Die Bautätigkeit der Oesterreichisch-Ungarischen Bank und der Oesterreichischen Nationalbank im europäischen Kontext (1878–1938)
GEFÖRDERT DURCH DEN JUBILÄUMSFONDS DER OESTERREICHISCHEN NATIONALBANK – PROJEKT-NR. 18975
Forschungsstand
Die Bautätigkeit der Oesterreichischen Nationalbank und der Oesterreichisch-ungarischen Bank wurde bislang nur wenig untersucht. Es gibt aber gewichtige Vorarbeiten zur Geschichte der Institution, allen voran das mehrbändige Werk von Siegfried Pressburger (1959–1976), die zum 200-jährigen Jubiläum erschienene Publikationen von Clemens Jobst und Hans Kernbauer sowie der vom Bankhistorischen Archiv der OeNB verantwortete Bildband[1]. Sie sprechen auch erstmalig die baulichen Aktivitäten der Nationalbank an. Hierzu gibt es auch eine Online-Publikation des Geldmuseums der OeNB[2].
Am besten erforscht sind die Gebäude der Hauptanstalten in Wien und Budapest, die nicht Teil des Forschungsprojekts sind. Zu den sukzessiven Verwaltungssitzen der Hauptanstalt Wien erschienen verschiedene Publikationen, zuerst von Marco Schwarz (1992)[3] und Judith Eiblmayr (1999/2010)[4], dann von Jindřich Vybíral (2009)[5] sowie die Diplomarbeit und zwei Beiträge von Elisabeth Olivares de Diaz (heute verh. Dutz; 2012/2016)[6]. Die Hauptanstalt Budapest wurde vor allem von János Gerle, Nóra Németh und Katalin Marótzy untersucht[7].
Die Bautätigkeit des Noteninstituts sprechen aus wirtschaft- und aus kunsthistorischer Sicht auch die beiden zum 200-jährigen Jubiläum der Oesterreichischen Nationalbank herausgegebenen Publikationen[8] sowie eine Online-Publikation des Geldmuseums an[9]. Bislang fehlt aber jegliche Untersuchung des umfangreichen Bauprogramms von Filialen, das die Bank im Jahre 1895 initiierte und das Gegenstand des Forschungsprojekts ist.
Quellenlage
Die Untersuchung des Bauprogramms der Oesterreichisch-ungarischen Bank von 1895 bis 1918 und seine Fortsetzung durch die Oesterreichische Nationalbank von 1923 bis 1931 basiert vor allem auf archivalischen Quellen.
Den mit Abstand größten Aktenbestand wird im Bankhistorischen Archiv der Oesterreichischen Nationalbank aufbewahrt und kann teilweise durch eine Online-Suche erschlossen werden. Hier findet sich ein Großteil der Dokumente zur Geschichte der Oesterreichisch-ungarischen Bank (1878–1923) sowie der Oesterreichischen Nationalbank (1816–1878 und ab 1923). Erhalten haben sich vor allem eine große Zahl der Bauakte, nicht aber die Baupläne, die einerseits bei der Liquidierung der Oesterreichisch-ungarischen Bank an ihre Nachfolgeinstitutionen, andererseits bei Weiterverkauf der Gebäude an die neuen Eigentümer weitergegeben wurden.
Die im Bankhistorischen Archiv verwahrten Bauakte bieten umfangreiche Informationen: Sie beinhalten die Vorlagen der Geschäftsleitung zur Genehmigung durch den Generalrat, die Dekrete und den gesamten Schriftverkehr der Geschäftsleitung mit Gegenüberlieferung, Bedingnisse, Verträge, Kostenvoranschläge und Rechnungen, Geschäftskataloge der Firmen sowie viele Werk- und Möblierungspläne. Von großem Interesse für den zeitlichen Ablauf des Bauprogramms und Hintergründe zum Personal bieten die bankinternen Personalverzeichnisse (Personalstatus) sowie die Personalakte (Lebensbücher), die biographische Hinweise zu den verantwortlichen Akteuren geben. Hintergründe zum Genehmigungsverfahren liefern die Protokolle der Sitzungen des Generalrats. Außerdem bewahrt das Bankhistorische Archiv Bilder sowie Baupläne eines Teils der Filialen auf. Von großer Bedeutung sind die Listen zu Geschäftsumfang und Rangordnung der Filialen, die Rückschlüsse über die in den Filialen durchgeführten Tätigkeiten sowie eine umfassende wirtschaftshistorische Einordnung der Bauten erlauben. Die Betreuung, Beratung und Aushebung einer stattlichen Zahl von Dokumenten aus den Archiven erfolgte durch Claudia Köpf und Walter Antonowicz unter der Leitung von Herwig Romé.
