Odinn Melsted

Wie Island zu seiner Energie­revolution kam

Schon vor Jahrzehnten gelang es Island von fossilen Energieträgern auf Geothermie und Wasserkraft umzusteigen. Der Historiker Odinn Melsted vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie erforscht mit einem DOC-Stipendium der ÖAW, wie die „Energiewende“ im hohen Norden gelang.

Sowohl zum Heizen als auch für die Stromproduktion setzt Island schon seit Jahren, statt auf Kohle und Öl, auf Geothermie und Wasserkraft. Wie diese weitreichende Umstellung vor sich ging, untersucht der Historiker Odinn Melsted in seiner Dissertation. Er stammt väterlicherseits aus Island und ist dort, sowie in Österreich, aufgewachsen. Sein Bachelor- und Masterstudium hat er in Reykjavík absolviert, für seine Dissertation im Fach Geschichtswissenschaften ist er in sein Geburtsland Österreich zurückgekehrt und studiert nun an der Universität Innsbruck. „Ich möchte herausfinden wie sich Energiesysteme in der Vergangenheit verändert haben und was es braucht um eine Energiewende hin zu erneuerbaren Alternativen zu bewirken“, erklärt Melsted. Von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat er dafür kürzlich ein DOC-Stipendium für drei Jahre erhalten. 

Energiewende ohne Plan

„Das Spannende an Island ist, dass es zwischen 1940 und 1990 möglich war, von der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, wie importierter Kohle und Öl, Schritt für Schritt wegzukommen. Seitdem dominieren erneuerbare Alternativen wie Wasserkraft und Geothermie das Energiesystem“, sagt Melsted. Nur noch im Bereich der Mobilität müssen sich die Isländerinnen und Isländer auf fossile Brennstoffe verlassen. Isländische Politiker prahlen gerne damit, dass man in Island bereits vor Jahrzehnten die Zeichen der Zeit erkannt habe und deshalb auf erneuerbare Alternativen gesetzt hat. Eine genauere Betrachtung zeigt allerdings, dass es keine geplante Energiewende, sondern das Ergebnis einer Vielzahl von Faktoren und historischer Entscheidungen war. „Auch im restlichen Europa wird es sicherlich nicht so sein, dass die zukünftige Energiewende exakt nach Plan ablaufen wird“, meint Melsted.
Auf die Frage wie ein Historiker gerade auf ein Energiethema kommt, hat Melsted eine einleuchtende Antwort parat: „Ich finde es besonders spannend, ein gegenwärtig vieldiskutiertes Thema wie die Energiewende in seinen historischen Kontext zu setzen. Wenn wir Energiesysteme verändern möchten, müssen wir zuerst einmal verstehen wie diese historisch gewachsen sind und vor allem wie sie sich bereits in der Vergangenheit verändert haben. Außerdem ist Energie ein Thema, bei dem man verschiedene Perspektiven auf die menschliche Vergangenheit vereinen kann, denn ein Energiesystem verbindet immer Gesellschaft, Technik und Umwelt“.
Bisher ist jener Aspekt, wie vergangene Energiewenden abgelaufen sind, wenig erforscht. „Etablierte Energiesysteme sind ja oft über Jahrzehnte hinweg sehr stabil, weshalb ich in meiner Analyse den Begriff ‚Regime‘ benutze. Heutzutage hat man immer wieder das Gefühl, dass viele Leute gar nicht mit Öl heizen oder ihr Auto mit Benzin betreiben wollen, aber sie machen es trotzdem, da sie Teil dieses Energieregimes sind. Um eine Energiewende zu bewirken, muss das bestehende Regime mit all seinen sozialen und technischen Verknüpfungen aufgebrochen bzw. verändert werden“, erklärt Melsted.

Alternative Energien statt Ölimporte

Warum aber geschah die größte Veränderung gerade in Island? Dort musste fossile Energie immer importiert werden. Aus wirtschaftlichen und kulturellen Gründen wollte man von Kohle und Öl wegkommen und hat daher auf inländische Alternativen umgestellt. In den späten 1930er Jahren etwa wurde in Reykjavík auf ein geothermales Fernheizsystem gesetzt, welches dann in den 70er Jahren im ganzen Land kopiert wurde.
Derlei „Regimewechsel“ wurden in Island wohl auch dadurch gefördert, dass dort aufgrund der geringen Einwohnerzahl die Gesellschaftsstrukturen einfacher aufgebaut sind und so Entscheidungen leichter gefällt und umgesetzt werden. „In Island gibt es auch eine ‚Wir machen das jetzt einfach‘ Mentalität und die Isländer sind sicherlich Draufgänger“, erklärt Melsted mit einem Augenzwinkern. 

Zwischen Island und Österreich

Zwischen seinen Heimatländern möchte sich Odinn Melsted auf alle Fälle noch nicht entscheiden. Er fühlt sich sowohl in Island als auch in Österreich wohl. „In Österreich ist es im Sommer viel zu heiß, da ist es in Island viel angenehmer und außerdem wunderschön. Andererseits ist Island sehr überschaubar, jeder kennt jeden, und so kann es einem auf der Insel schnell einmal zu eng werden. Ich denke aber, dass diese beiden die besten Länder sind, die man sich aussuchen kann“, lacht Melsted. Mit dem DOC-Stipendium der ÖAW kann er nun das Land aus Feuer und Eis vor Ort oder vom Land der Berge aus erforschen.

Zur Person

Odinn Melsted ist seit 2016 Doktorand am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck. Der Historiker erhielt am 9. Juni 2017 ein DOC-Stipendium der ÖAW für sein Forschungsprojekt mit dem Titel „Icelandic Energy Regimes: Fossil Fuels, Renewables and the Path to Sustainability, 1940–1990“. Mit dem Stipendienprogramm DOC fördert die ÖAW hoch qualifizierte Dissertant/innen aus allen Gebieten der Forschung. Die Stipendien, die in kompetitiven Ausschreibungen vergeben werden, ermöglichen Nachwuchswissenschaftler/innen, sich in konzentrierter Weise und mit klarem zeitlichen Rahmen der Erstellung ihrer Dissertation zu widmen.

(ÖAW)


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