Anton Kerner (1831-1898)

Anton Kerner (1831-1898) war Botaniker und gilt als Mitbegründer der Pflanzensoziologie. Mit der seiner Berufung an die Universität Innsbruck 1860 gewann die Universität einen Pionier der deszendenztheoretischen Pflanzengeographie.
Anton Kerner (1831-1898).
Bild: Anton Kerner (1831-1898).

1860 wurde die botanische Lehrkanzel noch einmal unter dem traditionellen Titel der „Naturgeschichte“ besetzt. Unterrichts-Staatssekretär Joseph Alexander Helfert hat Ende 1860 im Ministerialvortrag angeführt, dass „zwei Individuen in Betracht [kämen], welche die volle Eignung hiefür in sich vereinigen, und denen die Erlangung dieses Postens zugleich erwünscht wäre, nämlich Professor [Anton] Kerner, und der frühere Privat-Docent für Pflanzen-Physiologie an der Prager Universität und nunmehrige Assistent der Naturgeschichte an der Forst-Akademie zu Tharand, Doctor Julius Sachs. […] Doctor Sachs, wie sehr er auch für den fraglichen Posten vollkommen geeignet erschiene, […], fällt jedoch in diesem Falle außer Betracht, wo es sich um Verleihung eines Postens eben an der Innsbrucker Universität handelt, da er, wie weiter gepflogene Erhebungen herausgestellt haben, sich zum lutherischen Glauben bekennt.“ Dieses konfessionelle Kriterium eliminierte in den Jahren des „Kampfes um die Tiroler Glaubenseinheit“ den später berühmten, in Würzburg lehrenden Pflanzenphysiologen und Erforscher der Photosynthese-Vorgänge Julius Sachs (1832-1897) aus einem universitären Berufungsverfahren.

Mit Anton Kerner (später: „Ritter von Marilaun“) gewann die Universität Innsbruck einen Pionier der statistisch deszendenztheoretischen Pflanzengeographie. Kerners in der Studienzeit begonnene Aufnahme der Flora der heimatlichen Wachau fand während seiner ersten Lehrtätigkeit in Ofen ihre Fortsetzung in den Karpaten und in der ungarischen Steppe. Nach Aufnahme der alpinen Flora Tirols konnte 1863 sein Standardwerk „Das Pflanzenleben der Donauländer“ erscheinen. Dieses als „der Kerner“ sprichwörtlich gewordene Werk zählte etwa zu den Lieblingsbüchern der Sozialistin Rosa Luxemburg, die in deutschen Gefängnissen politisch isoliert oft darin las.

Nahe dem Brenner legte Kerner in seinen Innsbrucker Forschungsjahren zwischen 1861 und 1878 in einer Seehöhe von 2200 Meter einen alpinen Versuchsgarten an. Kerner beschäftigte sich auch mit blütenökologischen Untersuchungen. In einer Arbeit über „die Schutzmittel der Blüten gegen unberufene Gäste“ spürte er 1876 den „Selektionsvorteile“ bietenden Eigentümlichkeiten im Bau der Blüten nach. Charles Darwin urteilte 1878, Kerner hat „der botanischen Wissenschaft einen ordentlich guten Dienst erwiesen“. 1876 hatte Darwin Kerner mit folgenden Worten zur Mitarbeit an experimentellen Untersuchungen über die Entstehung neuer Formen eingeladen: „Sie werden mir hoffentlich verzeihen, wenn ich Ihnen einige Beobachtungen nahelege, von denen es mir wünschenswert erscheint, daß sie gemacht würden und zu denen Sie besonders befähigt sind infolge Ihrer Forschungen über Pflanzen in der Natur und in der Kultur. Diese Beobachtungen beziehen sich auf die Feststellungen Nägelis und Jordans über nahe verwandte Formen. Als ich meine ‚Origin of Species’ veröffentlichte, dachte ich, daß polymorphe Gattungen wie Rubus und Rosa aus außerordentlich veränderlichen Arten bestehen; daß aber die Variationen weder vorteilhaft noch nachteilig seien, und daß sie infolgedessen in einem fluktuierenden Zustand bleiben. Nun wäre es sehr nützlich, Samen von einigen Formen von Hieracium zu sammeln, die vermischt wachsen und große Beete mit jeder Art dieser Samen anzulegen. So würden wir zur Gewißheit gelangen, ob jede Form vererbt ist und ob neue Formen nicht zufällig erscheinen. Namentlich würden wir aber erfahren, ob diese Formen Kreuzungen eingehen.“ Kerner hatte als Erster schon 1873 den Innsbrucker Studenten eine unentgeltliche „Darwinismus-Vorlesung“ angeboten.

1878 nahm Kerner einen Ruf auf die Lehrkanzel für systematische Botanik der Universität Wien an. (Vgl. Peter Goller – Gerhard Oberkofler: Materialien zur Geschichte der naturhistorischen Disziplinen in Österreich. Die Botanik an der Universität Innsbruck (1860-1945), Innsbruck 1945, 176 Seiten.)

 

(Peter Goller)

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