Theodor Dantscher R. v. Kollesberg

Der Staatsrechtler Theodor Dantscher R. v. Kollesberg war von 1888 bis zu seinem Tod 1909 an der Universität Innsbruck tätig und vertrat die Leher, Österreich-Ungarn sei als monarchistischer Bundesstaat aufzufassen. Ein Nachruf von 1909 von Walther Hörmann von Hörbach (1865-1946).
Jus1912
Bild: Das versammelte Professorenkollegium der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck 1912, vor fast 100 Jahren, knapp nach dem Tod von Th. Dantscher – v.l.n.r.: Franz Freiherr von Myrbach (Politische Ökonomie), Max Kulisch (Staats- und Verwaltungsrecht), Fritz Schulz (Römisches Recht), Ferdinand Lentner (Straf- und Völkerrecht), Alfred Ritter von Wretschko (Deutsches Recht und österreichische Reichsgeschichte), Karl Lamp (Staats- und Verwaltungsrecht), Paul Kretschmar (Römisches Recht), der Kirchenrechtler Walther von Hörmann, der Verfasser des vorliegenden Nachrufs auf Dantscher – und ganz rechts: Anton Koban (Zivilrecht). [aufgenommen im Sommer 1912 im Arkadenhof des alten Innsbrucker Universitätshauptgebäudes, heute Theol. Fakultätsgebäude]

Theodor R. v. Dantscher wurde am 20. Oktober 1844 in Wien geboren als Sohn des hochverdienten einstigen Lehrers unserer Hochschule, des Professors der Anatomie Hofrat Karl R. v. Dantscher. Mit ausgezeichnetem Erfolge legte Dantscher seine Gymnasial- und juridischen Studien zurück und promovierte in Innsbruck 1868 zum Doktor der Rechte sub auspiciis imperatoris. Nach diesem glänzenden Abschlusse seiner Studienzeit zunächst in einer Wiener Advokaturkanzlei tätig, besuchte er auch weiterhin die Hochschule und hörte Vorlesungen von Stein, Hyrtl und anderen Koryphäen seiner Zeit, bis er sich schließlich endgültig staatswissenschaftlichen Studien zuwendete und 1875 mit einer ungedruckt gebliebenen Arbeit über Rousseau’s staatspolitisches System an der Wiener juridischen Fakultät die venia legendi für Staatsrecht und Rechtsphilosophie erwarb. 1882 dort mit dem Titel eines a. o. Universitätsprofessors ausgezeichnet, 1885 zum wirklichen Extraordinarius ernannt, folgte er 1888 einem Rufe an unsere Hochschule als ordentlicher Professor der bezeichneten Fächer an Stelle des nach Wien in die statistische Zentralkommission berufenen Kollegen von Juraschek. In dieser Eigenschaft las Dantscher neben dem staatsrechtlichen Obligatkollegium und jenem über Geschichte der Rechtsphilosophie auch noch über österreichisches Verwaltungsrecht, bis für diese Disziplin eine selbständige Lehrkanzel errichtet wurde.

Dantscher’s wissenschaftliche Tätigkeit war im Wesentlichen den österreichischen Verfassungsverhältnissen gewidmet. Insbesondere vertrat er, dem Einflusse Bidermann’s folgend, in verschiedenen Publikationen die österreichische Gesamtstaatsidee. So schon in seinem ersten größeren Werke: Der monarchische Bundesstaat Österreich-Ungarn und der Berliner Vertrag nebst der bosnischen Vorlage 1880. Die Arbeit ist der Verteidigung der Lehre gewidmet, dass Österreich-Ungarn als monarchistischer Bundesstaat aufzufassen sei. Der Kreis der gemeinsamen Angelegenheiten erschien ihm als Rudiment einer Zentralgewalt über beide Staaten, die er in dieser Richtung als Provinzen eines Oberstaates, in den sonstigen Kompetenzen als souveraine Staatsgebilde erklärte. Von den vielen Lehrern, welche zur Lösung des österreichisch-ungarischen Problems aufgestellt worden sind, erschien Dantscher’s Konstruktionsversuch als gleich kühn wie eigenartig, vom Standpunkt theoretischer Politik scharf konstruiert, aber ohne Stützpunkt im positiven österreichischen und ungarischen Ausgleichsrechte. Doch enthielt das Werk eine Fülle selbständiger Anregungen und trug wesentlich bei, die herkömmlichen Anschauungen über die rechtliche Natur des österreichisch-ungarischen Ausgleichs einer Revision zu unterziehen. Es ist viel bekannt geworden und brachte dem Verfasser die Ehre, zu einem Vortrage vor dem Erzherzog-Thronfolger über die Ausgleichsfrage berufen zu werden.

