Bruno Sander

Bruno Sander hat als Geologe einen neuen Zweig der Erdwissenschaften begründet, für sein wissenschaftliches Schaffen wurde er mit zahlreichen Ehrungen bedacht. Nicht zuletzt trägt heute ein Gebäude der Universität Innsbruck seinen Namen. Ein Nachruf von Hans Wiesenender.
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Am 5. September 1979 ist das wirkliche Mitglied em. o. Univ.-Prof. Dr. Bruno Sander im 96. Lebensjahr in Innsbruck sanft verschieden. Mit dem Heimgang dieses bedeutenden Gelehrten, der mit der Gefügekunde der Gesteine und der geologischen Körper einen neuen Zweig der Erdwissenschaften begründete, verlor Österreich eine besonders profilierte und originelle Forschungspersönlichkeit.

Bruno Hermann Max Sander wurde am 23. Februar 1884 als Sohn des Max Sander und der Maria Sander, geb. Rizzoli, in Innsbruck geboren. Seine Vorfahren stammen aus dem Montafon und aus Nord- und Südtiroler Talschaften. Er studierte an der Universität Innsbruck Naturwissenschaften und erwarb 1907 mit der von der Universität Innsbruck preisgekrönten Arbeit „Geologische Beschreibung des Brixner Granits“ das Doktorat der Philosophie.

Nach der Promotion nahm Sander eine Assistentenstelle bei Prof. F. TOULA an der technischen Hochschule in Wien an. Er kehrte jedoch nach kurzer Zeit in seine Heimatstadt zurück und wurde Assistent bei seinem Lehrer und Doktorvater, Prof. J. BLAAS, Inhaber des Lehrstuhles für Geologie an der Universität Innsbruck. 1912 habilitierte sich Sander mit den Arbeiten „Geologische Studien am Westende der Hohen Tauern“ und „Über Zusammenhänge zwischen Teilbewegungen und Gefüge in Gesteinen“ an der gleichen Universität. Von 1913 bis 1922 war er Mitarbeiter der Geologischen Reichs- bzw. Bundesanstalt in Wien. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich feiwillig zum Militärdienst, den er an der Karstfront ableistete. 1917/18 war Sander als Montangeologe mit dem Range eines Landsturm-Leutnantingenieurs in Bulgarien und in der Türkei tätig. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse, dem Bulgarischen Militärverdienstorden und dem Türkischen Eisernen Halbmond ausgezeichnet. Inzwischen durch seine wissenschaftlichen Leistungen international bekannt geworden, wurde Sander 1922 als Nachfolger A. CATHREINS an den Lehrstuhl für Mineralogie und Petrographie der Universität Innsbruck berufen; dort wirkte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1955. Ehrenvollen Berufungen an die Technische Hochschule Berlin-Charlottenburg, an die Pennsylvania University, USA, und an andere Universitäten folgte er, trotz lockender Angebote, nicht. Er zog es vor, in Innsbruck zu bleiben und machte sein Institut zum internationalen Zentrum gefügekundlicher Forschung. Von den zahlreichen Forschungspersönlichkeiten, die in Sanders Institut zu Gast waren, um sich mit den Methoden der Gefügekunde vertraut zu machen und um mit Sander gefügekundliche Probleme zu diskutieren, seien genannt: E. CHRISTA (Würzburg), L. RÜGER (Heidelberg und Tübingen), K. DRESCHER-KADEN (Hamburg), P. ESKOLA (Helsinki), D. SCHACHNER-KORN (Aachen), A. HIMMELBAUER (Wien), C. ANDREATTA (Bologna), H. W. E. WEGMANN (Neuchâtel), J. GILLULY (Washington), H. W. FAIRBAIRN (Cambridge, USA), E. INGERSON (Washington), E. BLISS-KNOPF (Stanford, USA), P. R. NAIDU (Bangalore, Indien), F. J. TURNER (Berkeley, USA).

Sanders wissenschaftliche Tätigkeit begann mit geologischen Kartierungsarbeiten, als deren Ergebnis die Kartenblätter Meran und Brixen im Maßstab 1 : 100.000 in Modena 1925/26 erschienen. In diese Periode seines Schaffens fällt auch die Entdeckung des heute noch in Produktion stehenden Magnesitvorkommen Lanersbach im Tuxer Tal (Tirol). Die geologische Feldarbeit, und die damit verbundene kritische Analyse der äußeren und inneren Gestaltung geologischer Körper, führte zu jenem Konzept der Gefügeanalyse, die Sander weltweit bekannt machte. In allgemeiner Definition versteht man mit Sander unter Gefüge die Raumdaten in einem betrachteten Bereich. In den Geowissenschaften untersucht man Gesteinsgefüge, das heißt die Orientierung, Gestaltung und Art der Zusammenfügung der Formelemente (Minerale) zum Gestein. Die systematische Erfassung mechanisch bedeutender Flächen und Linien (Schichtung, Schieferung, Klüftung, Lineation, Rupturen und Faltenachsen) erfolgt im Gelände. Die mechanische und genetische Deutung der Anordnung und Beschaffenheit dieser Strukturelemente ist zu einem unentbehrlichen Werkzeug der Feldgeologie und der angewandten Geologie geworden. Im mikroskopischen Bereich wird die Orientierung bevorzugter Flächen (Spaltflächen, Zwillingebenen) und optisch ausgezeichneter Richtungen mit Hilfe des Universaldrehtisches nach Fedorow erfasst. Die von Sander begonnene Verfeinerung der optischen Gefügeanalyse mittels röntgenographischer Methoden wurde von einigen seiner Schülern weitergeführt. Die flächentreue Projektionen, eingeführt von W. SCHMIDT, ermöglicht die übersichtliche Darstellung und einfache Auswertung der Gefügedaten. Die aus diesen Untersuchungen abgeleitete Erkenntnis, dass die Gefügesymmetrie die grundlegende Eigenschaft natürlich deformierter Gesteine ist, darf als Sanders wichtigster Beitrag zur Strukturgeologie angesehen werden. In mühevoller Detailarbeit wurden von ihm und seinen Schülern zahlreiche Mineralgefüge von Gesteinen studiert und beschrieben. Den Metamorphiten kam hie bei ein gewisser Vorrang zu. Analog zu der in der Kristallographie üblichen Symmetrieklassifikation konnten auch bei den Gesteinsgefüge wirtelige, rhombische, monokline und trikline Gefüge unterschieden werden. Sander zeigte, dass wirtelige Symmetrie für in Schmelzen formgeregelte, stängelige Kristalle und bei wandständigen Rasen freigewachsener Kristallite typisch ist. Rhombische Symmetrie findet sich dagegen bei homogenem Faltenbau, zweischariger Scherung und Plättungsvorgängen. Die sehr häufige monokline Gefügeregelung wurde bei vergentem Faltenbau und einschariger Scherung beobachtet. Trikline Symmetrie schließlich deutet auf schiefe Überprägung oder auf Unterschiede zwischen den beiden Seiten eines tektonischen Tangentialtransportes hin. Die von verschiedenen Instituten gepflegte experimentelle Gefügekunde hat den wesentlichen Teil der Vorstellungen Sanders über die Entstehung der Gefügeregelung bestätigt.

