Symbolbild: Kindergartenkinder

Wie Kinder entscheiden

Kinder haben enorme Kaufkraft, zumindest über ihre Eltern – nicht nur um die Weihnachtszeit bestätigt sich das. Aber wie entscheiden Kinder? Ihrem ökonomischen Verhalten sind Innsbrucker Wirtschafts­wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler um Daniela Glätzle-Rützler auf der Spur.

Die Kinder sitzen vor Schachteln, darin sind Korken und Tannenzapfen. Die Aufgabe: Die Korken sollen aussortiert werden – für jede „richtige“ Schachtel gibt es eine Belohnung in Form eines Tokens, eines Spielchips, der später gegen Süßes eingetauscht werden kann. Ein Beispiel für einen von mehreren ökonomischen Versuchen, die Innsbrucker Forscherinnen und Forscher regelmäßig durchführen. Sie sind dabei besonders am wirtschaftlichen Verhalten von Kindern interessiert. „Die gängigen ökonomischen Theorien sind alle auf Erwachsene zugeschnitten. Nun wissen wir aber – und alle Eltern werden das auch subjektiv bestätigen –, dass Kinder viele Kaufentscheidungen treffen, ihre Kaufkraft also sehr hoch ist. Und auch generell ist es nützlich, das Entscheidungsverhalten von Kindern zu verstehen, auch in Bezug zum Beispiel auf Bildungsentscheidungen“, erklärt Dr. Daniela Glätzle-Rützler vom Institut für Finanzwissenschaft. Sie nutzt selbst ökonomische Experimente mit Kindern für ihre Forschung und hat kürzlich gemeinsam mit Prof. Matthias Sutter und Dr. Claudia Zoller einen Überblicksartikel über diese Forschung veröffentlicht. „Experimentelle Forschung mit Kindern ist in der Wirtschaftswissenschaft noch relativ neu, das hat erst vor etwa fünfzehn Jahren begonnen. Inzwischen gibt es aber eine größere Zahl an Studien, da lohnt sich ein Überblick“, erklärt sie.

Wettbewerb und Geduld

Der erwähnte Versuch mit den Schachteln dient dazu, Wettbewerbsverhalten zu messen. „Wir haben dabei 20 Schachteln, gefüllt mit unterschiedlichen Dingen, und eines der Dinge muss aussortiert werden. Für jede richtige Schachtel haben die Kinder einen Token bekommen“, sagt die Ökonomin. In einer zweiten Version, der Wettbewerbsaufgabe, bekommt das Kind nur etwas, wenn es schneller ist als ein zweites Kind – allerdings dann auch mehr, nämlich für jede richtige Schachtel zwei Token. Die Kinder können davor sagen, welche Variante sie lieber spielen wollen: Die sichere ohne Wettbewerb und mit weniger Gewinn oder die risikoreichere mit mehr, schlimmstenfalls aber ganz ohne Gewinn. „Wir beobachten bei solchen Versuchen durchgehend zwei Dinge: Einerseits sind Buben selbstbewusster und glauben, sie schneiden besser ab. Die Mädchen schätzen sich meist einigermaßen richtig ein, nur die ganz kleinen Mädchen, wir machen diese Versuche ab drei Jahren, sind auch über-selbstbewusst. Andererseits sind die Buben risikobereiter, auch das sehen wir durchgehend. Und dieses Über-Selbstbewusstsein und die höhere Risikobereitschaft haben Einfluss auf das Wettbewerbsverhalten: Buben gehen deutlich häufiger und lieber in Wettbewerb als Mädchen, wir können diesen Gender-Gap aber nicht eindeutig erklären. Er tritt auch schon bei Drei- bis Fünfjährigen auf.“ Aus den Studien anderer Forschungsgruppen ist zudem abzulesen, dass dieser Geschlechtsunterschied hauptsächlich in entwickelten Gesellschaften zu beobachten ist und in Ländern wie Indien, China oder Armenien nicht vorhanden zu sein scheint; und dass er in gebildeten Schichten stärker ausgeprägt ist als bei Kindern aus weniger privilegierten Gesellschaftsschichten. Die Gründe dafür sind bisher noch nicht untersucht.

