Das Forschungs­zentrum

An der Universität Innsbruck ein FZ Social Theory einzurichten, war seit langem Ziel einer interessierten Gruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Helmut Staubmann. Theoriebezogene Grundlagenforschung gehört zu den Kernaufgaben des Instituts für Soziologie. Neben dem institutsinternen Forschungsbereich Soziologische Theorie & Wissenschaftstheorie hat vor allem der Masterstudiengang „Soziologie: Soziale und Politische Theorie“, den das Institut für Soziologie seit 2008 anbietet, zu einer Ausweitung der Forschung in diesem Bereich geführt. Diese positive Dynamik wollen wir nunmehr durch die Gründung eines Forschungszentrums auch über die Institutsgrenzen hinweg voranbringen und Synergien mit theoretischer Grundlagenforschung in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften erschließen. Damit möchten wir, erstens, dem Forschungspanorama der Universität Innsbruck ein Forschungszentrum hinzufügen, das mit seinem speziellen Fokus auf grundlagentheoretische Forschung in den Gesellschaftswissenschaften Anknüpfungspunkte sowohl mit den Forschungsplattformen Organization & Society sowie Geschlechterforschung, als auch mit dem Forschungsschwerpunkt Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte aufweist. Zweitens möchten wir damit das Bewusstsein für und den Austausch über paradigmatische Voraussetzungen in der Forschung in der um ein Institut (Medien, Gesellschaft, Kommunikation) und einen Arbeitsbereich (ULG Peace Studies) erweiterten Fakultät für Soziale und Politische Wissenschaften fördern und der Forschungsarchitektur der Fakultät neben dem FZ Spheres of Governance (Sprecher Prof. Dr. Ludger Helms) ein weiteres Forschungszentrum hinzufügen.

Inhaltliche Ausrichtung des FZ Social Theory

In Zeiten von fake news, media bubbles und um sich greifender Skepsis gegenüber Wahrheitsansprüchen, ist die Wissenschaft herausgefordert. Jede/r einzelne Forschende ist vor die Aufgabe gestellt, einen Beitrag zu leisten zu einem verantwortungsvollen und reflektiertem Umgang mit Wissen. Dafür braucht es neben Expertenwissen auch ein breites Verständnis von epistemologischen Debatten. Fake news sind nicht nur ein Problem falscher Fakten, sie sind ein epistemologisches Problem. Wie wissen wir, was wir wissen? Und warum bedeutet die Theorienvielfalt unserer Forschungsdisziplinen nicht anything goes, sondern ist vielmehr Auftrag für einen disziplinierten und informierten Umgang mit den paradigmatisch unterschiedlichen Erkenntnisinteressen der Wissensgewinnung?

Dreh- und Angelpunkt universitärer wissenschaftlicher Forschung ist, immer und unabhängig vom Forschungsgegenstand, die sorgfältige und transparent gemachte epistemische Reflexion über die zur Anwendung kommenden theoretischen Grundlagen. Traditionen der Reflexion und theoretische Grundlagenforschung werden in jedem Fachgebiet kultiviert, aber es ist ein besonderes Anliegen der Sozial- und Geisteswissenschaften, dass sie ihre theoretischen Grundlagen immer wieder aus Neue lehren, befragen, einsetzen und weiterentwickeln und multiparadigmatisch arbeiten. Anders als in den Natur-, Technik- und mathematischen Wissenschaften geht der sozial- und geisteswissenschaftliche Erkenntnisfortschritt nicht mit einer fortlaufenden Überwindung von Theorieparadigmen einher, die durch neue, zutreffendere ersetzt werden, sondern fußt auf einer kontinuierlichen Kopräsenz und Kompetition unterschiedlicher theoretischer Ansätze und Erkenntnisinteressen, mit denen dem Gegenstand – der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Vergangenheit und Gegenwart – begegnet wird.

Das FZ Social Theory blickt auf die Gesamtheit sozialwissenschaftlicher Theorien und beschäftigt sich mit diesen aus a. historisch-wissenssoziologischer, b. erkenntnistheoretischer, c. forschungstheoretischer und d. sozialphilosophischer Perspektive. Daraus leiten sich exemplarisch folgende Fragestellungen bzw. –komplexe ab:

