Verbindende Sprachen

Die Sprachprojekte LAILA und LAILA-BICS der Universität Innsbruck, die den Sprachverlust bei jungen Erwachsenen in Nord-und Südtirol unter die Lupe genommen haben, sind abgeschlossen. Das erstaunliche Ergebnis: Wir müssen den Verlust aller Fremdsprachenkompetenzen nach der Matura nicht befürchten.
Fremdsprachen verbinden
Bild: Der Erwerb von neuen Sprachen verbindet die Menschen. (Credit: pixabay_geralt)

Zur Erkenntnis, dass die sprachlichen Grenzen gleichzeitig die meiner Welt konstituieren, kam der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts; und weil es im Wesen aller WissenschaftlerInnen (und im Grunde aller Menschen) liegt, unserer Welt keine Grenzen zu setzen, werden auch die Grenzen der Sprache gemieden: Wir lernen Sprachen heutzutage intensiver, vermehrter und zielorientierter. Einsprachige BürgerInnen machten bereits vor geraumer Zeit Platz für die zwei- und mehrsprachigen SprecherInnen, die mittlerweile längst der Norm entsprechen. Mehrsprachigkeit ist am Institut für Anglistik in der Arbeit von Prof. Dr. Ulrike Jessner-Schmid im Zentrum der Aufmerksamkeit vorgerückt und zieht seit 2010 ein ganzes Forschungsteam in ihren Bann. Unter dem Namen DyME (Dynamics of Multilingualism with English) hat sich die Forschungsgruppe die systematische und nachhaltige Erforschung von Mehrsprachigkeit sowie deren Förderung zur Aufgabe gemacht. Durch den Aufruf der EU nach dreisprachigen BürgerInnen gewann die Mehrsprachigkeitsforschung international enorm an Bedeutung. In der Folge wurden viele Bildungsinitiativen in die Wege geleitet; auch in Österreich wurde Mehrsprachigkeit in die Bildungsziele aufgenommen und wird in allen Bildungsinstitutionen berücksichtigt. An der Leopold-Franzens Universität Innsbruck wird schon seit Jahren verstärkt Mehrsprachigkeitsforschung betrieben. Ulrike Jessner-Schmid organisierte 1999 die erste internationale Konferenz zu Drittspracherwerb und Mehrsprachigkeit in Innsbruck und setzte damit den Grundstein für die International Association of Multilingualism im Jahre 2003, die seither im Zweijahresrhythmus diese Konferenz abhält. Die nächste wird 2018 in Lissabon stattfinden.

LAILA und LAILA-BICS

Der thematische Schwerpunkt von DyME liegt in der Erforschung von Spracherwerb und Mehrsprachigkeit im Lebensverlauf unter Anwendung der dynamischen System-und Komplexitätsheorie. Unter dem Namen LAILA (Akronym für Linguistic awareness in language attrition, also Sprachbewusstsein bei Sprachverlust), und dem Schwesterprojekt LAILA-BICS, das als Erweiterung des LAILA-Projekts den Sprachverlust im bilingualen Kontext Südtirols erforschte, startete im Jahr 2011 die sprachwissenschaftliche Langzeitstudie mit dem Ziel herauszufinden, wie man Sprachen, die man einst gelernt hat, vergisst, verlernt oder auch behält und wie sich Sprachenlernen, -vergessen und -erinnern auf unser Denken auswirkt. Was an LAILA und LAILA-BICS neu und einzigartig ist, ist der mehrsprachige Zugang zu dieser Frage. Anstatt wie bisherige Studien die Veränderungen in einer Sprache zu erforschen, nimmt diese Forschung die Interaktion aller gelernter Sprachen auf individueller Ebene unter die Lupe. Im Jahr 2014 wurde das LAILA-Projekt an den Tiroler Oberschulen abgeschlossen; dessen Erweiterung, LAILA-BICS, wurde bis ins Jahr 2016 in Südtirol fortgesetzt. Ermöglicht wurden die Projekte durch die Finanzierung durch den Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF für LAILA und der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol für LAILA-BICS. LAILA/LAILA-BICS befasst sich mit dem Vergessen von Sprachen, die Menschen nach ihrer frühen Kindheit, meist in einem formellen Kontext wie der Schule als Fremdsprachen gelernt haben, und die sie dann später kaum oder gar nicht mehr benutzen. Dabei bezieht sich das Projekt nicht auf eine gesamte Sprachgemeinschaft, sondern auf Einzelpersonen. Getestet wurden hierfür mehrsprachige Jugendliche und junge Erwachsene, die gerade am Ende ihrer Schulbildung standen. Die erste Testreihe erfolgte vor der Matura (Reifeprüfung), die zweite nach ein bis zwei Jahren, wobei neben dem Bildungs- und Sprachhintergrund, den Fremdsprachenkenntnissen und der Einstellung zu Sprachen auch das Sprachbewusstsein untersucht wurde.

