Religionsgemeinschaften leisten vielfältigen Gemeinwohl-Beitrag

Religionsgemeinschaften und deren soziale Einrichtungen sowie theologische Fakultäten stehen – wie andere Institutionen auch – unter Rechtfertigungsdruck: Als Empfänger von monetären Zuwendungen vom Staat stellt sich die Frage: Was leisten sie für die Gesellschaft und das Gemeinwohl?
Im Rahmen eines geförderten Projekts (siehe Newsletter 3/2025) haben sich im Frühjahr 2026 mehrere Religionsgemeinschaften auf den Weg gemacht, ihren Gemeinwohlbeitrag zu erheben. Dazu wurde das vielfach bewährte Tool der Gemeinwohlmatrix, ein ethisches Entwicklungsinstrument, das von der Gemeinwohl-Ökonomie entwickelt worden ist, verwendet. Durch genaues Recherchieren entstanden detaillierte Gemeinwohl-Berichte, aus denen hier nur Spots wiedergegeben werden können: So entdeckte beispielsweise die Gemeinschaft der Bahá'í, dass sie ganz selbstverständlich partizipative, beratungsbasierte Entscheidungs- und Führungsstrukturen aufweisen, die in das demokratische Bewusstsein der Gesellschaft hineinstrahlen. Andernorts wird in einer katholischen Pfarre an strahlenden Kinderaugen deutlich, wie stärkend, Freude und Gemeinschaft schenkend Jungschar-Arbeit sein kann. Die ökumenische Krankenhausseelsorge leistet wiederum einen schwer messbaren Zugewinn an Sinnstiftung und Krisenregulation/Resilienz. Schließlich beginnt sich ein Seelsorgeraum verstärkt um das Wohlbefinden „seiner Kund:innen“ zu kümmern und entwickelt einen Fragebogen, um Bedürfnisse und Wünsche seiner Gläubigen zu erfassen. Neben diesen und anderen „Früchten“ des Prozesses wurde zugleich deutlich, dass der Wertekompass der Gemeinwohl-Matrix blinde Flecken entdecken lässt und aus der Komfortzone herausführt. Somit bildet die Gemeinwohl-Matrix auch für Religionsgemeinschaften ein hervorragendes Tool für eine wertorientierte strategische Weiterentwicklung. Das Projekt hat bereits einen neuen Kreis interessierter Religionsgemeinschaften gefunden, die sich mit diesem Ansatz weiterentwickeln wollen.
(Johannes Panhofer)
Was sagt die Bibel über Gender und Sex in Österreich?

Das am Institut für Religionswissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz und an unserem Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie angesiedelte FWF-Projekt „Gender and the Bible“ (unter der Leitung von Nicole Bauer) zielt auf einen erfolgreichen Abschluss im Sommer 2027. Das Projekt fokussiert auf die Schnittstelle katholischer und evangelikaler Gruppen in Österreich zu den Themen Gender und Sexualität und untersucht, wie in Fragen der Identitätsbildung die Bibel herangezogen und gedeutet wird.
Dafür wurden Publikationen und Social-Media-Beiträge solcher Gruppen analysiert, anonymisierte Interviews mit Mitgliedern und Vertreter:innen und eine Online-Umfrage durchgeführt. Die generierten Daten werden im „Austrian Social Science Data Archive (AUSSDA)“ hochgeladen und stehen somit für weitere Forschung zur Verfügung. Die bisher gewonnenen Ergebnisse erscheinen demnächst in einem Sammelband, der das Projekt in den größeren akademischen Diskurs einbettet (Nicole M. Bauer & J. Andrew Doole, (De)Constructing Gender Politics in Contemporary Christian Discourse, TeiResias 4, V&R unipress, 2026), und in einem Sonderheft der Zeitschrift Nova Religio zum Thema Sex/Gender in neuen religiösen Bewegungen in Österreich. Das Projekt wurde sowohl bei der Jahrestagung der European Association for the Study of Religions (EASR) in Göteborg (Schweden) wie auch beim Kongress der International Association for the History of Religions (IAHR) in Krakau (Polen) vorgestellt.
Als Projektmitarbeiter:innen waren unter der Leitung von Andrew Doole an unserer Fakultät Johannes Härting und Magdalena Collinet tätig; aktuell arbeiten Lorenz Grießenauer und Sabine Schönekäs am Projekt mit. Weitere und aktuelle Infos finden Sie auf der Homepage des Projekts.
(J. Andrew Doole)
Neues Schwerpunktthema von RGKW: Braucht es eine neue Verhältnisbestimmung von Religion und Politik?