Ein weiterer Einflussfaktor bei (nicht nur) ökonomischen Entscheidungen ist Geduld: Dass Kinder tendenziell weniger geduldig sind als Erwachsene, wird wenige überraschen. Die Forscherinnen und Forscher haben allerdings interessante Zusammenhänge zwischen Geduld und späteren Erfolgen festgestellt. Aber wie misst man eigentlich Geduld bei Kindern? „Ganz einfach: Bei kleineren Kindern fragen wir: Möchtest du lieber heute eine Süßigkeit oder morgen zwei? Bei älteren Kindern verbinden wir das mit Geld und die Kinder müssen sich entscheiden: Heute einen fixen Betrag oder einen mit der Zeit immer höheren Betrag einige Tage später? Wir starten auch hier mit Dreijährigen und wissen von Versuchen, dass die Geduld bis zum Alter von etwa zehn Jahren ansteigt. Mit zehn ist man etwa so geduldig wie als Erwachsener.“ Die Zusammenhänge von Geduld mit späterem beruflichem Erfolg sind deutlich, erläutert Daniela Glätzle-Rützler: „Geduld hat starke Auswirkungen auf späteres Verhalten, zum Beispiel darauf, ob ich später rauche oder trinke. Auch der Body-Mass-Index ist korreliert mit Geduld. Wie viel ich später verdiene, welchen Beruf ich wähle, das alles hängt mit Geduld zusammen. Das wissen wir aus Langzeitstudien, von denen es einige wenige gibt. Auch die Verhaltensnote in der Schule korreliert stark mit Geduld, je ungeduldiger, desto schlechter ist diese Note.“

Soziales Verhalten

Neben Wettbewerb messen ökonomische Experimente auch soziales Verhalten und Kooperation: Wie geneigt ist man, sein Hab und Gut zu teilen? Die einfachste Variante ist das sogenannte „Diktatorspiel“, bei dem die Kinder entscheiden, ob und wenn ja wie viel ihres Vermögens sie an ein anderes, ihnen unbekanntes Kind geben wollen. „Auch hier gibt es eine Entwicklung mit dem Alter: Kleine Kinder sind egozentriert und teilen nicht oder wenig, später werden sie sozialer. Und einen Geschlechterunterschied sehen wir auch: Mädchen sind auf Gleichheit bedacht, Buben stärker effizienzorientiert. Die schauen darauf, dass die Summe des Kuchens, der verteilt wird, maximiert wird.“ Ein Beispiel dafür ist ein Experiment, wo man zwischen zwei möglichen Verteilungen wählt: „Da gibt es eine Verteilung, wo ich ein Token und der andere auch eines bekommt und eine zweite, wo ich ein Token bekomme und der andere zwei. Die Kinder können eine Verteilung auswählen. Da ist der zweite Fall effizienzmaximiert, weil der Kuchen dann insgesamt größer ist, nämlich drei, auch wenn ich selbst weniger bekomme. Und wir sehen, dass Buben hier mehr auf Effizienz achten und eben die zweite Variante nehmen, während Mädchen aufgrund des Fairnessgedankens eher die Variante wählen, wo beide gleich viel kriegen.

Die experimentellen Ökonominnen und Ökonomen der Uni Innsbruck arbeiten für ihre Studien mit Kindergärten und Schulen zusammen; über 3000 Kinder haben bislang an den Experimenten teilgenommen und so geholfen, wirtschaftliches Verhalten von Kindern besser zu verstehen. „Wenn wir sehen, wie Kinder Entscheidungen treffen, hilft das auch dabei, mögliche Entwicklungen vorherzusehen und vielleicht gegenzusteuern. Wir wissen jetzt zum Beispiel, dass Ungeduld tatsächlich negative Auswirkungen hat. Bisher gibt es erst eine Studie, die versucht hat, Ungeduld zu senken, das verdient noch weitere Beobachtung“, sagt Daniela Glätzle-Rützler. Auch weitere Zusammenhänge zwischen den einzelnen Faktoren sind noch wenig untersucht – Daniela Glätzle-Rützler und ihre Kolleginnen und Kollegen arbeiten daran.

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).

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