Das Archiv der Tschechischen Nationalbank (Archiv České národní banky) umfasst die Akten des Staatlichen Bankamts im tschechoslowakischen Finanzministeriums (Bankovní úřad při ministerstvu financí, BUMF), der 1926–1939 bestehenden Tschechoslowakischen Nationalbank (Národní banka Československá, NBČS) und ihrer Nachfolgerin, der 1945/1950 ins Leben gerufenen tschechoslowakischen Staatsbank (Státní banka československá) sowie der 1993 gegründeten Tschechischen Nationalbank (Česka Narodni Banka, ČNB). Hier hat sich ein Teil der von der Oesterreichisch-ungarischen Bank abgegebenen Bauakte und Baupläne erhalten, während diese Dokumente bei den anderen Institutionen nicht mehr vorhanden sind – auch hier, wie beispielsweise bei der Ungarischen Nationalbank, durch Weiterverkauf der Gebäude an das ungarische Schatzamt (Magyar Államkincstár). Außerdem wurde hier ein Exemplar des Vertrags von Saint-Germain gefunden, der sich auf den Verkauf der Bankgebäude der OeUB an die Nationalbanken der Nachfolgestaaten der Institution bezieht. Die wissenschaftliche und praktische Betreuung übernahmen Jakub Kunert, Helena Sedláčková und Lenka Vrchotová.
Im historischen Archiv der Banca d’Italia (Archivo storico della Banca d’Italia) befinden sich Dokumente zu den Filialen der Oesterreichisch-ungarischen Bank, die heute auf italienischem Staatsgebiet liegen. Akten vor 1918 sind nicht nennenswert erhalten geblieben, dafür Unterlagen zum Ankauf und Umbau der Gebäude sowie historische Fotografien und Pläne. Die Betreuung des vollständig digitalisierten und durch ein Online-Suchsystem vorbildlich erschlossenen Archivbestands lag in der Hand von Costanza Battisti.
Die Einreichungspläne und Genehmigungsverfahren der Bauten vor Ort haben sich in den jeweiligen kommunalen oder regionalen Archiven erhalten. Hier finden sich daher auch die meisten Baupläne und zahlreiche Fotografien. Besondere Hilfestellung boten bislang die Stadtarchive und Stadtplanungsämter in Bregenz, Innsbruck, Linz, Salzburg und Villach in Österreich, von Brno, Děčín, Jihlava, Jablonec nad Nisou, Kolín, Mladá Boleslav, Olomouc, Opava, Ostrava, Podmokly, Ústí nad Labem und Trutnov in Tschechien sowie Sopron in Ungarn, Ljubljana und Maribor in Slowenien, das Brukenthal-Museum in Sibiu (Rumänien) sowie das Staatsarchiv in Krakau.
