Das Forschungs­zentrum

Eine in „Einzelstudien zersplitterte, zusammenhanglose Wissenschaft bildet kein solidarisches Ganzes mehr.”
Émile Durkheim

Das Forschungszentrum Social Theory ermöglicht Synergien der theoretischen Grundlagenforschung als dem einigenden Band der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften. Es ergänzt, erstens, das Forschungspanorama der Universität Innsbruck um seinen Fokus auf grundlagentheoretische Forschung in den Gesellschaftswissenschaften und öffnet damit Anknüpfungspunkte zu den universitären Forschungsschwerpunkten  Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte, EPoS Wirtschaft, Politik & Gesellschaft sowie der Forschungsplattform Geschlechterforschung. Zweitens fördert das Forschungszentrum das Bewusstsein für und den Austausch über paradigmatische Voraussetzungen jedweder Forschung in den verschiedenen teilnehmenden Fakultäten.

Das Forschungszentrum, das auch mit jährlichen, fakultätenübergreifenden Ringvorlesungen an die universitäre Öffentlichkeit tritt, nimmt eine positive Dynamik auf, die in der starken Nachfrage gleichermaßen nach theoriegeleiteten Studien im Masterstudiengang Soziologie sowie nach theorieorientierten Dissertationen seinen Anfang nahm, für welche Studierende aus ganz Österreich, unseren Nachbarländern wie auch aus der Ferne nach Innsbruck kommen. Dissertationen unserer Absolvent:innen sind bei Beltz, Springer, Velbrück u.a. veröffentlicht.

Inhaltliche Ausrichtung des FZ Social Theory

In Zeiten von fake news, media bubbles und um sich greifender Skepsis gegenüber Wahrheitsansprüchen ist die Wissenschaft herausgefordert. Jede/r einzelne Forschende ist vor die Aufgabe gestellt, einen Beitrag zu leisten zu einem verantwortungsvollen und reflektiertem Umgang mit Wissen. Dafür braucht es neben Expertenwissen auch ein breites Verständnis von epistemologischen Debatten. Fake news sind nicht nur ein Problem falscher Fakten, sie sind ein epistemologisches Problem. Wie wissen wir, was wir wissen? Und warum bedeutet die Theorienvielfalt unserer Forschungsdisziplinen nicht anything goes, sondern ist vielmehr Auftrag für einen disziplinierten und informierten Umgang mit den paradigmatisch unterschiedlichen Erkenntnisinteressen der Wissensgewinnung?

Dreh- und Angelpunkt universitärer Forschung ist die sorgfältige und transparent gemachte epistemische Reflexion über die jeweils zur Anwendung kommenden theoretischen Grundlagen. Traditionen der Reflexion und theoretische Grundlagenforschung werden in allen Fachgebieten kultiviert. Ein besonderes Anliegen der Sozial- und Geisteswissenschaften liegt jedoch darin, ihre erkenntnistheoretischen und impliziten ontologischen Voraussetzungen immer wieder neu zu lehren, zu befragen, anzuwenden und weiterzuentwickeln. Sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung ist daher in besonderem Maße multiparadigmatisch angelegt.

Anders als in vielen Natur-, Technik- und mathematischen Wissenschaften vollzieht sich Erkenntnisfortschritt in den Sozial- und Geisteswissenschaften nicht primär als fortlaufende Ablösung älterer Theorieparadigmen durch neue, zutreffendere Modelle. Vielmehr beruht er wesentlich auf der kontinuierlichen Kopräsenz, Konkurrenz und produktiven Spannung unterschiedlicher theoretischer Ansätze und Erkenntnisinteressen. Mit ihnen wird der historische Gegenstand -- gesellschaftliche Wirklichkeit in Vergangenheit und Gegenwart -- aus jeweils unterschiedlichen ontologischen, epistemologischen und methodischen Perspektiven erschlossen.

Das FZ Social Theory blickt auf die Gesamtheit sozialwissenschaftlicher Theorien und beschäftigt sich mit diesen aus (1) historisch-wissenssoziologischer, (2) erkenntnistheoretischer, (3) forschungstheoretischer und (4) sozialphilosophischer Perspektive. Daraus leiten sich exemplarisch folgende Fragestellungen bzw. –komplexe ab:

  1. Geschichte und Epistemologie der Sozialwissenschaften: Wie, in welchem historischen und ideengeschichtlichen Kontext und unter wessen Federführung haben sich unterschiedliche theoretische Ansätze entwickelt? Wie haben sie sich im Laufe der Zeit verändert? Wer sind deren zeitgenössische Vertreter? Ziel der Beschäftigung mit Theorien aus historisch-wissenssoziologischer Perspektive ist eine detaillierte und fundierte Theoriekompetenz unter Forschenden und Studierenden.