Das erstaunliche Ergebnis: LAILA bewies, dass nach dem Abschluss der schulischen Laufbahn die Englischkenntnisse der Testpersonen nicht wie erwartet rosteten; ganz im Gegenteil: Die Probanden schnitten ein Jahr nach der Matura sogar besser ab als zuvor. Dasselbe galt auch für LAILA-BICS und die Südtiroler Probanden, die einen Kompetenzzuwachs nicht nur in Englisch, sondern auch in Italienisch erfahren durften. „Es macht eben einen großen Unterschied, ob die Jugendlichen für die Schule lernen oder für sich selbst. Sobald der institutionelle Druck weg ist, ändert sich wohl auch die Motivation. Menschen entwickeln sich weiter, sie reifen und denken anders über die Zweit- oder Drittsprache“, so Prof. Dr. Ulrike Jessner-Schmid.

Die Dynamik der Mehrsprachigkeit

Die Sprachsysteme mehrsprachiger Menschen können nicht als völlig voneinander abgeschottete Einheiten verstanden werden; diese SprecherInnen besitzen vielmehr ein großes, gemeinsames Sprach(en)system, das in Verbindung mit vielen anderen Systemen steht (wie z.B. der Umwelt oder anderen Teilen des Gehirns und des Denkens). Bei Personen, die mehr als eine Sprache beherrschen, sind die einzelnen Sprachen Untersysteme im großen Gesamtsprach(en)system; sie sind alle miteinander verbunden und stehen in Wechselwirkung zueinander. Die (Unter)systeme beeinflussen sich gegenseitig und verändern sich dementsprechend. Sprachenlernen kann also nicht in ein traditionelles, lineares Wachstumsmodell integriert werden, denn Sprachlernprozesse sind weitaus komplexer und dynamischer: Input bedeutet hier nicht gleich Output. Wir lernen Sprachen mal schneller, mal langsamer und mal gar nicht; und wir erleben nicht nur positives, sondern auch negatives Wachstum. Da wir alle nur begrenzte Zeitkapazitäten zur Verfügung haben, müssen wir auch beim Sprachenlernen Abstriche machen: Unser sprachliches Kontingent ist früher oder später ausgeschöpft und die Sprachen konkurrieren je nach Anwendungsbedarf nicht nur miteinander, sondern tragen auch zur Entwicklung von neuen Qualtitäten wie dem metalinguistischen Bewusstsein bei. Da bei mehrsprachigen Menschen gleich mehrere Sprachen um Ressourcen (im Sinne von Zeit, Energie und kognitiven Kapazitäten) konkurrieren, sind sie zumindest in Teilen ihres Sprach(en)systems anfälliger für Sprachverlust. Daher müssen wir unsere Sprachen erhalten versuchen, um diesem Verlust entgegenzuwirken, um uns von der Sprache nicht eingrenzen zu lassen, um nicht an die Grenzen unserer Welt zu stoßen.

Zur Person

Univ.-Prof. Dr. Ulrike Jessner-Schmid  studierte Englisch und Französisch an der Karl-Franzes Universität Graz und widmete sich anschließend in ihrer Habilitation dem Sprachbewusstsein von Südtiroler Englischstudierenden. Als Professorin für Anglistik an der LFUI und an der Universität Veszprém in Ungarn, wo sie Gründungsmitglied der International School of Multilingualism ist, fungiert sie als Leiterin des Regional Educational Competence Centre (Deutsch & Mehrsprachigkeit in Zusammenarbeit mit der PHT) sowie als Leiterin mehrerer Sprachprojekte. Ihre zahlreichen Publikationen befassen sich mit Zwei- und Mehrsprachigkeit, dem Sprachbewusstsein, -erwerb und -verlust. 

(Lisa Pötschko)


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