Wichtige Impulse hat die Sedimentologie durch Sanders Studium der sedimentären Anlagerungsgefüge erhalten. Seine neue Betrachtungsweise, in Verbindung mit einer kritischen Analyse überkommener Begriffe, hat zur Formulierung zahlreicher neuer Termini geführt, die, meist in der Originalsprache, in die internationale Literatur übernommen wurden. Gefügekundliche Betrachtungsweisen haben auch in der Lagerstättenkunde Eingang gefunden und zur Verbesserung der Explorationsmethoden geführt. Aus der Anwendung der Gefügekunde in der Baugeologie hat sich die Felsmechanik als selbständiger Zweig der technischen Wissenschaften entwickelt. Sie findet ihre Anwendung bei der Beurteilung der Festigkeits- und Stabilitätsverhältnisse von Staubecken, Straßen und sonstigen Großbauten.

Das wissenschaftliche Werk Sanders ist in dem Buch „Gefügekunde der Gesteine mit besonderer Berücksichtigung der Tektonite“ (1930) und in dem zweibändigen Werk „Einführung in die Gefügekunde der geologischen Körper“ (1948, 1950) zusammenfassend dargestellt. Er hat darüber hinaus 116 Einzelarbeiten veröffentlicht; Referate, Entgegnungen und Nachrufe eingeschlossen.

Das wissenschaftliche Werk Sanders fand in der ganzen Welt lebhaften Widerhall, der sich auch in zahlreichen Ehrungen ausdrückt. Die Universität Göttingen und Wien verliehen ihm das Ehrendoktorat. Die Akademie der Wissenschaften in Wien (jetzt Österreichische Akademie der Wissenschaften) wählte ihn 1940 zum korrespondierenden, 1944 zum wirklichen Mitglied. Er war ferner Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Halle, k. Mitglied der Regia Societas Scientiarum Upsaliensis, der Accademia delle Science Bologna, der Akademie der Wissenschaften der DDR und AAAS-Fellow der American Assocoation for the Advencement of Sciences U.S.A.

Sander war Träger des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst, des Ehrenzeichens des Landes Tirol und des Ehrenringes der Stadt Innsbruck. Die Accademie dei Lincei in Rom verlieh ihm den internationalen Feltrinelli-Preis.

Zahlreiche wissenschaftliche Gesellschaften zeichneten Sander durch Ehrenmedaillen aus oder wählten ihn zum Ehrenmitglied. So war er Ehrenmitglied der Geological Society of London, der Geological Society of America und der Finnischen Geologischen Gesellschaft. Die Geological Society of America verlieh Sander die Penrose medal in Gold, die Societé Géologique Belgique die Medaille André Dumont. Die Geologische Vereinigung (Bonn) zeichnete ihn mit der Gustav-Steinmann-Medaille, die Deutsche Gesellschaft mit der Abraham-Gottlieb-Werner-Medaille, die Österreichische Geologische Gesellschaft mit der Eduard-Sueß-Medaille und die Österreichische Mineralogische Gesellschaft mit der Friedrich-Becke-Medaille aus.

Man würde der Persönlichkeit Sanders nicht gerecht, verzichtete man darauf, auf sein dichterisches Werk hinzuweisen. Der 85. Geburtstag bot Anlass zur Würdigung seines schöngeistigen Werkes durch Dr. Walter METHLAGL in der Tiroler Kulturzeitschrift „Fenster“, 1971, H. 8, S. 653-665. Dieser Beitrag enthält auch die Bibliographie des unter dem Pseudonym „Anton Santer“ veröffentlichten literarischen Werkes.

Aus der Ehe Bruno Sanders mit Frau Elisabeth Sander, geb. Holzknecht, ist eine Tochter entsprossen.

Die Bedeutung und die internationale Wirkung des wissenschaftlichen Werkes des Verschiedenen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mit der von ihm entwickelten Forschungsrichtung wird sein Name in alle Zukunft lebendig bleiben.

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