Eine Frau ist in Hockstelle neben dem Gehsteig und hat einen Zollstock in der Hand.

Projektmitarbeiterin Katharina Schmermbeck beim Messen der Gehsteigkanten-Höhe – eine wichtige Information für Rollstuhlnutzer:innen.

Mit dem Zoll­stock durch Inns­bruck

Was Google Maps nicht zeigt, kann für Rollstuhlnutzer:innen entscheidend sein: abgesenkte Gehsteige, Rampen, Platz zum Aussteigen. Mit dem Projekt „Access Innsbruck“ werden diese Informationen gesammelt und öffentlich zugänglich gemacht, damit das Bus- und Straßenbahnfahren für Menschen mit Behinderung in Zukunft besser planbar ist.

Haltestelle Alois-Lugger-Platz im Olympischen Dorf in Innsbruck: Eine Gruppe an Menschen mit orangen Warnwesten steigt aus. Sie ziehen Zollstöcke, Maßbänder und Smartphones aus ihren Taschen und fangen an zu messen. Die Höhe der Gehsteigkante, die Neigung und Breite des Gehsteigs – alles wird genau notiert.

Wer nachfragt, was der Hintergrund dieser Aktion ist, findet heraus: Es handelt sich um Freiwillige, die bei einer „Stadtrallye“ der Uni Innsbruck mitmachen. Ziel dieser Rallye ist es, Informationen zu sammeln, die für Menschen mit Behinderungen wichtig sind, wenn sie eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln planen.

Denn weder auf Google Maps noch in der Scotty-App der ÖBB ist beispielsweise vermerkt, ob der Gehsteig einer Haltestelle abgesenkt ist – eine Information, die für Rollstuhlnutzer:innen essenziell ist.

 

Jemand tippt auf dem Handy. Dahinter sieht man ein Blatt Papier mit einer Liste von Haltestellen in Innsbruck.

Die Teilnehmenden der Stadtrallye erhielten eine Route und sollten an jeder Haltestelle Informationen sammeln.

Haltestellen als Hindernisse

Menschen mit Behinderungen stoßen immer noch auf viele Hürden, wenn sie den öffentlichen Nahverkehr nutzen möchten. Je nach Art der Behinderung, seien es nun Einschränkungen in der Mobilität oder Sehbehinderungen, kann es vorkommen, dass das Aussteigen an gewissen Haltestellen schwierig bis unmöglich ist. Im Vorhinein darüber Bescheid zu wissen, würde Betroffenen Zeit und viele Nerven ersparen. Katharina Schmermbeck von der Universität Innsbruck erklärt:

„Dadurch, dass Informationen fehlen, kommen Menschen mit Behinderungen in Situationen, die unangenehm sind und zu Diskriminierungen führen.“

Schmermbeck ist Teil des Projekts „Access Innsbruck“, das genau hier ansetzen möchte: Entwickelt wird eine Website mit einer digitalen Karte und detaillierten Informationen zu allen Bus- und Straßenbahn-Haltestellen in Innsbruck. Das Besondere daran ist, dass jede:r Nutzer:in für sich selbst definieren kann, was „Barrierefreiheit“ bedeutet. Muss es eine Rampe geben oder braucht es ein taktiles Bodenleitsystem? Basierend auf diesen Kriterien werden die Haltestellen dann nach ihrer Zugänglichkeit bewertet.

Freiwillige helfen bei Datenerhebung

Um das Projekt zu realisieren, sind Katharina Schmermbeck und ihre Kolleg:innen auf Freiwillige angewiesen: „Wir haben jetzt das Problem, dass wir Informationen zu jeder einzelnen Station benötigen – und es gibt in Innsbruck ungefähr 600 Haltestellen“, so Schmermbeck.

