Zur Möglichkeit von Handlungen

Eine interdisziplinäre Konferenz von Philosophie und Physik denkt in dieser Woche in Konstanz über den Begriff der Handlung nach. Die Tagung findet im Rahmen eines von Forschern der Universität Innsbruck koordinierten, interdisziplinären Projekts statt.
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Bild: Die Frage, wie Agenten, die ihre Umgebung verändern, in eine Welt passen, in der alles, was geschieht, letztlich von physikalischen Gesetzen bestimmt wird, stellen sich Wissenschaftler derzeit in Konstanz. (Credit: istockphoto.com/joruba)

Was sind Handlungen? Wie kann es in einer Welt, die von physikalischen Gesetzen regiert wird, überhaupt „Agenten“ geben, die die Natur beeinflussen und gleichzeitig ihren Gesetzen unterworfen sind? Wie ist es unter diesen Umständen möglich, Menschen, Tieren und möglicherweise sogar Artefakten wie Robotern Handlungen zuzuschreiben? Fragen, die in der Philosophie unter dem Begriff der Willensfreiheit wieder intensiv diskutiert werden. Das von dem Innsbrucker Physiker Hans Briegel koordinierte, interdisziplinäre Projekt „Agency and (quantum) physics“ erweitert die Fragestellung in Richtung Physik. Was ist die Grundlage eines physikalischen Handlungsbegriffs, und welche Rolle spielen Agenten in der Physik, insbesondere der Quantenphysik? An der Universität Konstanz treffen sich Philosophen, Physiker und Robotiker, um diesen Fragestellungen nachzugehen.

Durch die großen Fortschritte in der Psychologie, in den Neurowissenschaften, aber auch in der Physik und anderen Wissenschaften wird die Frage nach der Möglichkeit von Willensfreiheit wieder akut. Gewisse menschliche Handlungen etwa, die als Ausdruck eines selbstständigen freien Willens verstanden wurden, stellen sich aufgrund neuer Erkenntnisse als durch Neuronen bestimmtes bloßes Verhalten heraus. Der Konstanzer Philosoph Prof. Dr. Thomas Müller geht die Willensfreiheitsdebatte aus dem Blickwinkel der theoretischen Philosophie an. Nicht Begriffe aus der Moralphilosophie wie beispielsweise „Verantwortung“ stehen hier zur Debatte. Stattdessen geht es um einen theoretischen Handlungsbegriff, der den Kausalitätsbegriff, verschiedene Möglichkeitsbegriffe oder die Dispositionen von Dingen umfasst. Ein grundlegender Erklärungsversuch, der letztlich auch an die Diskussion von Moralbegriffen anschließen soll: „Das sind natürlich die wirklich interessanten und relevanten Begriffe, weshalb uns das Thema Willensfreiheit auch so angeht“, sagt Thomas Müller.

In der Physik, insbesondere der Quantenphysik, spielt der Handlungsbegriff im Kontext von quantenmechanischen Experimenten eine besondere Rolle. Hier ist zum Beispiel der Begriff des quantenmechanischen Messprozesses, der den Eingriff eines Experimentators in das mikrophysikalische Geschehen beschreibt, entscheidend für die Vorhersage von Ereignissen. In der Zukunft könnten auch künstliche und lernfähige Agenten in Quantenlabors eingesetzt werden. Die kontrovers diskutierte Frage, welche Rolle Agenten für die Interpretation der Quantenmechanik spielen, wird dadurch neue Aktualität erhalten.

Hans Briegel hat im Bereich der Quanteninformationstheorie grundlegende Arbeiten verfasst, in denen die Interaktion des Experimentators mit dem physikalischen System eine wichtige Rolle spielt. Auch hier sind es die großen Fortschritte, speziell die in der experimentellen Technik, die die Frage nach dem Handlungsbegriff neu und verstärkt aufkommen lassen. In diesem Zusammenhang wird Briegels Handlungsmodell „Projective Simulation“, ein auf Zufallsprozessen und Assoziationen aufbauender Lernalgorithmus, diskutiert. An der Universität Innsbruck setzt der Robotiker Prof. Dr. Justus Piater das Modell ein, um künstliche Agenten zu trainieren. Damit öffnete sich der Handlungsbegriff den Artefakten: Welchen autonomen Handlungsspielraum besitzen Roboter; inwieweit kann beispielsweise davon gesprochen werden, dass ein Roboter seine eigenen Ziele wählt und Initiative ergreift?

Die Frage, wie Agenten, die ihre Umgebung verändern, in eine Welt passen, in der alles, was geschieht, letztlich von physikalischen Gesetzen bestimmt wird, stellt sich somit nicht nur im Fall von Menschen und Tieren, sondern auch im Physiklabor. Die Konferenz, wie das gesamte Projekt gefördert von der Templeton World Charity Foundation, bringt diese unterschiedlichen Diskursstränge aus der Philosophie, der Physik, der Robotik sowie allgemein aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz zusammen. Um dazu eine begriffliche Grundlage für alle zu schaffen, war der Konferenz eine Master Class vorgeschaltet, die den Konferenzteilnehmern grundlegende Begriffe der einzelnen Disziplinen vorstellte.


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