Vom Klassen­zimmer ins Labor

Den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern und Jugendliche für die Forschung begeistern, dieses Ziel verfolgt das Projekt „CoverUp“ am Institut für Ökologie. Mit Mikrobiologin, Gletscher- und Polarforscherin Prof. Birgit Sattler blicken Schüler hinter die Kulissen der universitären Forschung und können hautnah miterleben, was es heißt Naturwissenschaftler, zu sein.
Schüler im Labor
Bild: Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse der BBAKIP werden aktiv in den Forschungsalltag eingebunden. (Credit: Sabrina Obwegeser)

Den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern, und Kinder und Jugendliche für die Forschung zu begeistern, dieses Ziel verfolgt das vom Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft ins Leben gerufene Forschungsprogramm „Sparkling Science“. Und auch die Universität Innsbruck ist tatkräftig daran beteiligt. Am Institut für Ökologie arbeitet seit letztem Jahr eine Klasse der Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik (kurz BBAKIP) im Projekt „CoverUp“ mit und die Schüler können sich als Jungforscher versuchen. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Mikrobiologin, Gletscher- und Polarforscherin Prof. Birgit Sattler blicken die Jugendlichen hinter die Kulissen der universitären Forschung und können hautnah miterleben, was es heißt, Naturwissenschaftler zu sein.

Gletscherabdeckungen

Tirols Haupteinnahmezweig ist zweifellos der Tourismus. Doch der Klimawandel ist auch im Alpenraum stark zu spüren, und gefährdet somit großflächig die Schipisten unserer Gletscher, wodurch eine ganzjährige Nutzung nicht mehr garantiert ist. Bislang haben alle Tiroler Gletscherschigebiete zur Methode der Gletscherabdeckung mit einem industriellen Vlies zurückgegriffen, was bewiesener Weise zu einem Schneeerhalt von ca. 1,5 m über die Sommerssaison von Mai bis September führt. Der wirtschaftliche Nutzen ist damit bewiesen, jedoch nicht die ökologische Unbedenklichkeit. „CoverUp“ deckt auf, was unter dem Vlies, im Schnee der Gletscherschigebiete, vor sich geht. In ersten Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass sich durch diese Abdeckung eine Vielzahl von Lebensbedingungen im Schnee ändern, wie z.B. die für photosynthetisch aktive Organismen notwendige auftreffende Strahlung ebenso wie die chemische Zusammensetzung des Schnees. Zusätzlich werden auch im Vlies befindliche Schmiermittel genauer unter die Lupe genommen. Diese Substanzen, die von der EU sogar als wassergefährdend eingestuft sind, werden bei Niederschlägen aus dem Vlies herausgewaschen und gelangen somit in den Schnee. Sie können das Wachstum einiger natürlich vorkommender Mikroorganismen hemmen, wohingegen das Wachstum anderer Organismen, die von den veränderten Bedingungen profitieren, gefördert wird. Die Folgen dieser drastischen Veränderung der Lebewelt im Schnee sind allerdings noch weitestgehend unbekannt. In Zuge der Studie werden die Auswirkungen der Schneeabdeckung untersucht, um anschließend Konzepte für naturverträgliche Methoden zu entwickeln.

In die Forschung eintauchen

Die Schüler der 4. Klasse der BBAKIP sollen durch diese interdisziplinäre Untersuchung sowohl für den alpinen Lebensraum als auch für seine Gestaltungsmöglichkeiten sensibilisiert werden. „Die meisten heimischen Jugendlichen sind mit dem Schisport aufgewachsen und haben die Gletscherabdeckungen bereits gesehen, aber vielleicht nie hinterfragt. In diesem Projekt hoffen wir, dass die Schüler den direkten Bezug zu ihrem Lebensraum nutzen, um sich für diese praxisbezogene Fragestellung zu interessieren“, erklärt Prof. Birgit Sattler. Zum Alltag der Jungforscher gehören Workshops, Freilandarbeit und Probennahme im Hochgebirge ebenso wie die anschließende Auswertung im Labor, natürlich immer unter Anleitung der Experten. Diese selbstständige und praktische Arbeit begeistert die Jugendlichen und bringt auch neuen Schwung ins Klassenzimmer, wie Silvia Prock, Biologie-Lehrerin der BBAKIP-Klasse und Leiterin der Jungen Uni Innsbruck, bemerkt. „Für die Schüler ist es eine tolle Möglichkeit, in die Forschung einzutauchen und Wissenschaft hautnah kennenzulernen. Was im Unterricht vielleicht nur graue Theorie war, konnten die Schüler nun unmittelbar erleben. Solche Möglichkeiten sind in der Schule oft nicht geboten. Die Vorstellung, wie Wissenschaft funktioniert und warum man Forschung braucht, wurde auf einmal für die Schüler viel konkreter.“ Auch die Jugendlichen selbst freuen sich über die Möglichkeit, das universitäre Leben und den Forschungsalltag kennenzulernen. Auf sie wartet nächstes Schuljahr die Matura und damit steht eine Frage klar im Raum – Was will ich nach meinem Abschluss werden? Einen Einblick in die Universität Innsbruck zu bekommen war auch deshalb eine spannende Erfahrung.

Wechsel der Blickrichtung

Nicht nur die Jugendlichen profitieren von dieser Zusammenarbeit, wenn gleich eine derartige Kooperation für die Wissenschaftler ein gewisses Pensum an Mehrarbeit bedeutet. Der Gewinn für die Forscher liegt vielmehr in einem erhofften Perspektivenwechsel, weil Kinder und Jugendliche oft andere Denkweisen zu aktuellen Problemstellungen haben. Sie werden zum Teil auch aufgrund ihrer Prioritäten anders hinterfragt oder bedienen sich Denkmuster, welche Erwachsene vielleicht bereits verloren haben. Birgit Sattler erklärt, „der ideelle Mehrwert besteht darin auch etwas über die Bedürfnisse der Fragestellung zu lernen und zu hinterfragen, wie wichtig das Thema für die Allgemeinheit ist. Wir Wissenschaftler tragen manchmal vielleicht Scheuklappen, weil wir nur die Forschungsfrage sehen, doch durch die Hilfe der Schüler bekommen wir ganz neue und unvoreingenommene Einblicke in die Thematik. Das ist immer wieder eine spannende Erfahrung und ein Gewinn für unsere Arbeit.“

Weitere Einblicke gibt es in einem neuen Beitrag unserer Radiosendung „uni konkret“:

(Sabrina Obwegeser)


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