Studieren an der Uni Innsbruck heißt oft auch forschen – nicht nur in den Naturwissenschaften.

Stu­die­rende for­schen mit

Ein Studium an der Universität Innsbruck ist mehr als reine Theorie. Ob im Stammzellen-Labor, in der Mensa oder in Gesprächen: Studierende forschen mit und sammeln dabei wichtige Erfahrungen für ihren weiteren Berufsweg.

An der Universität Innsbruck lernen die Studierende in allen Disziplinen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die mitten im Forschungsprozess stehen. Dadurch erhalten sie Wissen nicht nur aus erster Hand sondern haben in vielen Fällen auch die Möglichkeit, aktiv mitzuforschen – sei es im Rahmen einer Lehrveranstaltung, der eigenen Abschlussarbeit oder der Mitarbeit bei einem Forschungsprojekt.

Konsumverhalten verstehen

„Wir versuchen herauszufinden, wie Denkmuster die Sinneswahrnehmung in Konsumsituationen beeinflussen“, erklärt Anna Rosar ihr Forschungsprojekt. Die Master-Studentin im Fach Strategisches Management an der Universität Innsbruck hat sich ebenso wie Katrin Walter bei der Wahl ihrer Masterthesis für ein Thema von Mathias Streicher aus der Arbeitsgruppe Marketing entschieden. „Wir unterscheiden im Wesentlichen zwischen abstrakten und konkreten Denkmustern: Wenn Sie sehr abstrakt beispielsweise über das Thema Studium nachdenken, dann fallen Ihnen auch eher übergeordnete Inhalte wie persönliche Weiterentwicklung ein. Jemand, der eher konkret über das Thema Studium nachdenkt,  wird tendenziell detailliertere Gedankeninhalte haben, wie beispielsweise was es beim letzten Besuch in der Mensa zu Essen gegeben hat. Wie abstrakt oder konkret unsere Denkmuster sind, hängt stark davon ab, was wir zuletzt gemacht haben. So ist es möglich, Menschen durch eine einfache Aufgabe für zumindest kurze Zeit so zu beeinflussen, dass sie in darauffolgenden Situationen auch eher abstrakt oder konkret denken, ohne dass das dieser Person bewusst wird. Damit arbeiten wir“, erläutert Streicher.
Die Studentinnen Anna Rosar und Katrin Walter untersuchen mit ökonomischen Experimenten, ob Personen, die vorher eher abstrakt über einen Sachverhalt nachgedacht haben, in der Folgesituation weniger empfänglich für sensorische Reize sind. Konkret untersucht Katrin Walter, ob abstrakte Denkstile dazu führen, dass KonsumentInnen beim Mittagessen in der Mensa weniger Lärm wahrnehmen. Anna Rosar dagegen beschäftigt sich mit der Frage, ob abstraktes Denken im Vorfeld dazu führt, in einer Verkostungssituation ein mildes Getränk einem stimulierenden vorzuziehen. Um ihre Experiment-Teilnehmer in abstrakte oder konkrete Denkhaltungen zu bringen, mussten die Studentinnen erst gängige Manipulationsmethoden recherchieren. „Im Zuge unserer Literatur-Recherche sind wir auf einige interessante Erkenntnisse zur Geräuschempfindlichkeit gestoßen: Eine Studie zeigt beispielsweise, dass laute Hintergrundgeräusche die tatsächliche Geschmackswahrnehmung vermindern kann. Das Essen schmeckt dadurch nicht zwangsläufig schlechter, aber eben weniger süß oder salzig. Unsere Ergebnisse könnten etwas zur Erklärung solcher Phänomene beitragen“, glaubt Katrin Walter. Die Studentin, die ihren Bachelor in Betriebswirtschaftslehre an der SRH Heidelberg absolviert hat, sieht in der praktischen Forschungsarbeit einen deutlichen Mehrwert für ihr Studium. „Wir lernen strukturiertes und analytisches Vorgehen, um kreative Lösungen zu erarbeiten. Die Planung und Durchführung eines derartigen Experiments ist dafür ein gutes Beispiel, weil das Messen von menschlichem Verhalten gar nicht so leicht ist, wie man vielleicht denkt. Es erfordert gute Vorbereitung, aber auch Kreativität in der Umsetzung“, so Walter. Auch Anna Rosar, die sich nach dem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt für das Masterstudium Strategisches Management an der Uni Innsbruck entschieden hat, bestätigt die Vorteile der praktischen Forschungsarbeit: „Durch die konkrete Arbeit bekommen wir ein besseres Gefühl für Daten. Viele Entscheidungen in Politik und Wirtschaft werden auf der Basis von Daten getroffen, eigene Erfahrungen mit der Erhebung und Auswertung dieser Daten sind sicher hilfreich für unsere berufliche Zukunft.“ Diese sehen die beiden Studentinnen in einem Auslandsaufenthalt und einem Trainee-Programm für den Berufseinstieg.