Das Forschungszentrum Religion–Gewalt–Kommunikation–Weltordnung (RGKW) hat sich nach dem Abschluss seines Schwerpunktthemas zur Nachhaltigkeit (die Publikation dazu erscheint im Herbst) ein neues Schwerpunktthema gegeben.
Theologie findet sich zunehmend im Spannungsfeld von Machtanspruch, Gewaltlegitimation und Wahrheitssuche. Von politischen Akteurinnen und Akteuren werden zunehmend „Gott“ oder ein „göttlicher Auftrag“ ins Feld geführt, um Gewalt und Ausgrenzung zu legitimieren. Politische Theologie(n) in unterschiedlichsten Gewändern tauchen (wieder) auf der Weltbühne auf. Das Zweite Vatikanische Konzil führte Kirche und Theologie in einen universalen Dialog mit allen Menschen guten Willens. Es bereitete den Weg für eine Kirche, die sich selbst nicht als Trägerin staatlicher und politischer Macht, sondern als gleichberechtigte Partnerin in einem gesellschaftlichen Ringen um die Wahrheit versteht. Papst Leo XIV. hat dies in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas noch einmal unterstrichen und ist auf die neuen Fragen eingegangen, die sich hier für Kirche und Gesellschaft stellen.
Unser Forschungszentrum sieht das Thema in drei zusammenhängenden Themenclustern verortet: Politische Theologie(n) Reloaded, Künstliche Intelligenz als politisch-theologische Herausforderung sowie Wahrheit und Lüge in Religion und Politik, denen sich verschiedene Mitglieder unseres Zentrums im Austausch miteinander widmen werden.
Zum Einstieg haben wir eine Workshop-Reihe mit Gästen von auswärts geplant. Der erste Workshop zum Thema „Macht und Wahrheit“ fand am 12. Juni 2026 mit den Gästen Linda Kreuzer aus Wien und Franz Gmainer-Pranzl aus Salzburg statt. Linda Kreuzer gab uns einen fundierten Einblick in die Welt der „Tradwife“-Bewegung und ihrer Influencerinnen, die zwischen Subkultur und Propaganda zu verorten sind. Franz Gmainer-Pranzl rekapitulierte für uns Jürgen Habermas’ Wahrheitstheorie und warb für eine vertiefende theologische Adaption, die helfen könnte, manche der neuen Herausforderungen anzugehen.
Es zeigte sich der große Gegensatz zweier Welten: Eine textbasiert, mit dem Anspruch vernunftgesteuert und mit der Kraft des besseren Arguments zu agieren, die andere bildbasiert, emotionsbetont und über die Kultur des „Likens“ mimetisch verstärkt und vervielfältigt. Für Theologie und Kirche stellt sich die Frage, ob sie durch ein Ernstnehmen der menschlichen Leibhaftigkeit nicht diesen Extremen entkommen könnte und – gewissermaßen – das Beste aus beiden Welten nützen und das Problematische entschärfen könnte.
(Nikolaus Wandinger)
Neuerscheinungen

Joseph Wisnicki:
Mich kriegt ihr nicht! Als polnischer Jude auf der Flucht in Vorarlberg. Herausgegeben von Dominik Markl und Niko Hofinger, übersetzt von Birgit Salzmann.
Tyrolia Verlag Innsbruck 2026, 160 Seiten.
ISBN 978-3-7022-4338-8 (Hardcover)
ISBN 978-3-7022-4339-5 (ePub)
Joseph Wisnickis Erinnerungen „My Fight for Survival“ erscheinen mit diesem Buch erstmals in literarischer Übersetzung. Der 1916 in Częstochowa geborene jüdische Soldat überlebte Holocaust und Krieg durch waghalsige Fluchten, falsche Papiere und mutige Helfer in Polen und Vorarlberg. Nach dem Krieg heiratete er Leokadia Justman, deren Erinnerungen unter dem Titel „Brechen wir aus!“ im Tyrolia-Verlag veröffentlicht wurden. 1997 schrieb er seine Geschichte für seine Familie nieder – mit Fotos und Dokumenten, die dem Bericht eindrückliche Authentizität verleihen. Nun liegt dieser bewegende Text, geprägt vom trockenen Humor eines Überlebenden, mit fundierten historischen Anmerkungen und zahlreichen Abbildungen vor. Ein einzigartiges Zeugnis von Widerstandskraft und Überlebenswillen, das persönliche Erinnerung, Zeitgeschichte und literarische Kraft verbindet – und eine unentbehrliche Stimme im Gedenken an den Holocaust hörbar macht. (Verlagstext)


