noch 1969 eine zum Teil auf den Staatsratsprotokollen, zum Teil auf neuen Dokumenten des Chotekschen Familienarchivs in Beneschau (CSSR) gegründete Studie „Der Frühjosephinismus“ gewidmet hat, ebenso wenig voll überzeugen, wie die zum Teil erstaunlich positive Charakteristik des Kaisers Franz I. ab dem Zeitpunkt seiner „Bekehrung“ Ablehnung fand. Das gegenüber der bisherigen Lehrmeinung „verschobene“ Verhältnis im „Schuldregister“ von Maria Theresia und Joseph II. hat auch deshalb Kritik gefunden, weil es den Unterschied im Ablauf des Josephinismus zwischen Regierungsperioden von Mutter und Sohn einigermaßen zu verwischen geeignet ist. Dass Maaß auf die Haltung Maria Theresias in der Frage der Aufhebung seines Ordens nicht leidenschaftslos reagierte, wird, angesichts der von Maaß aufgezeigten widersprüchlichen Äußerungen der großen Frau im Gegenstande, kaum wundernehmen.

Außer dem Hauptwerk hat Maaß eine Reihe von Aufsätzen und Lexikonartikeln veröffentlicht, die mehr oder weniger alle zum Thema seines Lebens gehören und zum Teil wörtlich in den Kommentaren zu den Bänden II, IV und V des Hauptwerkes verwertet worden sind. Besonders wichtig ist der Artikel Josephinismus im Lexikon für Theologie und Kirche, weil er die Ergebnisse und Auffassungen Maaß’ in prägnanter und schärfster Form wiedergibt.

Aber über allem steht hochachtbar die mit Mut und Unbeirrbarkeit gepaarte unbedingte Hingabe an das „Werk“ und das unbestreitbare Verdienst, das für die historische Entwicklung überhaupt so bedeutsame Verhältnis von römischer Kirche und österreichischem Staat in Personen und Einrichtungen aus den Quellen heraus maßgeblich erhellt und die wissenschaftliche Diskussion auf neue, feste Grundlagen gestellt zu haben. Das monumentale Werk sichert dem Verewigten einen festen Platz in der österreichischen Geschichtsschreibung.

Seine Bescheidenheit und Menschlichkeit runden das Bild einer nicht nur hochschätzenswerten, sondern auch liebenswerten Persönlichkeit ab.

FRANZ HUTER