Startschuss für die Datensammlung war die oben beschriebene Stadtrallye, die Anfang November im Rahmen der „Woche der Nachhaltigkeit“ der Universität Innsbruck stattfand. Teilnehmer:innen bekamen eine Route zugeteilt, auf der sie dann die Gegebenheiten an den Haltestellen dokumentieren sollten. Der Nutzen dieser Veranstaltung war dabei ein doppelter. Schmermbeck betont:

„Die Rallye bringt uns Daten, aber sie hilft uns auch, die Perspektive zu wechseln. Wie sieht die Welt für jemand anderen aus?“

Die Teilnehmer:innen halfen also nicht nur im praktischen Sinn, sondern wurden auch für das Thema Barrierefreiheit sensibilisiert. „Das Schöne an diesem Event war, dass auch Menschen mit Behinderung dabei waren, die ihre Expertise eingebracht haben“, erklärt Schmermbeck. Insgesamt sei das Feedback der Teilnehmer:innen nach der Rallye sehr positiv ausgefallen: „Viele hatten das gute Gefühl, etwas beizutragen.“ Geplant ist, solche Veranstaltungen öfter durchzuführen, etwa mit Schulkassen. Sobald eine erste Version der Website online ist, sind alle Öffi-Nutzer:innen eingeladen, spontan Informationen einzutragen, zum Beispiel beim Warten auf einen Bus.

 

Mitmachen

Wer selbst aktiv werden möchte, kann sich hier informieren:

ACCESS INNSBRUCK

Studierende entwickeln Assistenzlösungen

Entstanden ist das Projekt im Rahmen der Lehrveranstaltung „INNklusion“ an der Uni Innsbruck. Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Menschen mit Behinderungen arbeiten hierbei im Team. Ziel ist es, Lösungen für konkrete Alltagsprobleme zu entwickeln, und so an einer inklusiveren Gesellschaft mitzuwirken. In diesem Rahmen entstand beispielsweise bereits eine Einschenkhilfe für Wasserkocher und ein einhändig bedienbarer Haargummi.

Die Idee für „Access Innsbruck“ kam vor ca. zwei Jahren von einer Rollstuhlnutzerin, die von Schwierigkeiten im öffentlichen Nahverkehr berichtete. Ihr Input war entscheidend, um einen ersten Prototyp der Website zu entwickeln. Generell ist das regelmäßige Feedback von Menschen mit Behinderung ein wichtiger Teil der Lehrveranstaltung „INNklusion“. Katharina Schmermbeck betont: „Technikentwicklung funktioniert nur gemeinsam, im Austausch mit den Nutzer:innen.“


Ansehen: Video-Bericht über die Initiative INNklusion

 

INNklusion - Assistenzlösungen

Bericht über die Initiative INNklusion, bei der Assistenzlösungen gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen entwickelt werden, um Barrieren abzubauen und Inklusion durch Lehre und Forschung nachhaltig zu stärken.


Im Anschluss an die Lehrveranstaltung konnte das Projekt eine Finanzierung vom Verein „Förderkreis 1669“ der Universität Innsbruck einwerben, um den Prototypen der Website weiterzuentwickeln. Aktuell arbeitet das Team daran, die Website noch nutzerfreundlicher zu machen. Insbesondere muss sie für die Nutzung mit Screenreadern optimiert werden, damit auch Personen mit Sehbehinderung und Blinde Zugang zu den Informationen haben. Anfang des nächsten Jahres soll eine erste Version veröffentlicht werden.

Doch abgeschlossen ist die Arbeit dann nicht: Für die Zukunft sind außerdem eine App und eine barrierefreie Routenplanungsfunktion angedacht – und es müssen weitere Informationen eingetragen werden. Die Chancen, dass weitere Stadtrallyes stattfinden, stehen also gut.

 

Zur Person

Katharina Schmermbeck studierte Maschinenbau in Berlin sowie „Robotics, Cognition and Intelligence“ in München. In ihrer Masterarbeit entwickelte sie ein robotisches Hand-Exoskelett für die Rehabilitation von Schlaganfallpatient:innen. Seit 2022 absolviert sie ein Doktoratsstudium im Bereich Fertigungstechnik an der Universität Innsbruck. Sie ist Gründerin und Leiterin der Initiative INNklusion, einer interdisziplinären Lehrveranstaltungsreihe, bei der Studierende und Menschen mit Behinderungen gemeinsam an Assistenzlösungen arbeiten.

 Dieser Beitrag ist in der Oktober-Ausgabe von wissenswert erschienen. Die gesamte Beilage zur Tiroler Tageszeitung finden Sie hier (PDF).

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