Eigene Forschungsfragen einbringen

Rene Schwaiger, PhD-Student in Economics, möchte nach Abschluss seines Studiums eine Laufbahn in der ökonomischen Forschung einschlagen. „Meine Masterthesis über ökonomische Ungleichheit hat mein Interesse für die Forschungsarbeit geweckt. Für mich war es spannend, zu erkennen, dass es bei Forschungsprojekten an der Universität möglich ist, eigene Forschungsinteressen praktisch umzusetzen und dabei gesamtgesellschaftlich relevante Forschungsbereiche in den Vordergrund stellen zu können“, erklärt er. Schwaiger arbeitet neben seinem Studium bereits als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Banken und Finanzen. „Die Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter während des PhD-Studiums hat den Vorteil, dass der Hauptfokus bereits auf der praktischen wissenschaftlichen Arbeit liegt, was äußerst förderlich ist“, so Schwaiger. Im Rahmen des FWF-Spezialforschungsbereichs für experimentelle Wirtschaftsforschung arbeitet er unter anderem an einem Forschungsprojekt, das experimentell untersucht, wie sich verschiedene Informationsstrukturen auf die Bereitschaft auswirken, etwas von seinem selbst verdienten Geld abzugeben. „Anhand dieses Experiments versuchen wir, Rückschlüsse auf die Umverteilungspräferenzen der Bevölkerung zu ziehen“, beschreibt Rene Schwaiger.

Stammzellenforschung: Wissenschaftliches Neuland betreten

Einem ganz anderen Forschungsgegenstand widmet sich Björn Felder. Der Student des Masterstudiengangs Molekulare Zell- und Entwicklungsbiologie forscht im Stammzellen-Labor von Frank Edenhofer am Institut für Molekularbiologie mit. „Aus Stammzellen gezüchtete Zellen können mitunter fehlerhafte oder kranke Zellen ersetzen und so zur Heilung von Krankheiten beitragen“, erklärt Frank Edenhofer. Der Professor für Genomik forscht unter anderem an Stammzellen – und hat eine Methode weiterentwickelt und patentiert, mit der aus Haut- oder Blutzellen Gehirnstammzellen gezüchtet werden können. Björn Felder untersucht im Rahmen seiner Masterthesis im Labor von Frank Edenhofer molekulargenetische Prozesse der Entstehung von Stammzellen des Nervensystems und versucht dabei herauszufinden, wie es dazu kommt, dass das menschliche Gehirn im Vergleich zu anderen Säugetieren eine sehr stark vergrößerte und weitaus komplexer differenzierte Großhirnrinde hat. „Bei der Entwicklung des Nervensystems spielen bestimmte neurale Stammzellen, sogenannte Radialglia und intermediate progenitor cells eine tragende Rolle, deren Eigenschaften und Differenzierungen zu Neuronen von unterschiedlichen Genen kontrolliert werden. Ich versuche mithilfe der Genschere CRISPR/Cas9, die Rolle zweier solcher Gene zu charakterisieren, um herauszufinden, ob und wie diese in Stammzellen funktionieren“, erläutert Felder. Für die Molekularbiologie hat sich der gebürtige Innsbrucker entschieden, weil es sich hierbei um ein relativ junges Forschungsgebiet im Bereich der Biologie handelt. „Sehr vieles ist noch nicht im Detail verstanden. Außerdem lernen wir für unsere Arbeiten ein sehr breites Repertoire an molekularen Werkzeugen zu nutzen und weiterzuentwickeln, die in der Natur entstanden sind und eine lange Evolution hinter sich haben.“ Auch wenn die Experimente im Stammzellenlabor sehr zeitintensiv sind und auch viel Planungsarbeit verlangen, bevor es ins Labor geht, ist Björn Felder davon überzeugt, von dieser praktischen Arbeit sehr zu profitieren. „Man erhält Einblicke in die Forschung, die anderen schlicht verwehrt bleiben“, so Felder. „Zudem ist es sehr beeindruckend, zu wissen, dass man ein – vermutlich weltweit – erstmaliges oder einzigartiges Experiment ansetzt. Die Freude, wenn dabei etwas gleich auf Anhieb oder auch nach nächtelangen Versuchen funktioniert, ist dann besonders groß.“