In den nächsten Jahren wandte sich Dantscher der Ausarbeitung eines größeren Werkes zu, welches das schwierige Thema „Die politischen Rechte des Untertanen“ kritisch zu behandeln suchte. Diese Arbeit (erschienen in 3 Lieferungen 1. 1888, 2. 1894, 3. 1892) will für die politische Rechtsstellung des Staatsbürgers eine präzise Terminologie schaffen und die publizistischen Befugnisse als Rechte im subjektiven Sinne konstruieren. Im Zusammenhang damit wird auch der Versuch gemacht, in teilweisem Gegensatze zu den herrschenden Anschauungen eine Abgrenzung von öffentlichem und privatem Rechte vorzunehmen. Eine anerkennende Besprechung Prazak’s rühmt das gebrachte reiche Material und die Fülle von Anregungen im Gewande lichtvoller Darstellung.

Die politischen Ereignisse, welche sich in Ungarn abspielten, und die Kundgebungen der dortigen politischen Parteien im Kampfe gegen den Ausgleich mögen Dantscher bewogen haben, die Theorie seines ersten Werkes weiter auszubauen und zu festigen. In einer Reihe von späteren Schriften und Artikeln suchte er seine viel bekämpfte Lehre zu vertiefen, sie für spezielle Fragen zu erhärten, meist an der Hand schwer zu erreichenden und beurteilenden Materials, und war bemüht, stets mehr Argumente zu ihren Gunsten gegenüber den staatsrechtlichen Bestrebungen der ungarischen Politik aufzusuchen und zu verwerten. Er ging hie bei mit bewunderungswürdiger zäher Energie und konsequenter Gedankenausführung vor, durch die vielen Gegenargumente, welche die wissenschaftliche Kritik ihm entgegenhielt, nie entmutigt, sondern immer und unermüdlich zu neuer Beweisführung bereit. In diesem Bestreben entstanden die Schriften: Österreich und die bosnischen Bahnen, eine staatsrechtliche Erörterung 1901. Die auswärtigen Reichsangelegenheiten und die ungarischen Interpellationen betreff der Petersburger Reise des Erzherzogs Franz Ferdinand, 1902. Der staatsrechtliche Charakter der Delegationen, 1903. Die Verfassungswidrigkeit der ungarischen Forderungen betreff der österreichischen Armee, Vortrag 1904.

Die geschilderte wissenschaftliche Haltung Dantscher’s harmonisierte völlig mit dem Grundzuge seines ganzen Charakters. Zähes Festhalten an dem, was er einmal als Recht und richtig erkennen zu müssen glaubte, eine bis ins kleinste gehende, scharfsinnige Folgerichtigkeit seines Tun und Denkens, starkes Pflichtgefühl und ausgesprochener Gerechtigkeitssinn, vor allem das Bestreben, seinen Standpunkt und seine Handlungsweise stets korrekt und einwandfrei zu gestalten, das bestimmte sein ganzes Wesen. Sah er sich mit seinen Anschauungen allein, so vermochte dies ihn in seiner Überzeugung nur zu bestärken, die er stets mit scharfsinnigen Argumenten zu verteidigen wusste.

Mag aus diesen Gründen oft seine zähe, originelle Natur schroff und sarkastisch erschienen sein und ihn zu Manchem in Gegensatz gebracht haben, so verbarg sich doch hinter ihr für jeden, der ihm persönlich näher treten konnte, ein leutseliger, humorvoller Mensch, mit vornehmem, liebenswürdigen Gehaben, geistvollem Witz und fröhlicher Lebensauffassung, – eine Summe von glücklichen Eigenschaften, die ihn in vielen Kreisen der Gesellschaft zum gern gesehenen Freunde machten. Erst in den letzten Jahren, unter dem Einflusse seiner längeren Kränklichkeit, die ihn mit vorgerücktem Lebensalter befiel, machte diese heitere Natur immer mehr einer ängstlichen, nervösen Reizbarkeit Platz, unter welcher Gemütsstimmung er wohl selbst am meisten gelitten haben mag. Seine guten Eigenschaften konnten dadurch dem, der sie zu heben und zu schätzen wusste, nicht verdeckt werden. Mit großer Betrübnis mussten wir daher im Winter 1909 den raschen körperlichen Verfall verfolgen, der ihn zu seinem sichtlichen Leidwesen zwang, seine Vorlesungen im Sommersemester einzustellen. Am Schlusse desselben, am 20. Juli 1909 ereilte ihn auf seinem prächtigen Schloß, das er in Igls im Verein mit seinem Bruder als Stammsitz der Familie von Dantscher zur Freude seines Alters und in regem feinen Kunstsinn erbaut hatte, im Alter von 64 Jahren ein unvermuteter sanfter Tod. Die Fakultät, in der er über zwei Jahrzehnte gewirkt und die er auch einmal (1892/1893), obwohl kein Freund von Ehren und Würden, als Dekan betreut hatte, wird ihm ein warmes Gedenken bewahren.

Diesen Nachruf auf den Staatsrechtler Theodor Dantscher Ritter von Kollesberg hat der Kirchenrechtler Walther Hörmann von Hörbach (1865-1946), von 1897 bis 1908 Rechtsprofessor an der Universität Czernowitz, seit 1908 Ordinarius für Kirchenrecht und Zivilprozessrecht in Innsbruck,  für den Bericht über das Studienjahr 1908/09 an der Universität Innsbruck geschrieben.

(ip)

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