[1] Siegfried Pressburger, Das Österreichische Noteninstitut, Teil 1, Band 1: Die Vorgeschichte der privilegirten österreichischen Nationalbank / Die privilegirte österreichische Nationalbank 1816–1862; Band 2: Die privilegirte österreichische Nationalbank (1863–1867); Band 3: Die privilegirte österreichische Nationalbank (1868–1877), Wien 1959–1969; Teil 2, Band 1: Die Oesterreichisch-ungarische Bank 1878–1889, Band 2: Die Oesterreichisch-ungarische Bank 1890–1900, Wien 1972; Band 3: Die Oesterreichisch-ungarische Bank 1901–1913; Band 4 (unter Mitarbeit von Richard Bajez): Die Oesterreichisch-ungarische Bank 1914–1922, Wien 1969–1976, abrufbar unter: https://www.oenb.at/Ueber-Uns/unternehmensgeschichte/publikationen.html; Clemens Jobst und Hans Kernbauer, Die Bank. Das Geld. Der Staat. Nationalbank und Währungspolitik in Österreich 1816–2016, Frankfurt am Main, Campus, 2016; Walter Antonowicz, Elisabeth Dutz, Claudia Köpf und Bernhard Mussak, Die Oesterreichische Nationalbank, seit 1816 | Memories of a Central Bank. Oesterreichische Nationalbank, since 1816, Wien, Brandstätter, 2016. Vgl. auch die online abrufbaren Publikationen des Geldmuseums: https://www.oenb.at/Ueber-Uns/Geldmuseum/publikationen.html sowie weitere Publikationen auf https://www.oenb.at/Ueber-Uns/unternehmensgeschichte.html und https://www.oenb.at/Ueber-Uns/unternehmensgeschichte/publikationen.html.
[2] Geldmuseum der OeNB (Bearb.), Architektur des Geldes, abrufbar unter: https://www.oenb.at/Ueber-Uns/Geldmuseum/publikationen/Geschichte-des-Geldes.html.
[3] Mario Schwarz, „Die Bedeutung des Gebäudes der Nationalbank für die Architektur des Wiener Klassizismus“, in: Bankgebäude Herrengasse. Bericht über Revitalisierung, hrsg. von der ÖRAG, Wien 1992, S. 19.
[4] Judith Eiblmayr, Architektur des Geldes. Vom klassizistischen Palais zum zeitgenössischen Geldzentrum, Wien, Selbstverlag der OenB, 1999 sowie Die Oesterreichische Nationalbank und ihre Architekten, Diss. TU Wien 2010.
[5] Jindřich Vybíral, Letzte Renaissance in Wien. Projekte von Leopold Bauer für die Österreichisch-Ungarische Bank, in: Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied, Bratislava, Slovak Academic Press, 42, 2009, S. 217-238, abrufbar unter https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ars2009/0225.
[6] Elisabeth Olivares de Diaz, Adaptierung des Druckereigebäudes zum repräsentativen Hauptsitz der Oesterreichischen Nationalbank. Architektur und Ausstattung im Wien der Zwischenkriegszeit 1923–1925, Diplomarbeit Universität Wien 2012, abrufbar unter https://utheses.univie.ac.at/detail/17794; Elisabeth Dutz, Oesterreichische Nationalbank. 200 years of architecture in: Bulletin of the European Association of Banking History, Bd. 1, 2016, S. 17–20, abrufbar unter https://bankinghistory.org/publications/bulletins/.
[7] O.V., Séta a pénz palotájában. A Magyar Nemzeti Bank és műemlék épülete, Budapest, 2009; János Gerle, A pénz palotái, Budapest, 1994; Nóra Németh und Katalin Marótzy, A századforduló két legfontosabb építészeti pályázata és sajtója. Az Osztrák-Magyar Bank pályázata, in: Architectura Hungaricae, Jg. 10, Heft 4, Dezember 2011 (o. S.), abrufbar unter: http://arch.eptort.bme.hu/arch_old/hu/fooldal?id=34.
[8] Clemens Jobst und Hans Kernbauer, Die Bank. Das Geld. Der Staat. Nationalbank und Währungspolitik in Österreich 1816–2016, Frankfurt am Main, Campus, 2016; Walter Antonowicz, Elisabeth Dutz, Claudia Köpf und Bernhard Mussak, Die Oesterreichische Nationalbank, seit 1816 | Memories of a Central Bank. Oesterreichische Nationalbank, since 1816, Wien, Brandstätter, 2016.
[9] Geldmuseum der OenB (Bearb.), Architektur des Geldes, abrufbar unter: https://www.oenb.at/Ueber-Uns/Geldmuseum/publikationen/Geschichte-des-Geldes.html.