  1. Wie, in welchem historischen und ideengeschichtlichen Kontext und unter wessen Federführung haben sich unterschiedliche theoretische Ansätze entwickelt? Wie haben sie sich im Laufe der Zeit verändert? Wer sind deren zeitgenössische Vertreter? Ziel der Beschäftigung mit Theorien aus historisch-wissenssoziologischer Perspektive ist eine detaillierte und fundierte Theoriekompetenz unter Forschenden und Studierenden.
  2. Erkenntnistheoretische Fragestellungen zielen darauf ab, die Bestandteile unterschiedlicher Theorieansätze, ihre Begrifflichkeiten, Logiken und Erkenntnisinteressen sichtbar und vergleichbar zu machen. Die unter Punkt a genannte Theoriekompetenz erschöpft sich nämlich nicht nur in der Kenntnis verschiedener Theorieansätze, sondern bedarf einer reflektierten Entscheidungskompetenz darüber, welche Theorien für welche Fragestellungen adäquat sind. Zahlreiche Disziplinen verdanken der fächerübergreifenden Theorierezeption wichtige Innovationen, gleichzeitig wird gegen den Theorientransfer oft der Vorwurf des Eklektizismus angeführt. Aus diesem Grund ist reflektierte theoretische Entscheidungskompetenz im internationalen Wissenschaftskontext und bei kompetitiven Anträgen für Forschungsvorhaben zentral, denn innovative Forschung muss, um im Peer-Review überzeugen zu können, Überblickswissen über ein Forschungsfeld in seiner Breite vorweisen können. Dieses Überblickswissen ist so gut wie immer theoretischer Natur und funktioniert als Gerüst für eine thematisch unendlich breit fächerbare Palette an Forschungsthemen in den Gesellschaftswissenschaften.
  3. Forschungstheoretische Fragen sind solche theoretischen Herausforderungen, die auf Forschende zukommen, sobald sie sich für einen Gegenstand und einen theoretischen Zugang entschieden haben. An welche Grenzen stößt ein theoretischer Ansatz in der Anwendung und wo fügt die Rückbindung an empirische Forschungsprozesse der Theorie neue, noch unbeschriebene Theoreme hinzu? Jede Forschung möchte eine „Lücke“ füllen, und in fast jedem Fall ist diese Lücke sowohl empirischer wie auch theoretischer Natur. Den Erkenntnisgewinn in zweiterem Sinne konsequent zu fördern und sichtbar zu machen, ist ein erklärtes Ziel des FZ Social Theory.
  4. Das FZ Social Theory möchte darüber hinausgehend den interdisziplinären Dialog über die Relevanz, Deutung und die konkreten Auswirkungen sozialer und gesellschaftlicher Befunde fördern und aus sozialphilosophischer Perspektive auf die Gesamtheit sozialwissenschaftlicher Theorien blicken. Exemplarische Problemstellungen sind etwa die Bedeutung des Individualismus und Rationalismus bzw. deren Kritik für die Moderne; die Rolle der Religion bzw. der Säkularisierung in der Gesellschaft; oder die Rolle von Liberalismus und Neoliberalismus in demokratischen politischen Systemen. Es soll explizit gemacht werden, vor welchen gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen wir uns mit sozialen Theorien beschäftigen und welchen Beitrag diese zum Verständnis bzw. zur Lösung dieser Herausforderungen leisten können (z.B. Finanzkrise, Migration, Klimawandel, religiöser Fundamentalismus, Populismus).

Das FZ Social Theory beabsichtigt keine theoriebezogene Schulenbildung. Stattdessen wird ein offener Austausch zwischen theoretischen Schulen und Ansätzen gefördert. Multiple befristete Schwerpunktsetzung sind möglich und wahrscheinlich, abhängig von bestehenden Forschungsprojekten und -interessen der beteiligten ForscherInnen (siehe Vorleistungen). Das Hauptziel bleibt aber der eingangs geforderte informierte, disziplinierte und verantwortungsvolle Umgang mit Wissen und Wissensgenerierung in Forschung und Lehre und eine im FZ geförderte Debattenkultur über die gesamte Bandbreite der genannten Definitionen und Fragestellungen von Social Theory.

Position und Funktion innerhalb der bestehenden Forschungsarchitektur der Universität Innsbruck

Jede universitäre Forschung verfolgt einen theoretischen Erkenntnisgewinn. Das Alleinstellungsmerkmal des FZ Social Theory ist es jedoch, 1. die Theoriearbeit selbst in den Mittelpunkt der Zusammenarbeit zu stellen und die metatheoretische, epistemologische Reflexion und Diskussion unter den Mitgliedern zu fördern. Das FZ Social Theory bietet seinen Mitgliedern darüber hinaus eine Plattform, um 2. den theoretischen Erkenntniswert ihrer jeweiligen Arbeiten für konkrete Publikationen oder Projektanträge im Austausch mit KollegInnen zu schärfen und 3. diesen über eine Zuordnung in der FLD und Auflistung auf der Homepage des FZ nach außen sichtbar zu machen. Das FZ Social Theory tritt nicht in Konkurrenz mit bereits bestehenden Forschungszentren, sondern erschließt vielmehr Anknüpfungspunkte mit anderen Forschungsbereichen der Universität, insbesondere mit dem Theorie- und Methodenforum des Forschungsschwerpunkts Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte.

Innovative Merkmale

  • Stärkt die Forschungsarchitektur der Universität Innsbruck durch eine explizit theoriefokussierte Schwerpunktsetzung.
  • Füllt eine Lücke im FZ Angebot an der Fakultät für Soziale und Politische Wissenschaften.
  • Fördert wissenschaftliche Exzellenz durch Schwerpunktsetzung auf erkenntnistheoretische und forschungstheoretische Fragen.
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