Wer von Armut spricht, darf über Kapitalismus nicht schweigen

1.512.000 Menschen in Österreich waren laut Statistik Austria im Jahr 2018 armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das größte Armutsrisiko haben Langzeitarbeitslose, Ausländer, kinderreiche Familien und Personen in Ein-Eltern-Haushalten. Auch 372.000 Kinder und Jugendliche leben in ausgrenzungsgefährdeten Haushalten. Dabei ist Armut oft nicht nach außen sichtbar.
Armutsforschung
Bild: Helmut Gaisbauer (Salzburg) veranschaulicht das Ausmaß der Armutsbetroffenheit in Österreich. (Credit: Andreas Exenberger)

Der armutsgefährdete Mensch lebt oft am Existenzminimum, hat einen eingeschränkten sozialen und geographischen Radius, ist möglicherweise verschuldet, hat schlechtere Bildungschancen und erlebt auch sonst verschiedene Formen der Ausgrenzung. Dazu kommen Scham, Ängste, Existenzbedrohung, manchmal auch Krankheit, was wiederum den Teufelskreis der Armut verstärkt. Als Konsequenz sind viele der Armutsbetroffenen trotz Arbeit oder trotz sozialer Absicherung dauerhaft arm. Armut ist daher weit weniger auf individuelles Versagen zurückzuführen, als vielmehr das Ergebnis struktureller Grenzen. Armut wird so zum Ergebnis definierter Rahmenbedingungen in einem von gesellschaftlichen Spielregeln bestimmten System.

Das FFG-Qualifizierungsseminar „Wissenstransfer zwischen Theorie und Praxis: Armutsforschung und Sozialarbeit im Dialog“ hat sich daher zum Ziel gesetzt, diese Grenzen und Spielregeln aufzuzeigen, und erstmalig wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Armutsforschung an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sozialer Einrichtungen weiterzugeben, die tagtäglich mit diesem Thema zu tun haben. In dem sechstägigen Seminar sollen vor allem Dienstleistungsinnovationen entwickelt werden, um die Beratung und Begleitung der Betroffenen zu verbessern. Zudem zielt das Weiterbildungsprojekt auf die Forcierung des Wissenstransfers zwischen Universität und den Unternehmenspartnern in beide Richtungen. Die 10 beteiligten Unternehmenspartner kommen aus unterschiedlichen Bereichen der sozialen Arbeit. Es handelt sich dabei um die folgenden Vereine und Körperschaften: arbeit plus – Soziale Unternehmen Tirol; Caritas Tirol; Durchgangsort für wohnungs- und arbeitssuchende Frauen und ihre Kinder - DOWAS für Frauen; Klimabündnis Tirol; Psychosozialer Pflegedienst Tirol (PSP Tirol); Südwind Verein für Entwicklungspolitik und globale Gerechtigkeit (Südwind); Verein für Obdachlose ; Verein WAMS - Arbeitsplätze als Sprungbrett; Verein zur Förderung des Durchgangsortes für Wohnungs- und Arbeitssuchende (DOWAS) und die Volkshilfe Tirol.

Das sechstägige Seminar umfasst die Themen:

  • Was versteht die Wissenschaft unter Armut und wie wird sie gemessen?
  • Wie produziert die Armutsforschung Erkenntnisse und wie sind diese zu verstehen?
  • Was sind die Vorzüge und Grenzen quantitativer und qualitativer Armutsforschung?
  • Wie steht es um Verteilungsungleichgewichte in dieser Welt und um die europäische Ebene der Sozialpolitik?
  • Welche Themenfelder relativer Armut sind in Österreich und Tirol besonders wichtig?

Dazu kommen eine Innovationswerkstatt und Vernetzungsgespräche mit Expertinnen und Experten aus Theorie und Praxis, sodass gegenseitig voneinander gelernt werden kann. Andreas Exenberger, Wirtschafts- und Sozialhistoriker vom Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte der Universität Innsbruck, hat dafür ein engagiertes Team zusammengestellt. Dazu zählen Helmut Gaisbauer und Elisabeth Kapferer vom Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg, Florian Wakolbinger von der Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsforschung in Innsbruck sowie Silke Meyer und Marcel Amoser von der Universität Innsbruck. Mit diesem von der FFG geförderten Projekt werden die Bemühungen um eine sicherere und lebenswertere Zukunft allerdings nicht enden. Vielmehr dient es als Startschuss für eine längerfristige Kooperation der Bildungseinrichtungen wie auch mit und unter den Sozialunternehmen in Tirol für eine bessere wissenschaftliche Begleitung von praktischer Arbeit mit armutsbetroffenen Menschen und einer besseren Rückbindung von wissenschaftlicher Forschung an die Praxis.

(Andreas Exenberger/Elisabeth Thompson)

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