Mathias Moosbrugger, Ulrike Marte und Bernadette Rüscher (Red.):
Adel verpflichtet. Zum 300. Todestag des Barockbaumeisters Franz Beer von Bleichten.
Vorarlberger Verlagsanstalt 2026, 58 Seiten.
Der Bregenzerwälder Baumeister Franz Beer von Bleichten (1660–1726) hat mit seinen Dutzenden von Kirchen und Klöstern wie kaum ein anderer die barocke Sakrallandschaft des erweiterten Bodenseeraumes geprägt. Trotzdem ist er (werk-)biographisch bis heute in der Forschung seltsam ungreifbar geblieben. Diese Broschüre anlässlich seines 300. Todestages dokumentiert eine derzeit laufende kleine Ausstellung im Barockbaumeister Museum Au (Mai bis Oktober 2026) und macht nicht nur erstmals einige wichtige Bilder und Dokumente zugänglich, die Beers ikonographische (Selbst-)Inszenierung und seine gezielten Bemühungen um die Erhöhung seines persönlichen und familiären Prestiges bis hin zur Nobilitierung durch Kaiser Karl VI. greifbar machen. In drei historischen und kunsthistorischen Tiefenbohrungen werden zudem Umrisse seines künstlerischen und biographischen Profils skizziert und so neue Perspektiven für künftige Forschungen eröffnet. Der Katalog ist im Barockbaumeister Museum Au erhältlich.


Andreas Exenberger, Teresa Millesi, Dietmar Regensburger und Christian Wessely (Hg.):
Wie im Einklang leben? Öko- und Klimakrise und die Frage nach einem guten, nachhaltigen Leben im Spiegel des Films.
Schüren Verlag 2026, 414 Seiten.
ISBN 978-3-7410-0531-2 (Printausgabe)
Open Access Publikation (PDF)
Ein gutes Leben zu führen, im Einklang mit sich, mit der Mitwelt, mit der Natur zu leben, das ist eine Ursehnsucht des Menschen. Die Vorstellungen, wie ein gutes Leben auszusehen hat, sind nach lokalen, kulturellen, sozialen und religiösen Kontexten sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen aber der Wunsch, ohne existenzielle Gefährdung, ohne Angst, ohne Mangel an Lebenswichtigem leben zu können und in ein funktionierendes Beziehungsnetzwerk eingebettet zu sein. Trotz des enormen technologischen Fortschrittes, der ein Leben ohne Not für alle Menschen unseres Planeten ermöglichen würde, werden unsere Gesellschaften heute von multiplen Krisen erschüttert. Kriege, ökonomische und soziale Verwerfungen, Migration, Artensterben und nicht zuletzt der ungebremst fortschreitende Klimawandel stellen gegenwärtige und besonders zukünftige Generationen vor gewaltige Herausforderungen. Anhand von ausgewählten Spiel-, Dokumentar- und Animefilmen aus Europa, Amerika, Afrika und Asien wird aus unterschiedlichen Disziplinen und Blickwinkeln die Frage nach den Ursachen und Auswegen aus den Krisen und möglichen Sackgassen des Anthropozäns gestellt. Dabei wird klar, dass für ein nachhaltiges, gutes Leben, das nicht nur einer privilegierten Minderheit, sondern allen Menschen und auch den Mitgeschöpfen zukommen soll, der Mensch nicht nur sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen, sondern auch sein Verhältnis zur Natur und zu den Mitgeschöpfen radikal überdenken muss.
Mit Beiträgen von Eva Binder, Edgar Edel, Andreas Exenberger, Malte Frey, Nikolaus Geyrhalter, Wilhelm Guggenberger, Julia Helmke, Jörg Herrmann, Johannes Hoff, Stefan Hofmann, Peter Paul Huth, Walter Lesch, Luise Merkert, Teresa Millesi, Jochen Mündlein, Dietmar Regensburger, Hans-Gerd Schwandt, Joachim Valentin, Fynn Wenglarczyk, Christian Wessely und Hans-Jürgen Wulff.


Judith Gruber, Gertraud Ladner, Ruben C. Mendoza, Rachel Sanchez, Neven Vukic:
De/colonizing Theologies. Glocal Histories, Contemporary Challenges, Theoretical Reflections
(ESWTR Studies in Religion 4)
Peeters Publishers, Leuven 2026, VIII-248 p.
ISBN: 9789042957053
This volume emerges from the research project of the International Network of Societies for Catholic Theology (INSeCT), which from 2021 to 2024 explored the theme A People of All Nations: Decolonizing Theologies, Decolonizing the World. Bringing together theologians from diverse contexts—including the Philippines, the Congo, Europe, and beyond—it critically examines how colonial legacies continue to shape theology, the Church, and global society. Contributors analyze the political, economic, cultural, and ecological dimensions of colonialism while constructing theological frameworks that challenge entrenched power structures and envision alternative, liberative futures. Rooted in the Catholic tradition yet attentive to global polyphony, the essays move beyond simplistic condemnations or apologetics to highlight ambivalent, complex, and creative practices of faith in colonial and postcolonial settings. Featuring both scholarly studies and autoethnographic reflections, the volume offers fresh resources for decolonizing theology and for reimagining the Church as a living, intercultural tradition.
