Fischer bei der Arbeit in Baja California Sur in Mexiko

Naturschutz verändert Verhalten

Freundschaftliche Rivalität ist Teil des täglichen Lebens von Fischern in Mexiko. Die Errichtung von Meeresschutzgebieten beeinflusst ihre Bereitschaft zur Kooperation und Rivalität. Das soziale und ökonomische Verhalten der Betroffenen war Gegenstand von Forschungen der Uni Innsbruck, Universität Marburg und der Duke University. Die Ergebnisse wurden in „Science Advances“ publiziert.

Viele Menschen in der Region Baja California Sur an der Küste von Mexiko verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Fischerei. Die Regierung und Umweltschutzorganisationen sind zunehmend bemüht, die Meere und Küstenregionen dieser Gegend nachhaltig zu schützen. Eingerichtet werden Meeresschutzgebiete, in denen nicht nur neue Auflagen für die Fischer, sondern vor allem auch neue Arbeitsmöglichkeiten im Tourismussektor entstehen. Als Wirtschaftswissenschaftlerin und -wissenschaftler haben sich Esther Blanco und Björn Vollan sowie die beiden Meeresbiologen Xavier Basurto und Mateja Nenadovic diese spezielle Situation der Fischer und der Menschen vor Ort genauer angesehen und herausgefunden, dass die Implementierung einer solchen Schutzzone das soziale Verhalten der Menschen verändert oder zumindest beeinflusst. „Meeresschutzgebiete haben einen großen Einfluss auf das individuelle Verhalten von Menschen, die von den Ressourcen des Meeres abhängig sind und ihren Lebensunterhalt damit verdienen“, erklärt Esther Blanco vom Institut für Finanzwissenschaft der Uni Innsbruck. Die durchgeführte Studie zeigt, dass bei der Einrichtung von Meeresschutzgebieten der Fokus nicht nur auf den ökologischen und ökonomischen Aspekten, sondern auch auf den möglichen Auswirkungen für die betroffenen Menschen liegen soll.

Eine Frage der Balance

Neue Arbeitsmöglichkeiten, die Veränderung gesellschaftlicher Muster sowie neue Auflagen in der Nutzung der Meeresressourcen beeinflussen den Lebensunterhalt der Menschen vor Ort. Während manche von der neuen Situation profitieren, werden andere künftig vor größeren Herausforderungen und Problemen stehen. Eine Veränderung der bisherigen Einkommen sowie ein daraus resultierendes soziales Ungleichgewicht können mögliche Folgen für die Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Regionen sein. Die neue Situation könnte den Zusammenhalt einer Gemeinschaft drastisch beeinflussen, die Kooperation verringern und die Konkurrenz deutlich steigern, was in weiterer Folge die eben erst eingerichteten Meeresschutzgebiete ändern könnte. Die Studie hat gezeigt, dass die Errichtung von Schutzzonen die Bereitschaft der Bevölkerung zu positivem wie zu negativem Verhalten gleichermaßen intensiviert. Zudem steigt auch die beobachtete Kooperation und der Wettbewerb signifikant gegenüber jenen Gebieten, die außerhalb einer solchen Schutzzone liegen. „Diese Entwicklung ist nicht grundsätzlich schlecht, solange beide Verhaltensmuster in der Balance bleiben. So ist dies für intensivierte Handlungs- und Denkweisen in einer gemeinschaftlichen Arbeit zum Schutz der Meeresressourcen förderlich“, erklärt Blanco. Wie sehr die tägliche Auseinandersetzung mit Freundschaft und Konkurrenz die Menschen beeinflusst, erzählt Fabián Gonzalez, ein Fischer in Baja California: „Wir Fischer bewegen uns täglich auf einer Gratwanderung zwischen dem Wunsch, der Beste zu sein und gleichzeitig die gute Freundschaft und Zusammenarbeit mit den Kollegen nicht zu gefährden. Am Ende des Arbeitstages, wenn die Boote wieder an den Strand zurückkehren, schauen wir genau, wer am meisten Fische im Netz hat. Das ist unser täglicher Wettkampf, dem wir uns stellen. Wir führen eine freundschaftliche Rivalität mit unseren Kollegen, mit denen wir gleichzeitig auch kooperieren müssen.“

Experimentelles Vorgehen

In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vier unabhängige am Meer liegende Gebiete, wobei zwei davon unter Schutz stehen. Der Vergleich zwischen geschützten und nicht geschützten Meeresgebieten sowie die Untersuchung des Verhaltens von Fischern und Nicht-Fischern, wie sie in der Studie genannt werden, waren für die Interpretation der Ergebnisse ausschlaggebend. In einem von der Expertin und den Experten designten Setting, das den Probandinnen und Probanden völlige Anonymität gewährte, wurden sie in zwei experimentelle ökonomische Spiele eingeführt. Dabei wurde simuliert, welche ökonomischen Entscheidungen die ausgewählten Personen in ihrer Anonymität treffen. Je nachdem, wie sie sich entscheiden, hat dies ökonomische Auswirkungen für sie selbst und für ihre Mitspieler. „In diesem experimentellen Setting konnten wir zeigen, dass die Implementierung von Schutzzonen das Verhalten der Menschen zueinander, aber auch ihre ökonomischen Entscheidungen maßgeblich beeinflusst. Die Art und Weise wie sie ihre Entscheidungen treffen, hat sich im Vergleich zu nicht geschützten Gebieten geändert. „Die Menschen dürften in Meeresschutzgebieten in ihren Entscheidungen stärker involviert und ihre Bereitschaft zu positiven, aber auch zu negativen Handlungen ausgeprägter sein“, so Blanco. Festgehalten solle werden, dass beide Handlungsweisen nicht gegensätzlich funktionieren, sondern gleichzeitig parallel existieren können. Die Wissenschaftlerin und die Wissenschaftler haben mit dieser Studie einen ersten Beitrag zum Verständnis des Einflusses von eingerichteten ökologischen Schutzzonen auf das Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Region geleistet. Weitere Untersuchungen sowie Spezifizierungen sollen in weiteren Forschungen folgen.

Publikation: Integrating simultaneaous prosocial and antisocial behavior into theories of collective action. Xavier Basurto, Esther Blanco, Mateja Nenadovic, Björn Vollan. Science Advances, am 04.03.2016

DOI: 101126/sciadv.1501220


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