  2. Erkenntnistheoretische Fragestellungen zielen darauf ab, die Bestandteile unterschiedlicher Theorieansätze, ihre Begrifflichkeiten, Logiken und Erkenntnisinteressen sichtbar und vergleichbar zu machen. Die unter Punkt (1) genannte Theoriekompetenz erschöpft sich nämlich nicht nur in der Kenntnis verschiedener Theorieansätze, sondern bedarf einer reflektierten Entscheidungskompetenz darüber, welche Theorien für welche Fragestellungen adäquat sind. Zahlreiche Disziplinen verdanken der fächerübergreifenden Theorierezeption wichtige Innovationen. Gleichzeitig wird gegen den Theorientransfer oft der Vorwurf des Eklektizismus angeführt. Aus diesem Grund ist reflektierte theoretische Entscheidungskompetenz im internationalen Wissenschaftskontext und bei kompetitiven Anträgen für Forschungsvorhaben zentral. Innovative Forschung muss, um im Peer-Review überzeugen zu können, Überblickswissen über ein Forschungsfeld in seiner Breite vorweisen können. Dieses Überblickswissen ist so gut wie immer theoretischer Natur und funktioniert als Gerüst für eine thematisch unendlich breit fächerbare Palette an Forschungsthemen in den Gesellschaftswissenschaften.

  3. Forschungstheoretische Fragen sind solche theoretischen Herausforderungen, die auf Forschende zukommen, sobald sie sich für einen Gegenstand und einen theoretischen Zugang entschieden haben. An welche Grenzen stößt ein theoretischer Ansatz in der Anwendung und wo fügt die Rückbindung an empirische Forschungsprozesse der Theorie neue, noch unbeschriebene Theoreme hinzu? Jede Forschung möchte eine „Lücke“ füllen, und in fast jedem Fall ist diese Lücke sowohl empirischer wie auch theoretischer Natur. Den Erkenntnisgewinn in zweiterem Sinne konsequent zu fördern und sichtbar zu machen, ist ein erklärtes Ziel des FZ Social Theory.

  4. Das FZ Social Theory möchte darüber hinausgehend den interdisziplinären Dialog über die Relevanz, Deutung und die konkreten Auswirkungen sozialer und gesellschaftlicher Befunde fördern und aus sozialphilosophischer Perspektive auf die Gesamtheit sozialwissenschaftlicher Theorien blicken. Exemplarische Problemstellungen sind etwa die Bedeutung des Individualismus und Rationalismus bzw. deren Kritik für die Moderne; die Rolle der Religion bzw. der Säkularisierung in der Gesellschaft; oder die Rolle von Liberalismus und Neoliberalismus in demokratischen politischen Systemen. Es soll explizit gemacht werden, mit welchen gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen wir uns theoretisch beschäftigen und welchen Beitrag die theoretische Erschließung von Zusammenhängen zum Verständnis bzw. zur Lösung dieser Herausforderungen leisten können (z.B. soziale Ungleichheit, Klimawandel, Migration usw.).

Das FZ Social Theory steht allen Interessierten offen. Der offene Austausch zwischen theoretischen Schulen und über Disziplingrenzen hinweg wird gefördert. Multiple befristete Schwerpunktsetzung sind möglich und wahrscheinlich, abhängig von bestehenden Forschungsprojekten und -interessen der beteiligten ForscherInnen. Das Hauptziel bleibt aber der eingangs geforderte informierte, disziplinierte und verantwortungsvolle Umgang mit Wissen und Wissensgenerierung in Forschung und Lehre und eine im FZ geförderte Debattenkultur über die gesamte Bandbreite der genannten Definitionen und Fragestellungen von Social Theory.

Position und Funktion innerhalb der bestehenden Forschungsarchitektur der Universität Innsbruck

Jede universitäre Forschung verfolgt einen theoretischen Erkenntnisgewinn. Das Alleinstellungsmerkmal des FZ Social Theory ist es jedoch, (1) die Theoriearbeit selbst in den Mittelpunkt der Zusammenarbeit zu stellen und die metatheoretische, epistemologische Reflexion und Diskussion unter den Mitgliedern zu fördern. Das FZ Social Theory bietet seinen Mitgliedern darüber hinaus eine Plattform, um (2) den theoretischen Erkenntniswert ihrer jeweiligen Arbeiten für konkrete Publikationen oder Projektanträge im Austausch mit KollegInnen zu schärfen und (3) diesen über eine Zuordnung in der FLD und Auflistung auf der Homepage des FZ nach außen sichtbar zu machen. Das FZ Social Theory tritt nicht in Konkurrenz mit bereits bestehenden Forschungszentren, sondern erschließt vielmehr Anknüpfungspunkte mit anderen Forschungsbereichen der Universität, insbesondere mit dem Theorie- und Methodenforum des Forschungsschwerpunkts .

Innovative Merkmale

  • Stärkt die Forschungsarchitektur der Universität Innsbruck durch eine explizit theoriefokussierte Schwerpunktsetzung.
  • Füllt eine Lücke im FZ Angebot der Universität, die bei Studierenden und Forschenden, internationalen Konferenzen und öffentlichen Vortragsreihen auf große Resonanz stößt
  • Fördert wissenschaftliche Exzellenz durch Schwerpunktsetzung auf erkenntnistheoretische, gesellschaftstheoretische und methodologische Fragen.
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