Geschichten, die das Leben schreibt

Geschichten stehen im Fokus der PhD-Studentin in Literatur- und Kulturwissenschaften Hannah Spielmann. Sie arbeitet zu Geschichten von und mit Geflüchteten und untersucht diese im Hinblick auf die Verwendung des Kulturbegriffs. „Ich bin der Meinung, dass der Begriff Kultur in Diskursen über Flucht und Migration zu oft und zu ungenau verwendet wird“, so Spielmann. Gleichzeitig engagiert sich die Absolventin eines Masters in „Intercultural Communication“ an der University of Manchester in einem Lehre-Projekt zum Thema Refugee Narratives am Institut für Anglistik. „Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung treffen sich Studierende ein Semester lang wöchentlich mit geflüchteten Menschen und zeichnen im Anschluss die Erzählungen ihrer GesprächspartnerInnen und ihre eigenen Eindrücke darüber auf“, beschreibt Hannah Spielmann. Diese Geschichten werden dann gesammelt und archiviert, um sie für zukünftige Forschung – auch ihre eigene – verfügbar zu machen. Die Leiterin dieser Lehrveranstaltung und PhD-Erstbetreuerin Spielmanns, Prof. Helga Ramsey-Kurz vom Institut für Anglistik, forscht bereits seit einiger Zeit im Bereich Life Writing.Diese Gattung umfasst Texte, die tatsächliche Lebenserfahrungen festhalten, und werden mit dem Ziel analysiert, ein besseres Verständnis von unterschiedlichen Lebensvorstellungen zu entwickeln und Einblick in die Unsicherheiten, Ängste und Erwartungen zu gewinnen, die diesen Vorstellungen zugrunde liegen“, erklärt Ramsey-Kurz. Darüber hinaus interessiert man sich in der Life-Writing-Forschung für die Umstände, die Erzählungen von Lebensgeschichten auslösen und die kulturell bedingten Unterschiede, die sich in der Erfahrung, Erinnerung und Konstruktion lebensprägender und -verändernder Ereignisse abzeichnen. „Die Arbeit mit Studierenden ist hier besonders wertvoll, weil sie wie die Geflüchteten an der Schwelle in eine ihnen unbekannte Zukunft stehen und daher ein beeindruckendes Maß an Offenheit und Verständnis für Menschen aufbringen, deren Leben sich im Umbruch befindet“, so Ramsey-Kurz. Dies bestätigt auch Hannah Spielmann: „Es ist wichtig, dass die Literaturwissenschaft das Erzählen und die Erforschung davon wiederentdeckt. Applied Literary Studies haben viel Potenzial.“ Hannah Spielmann würde in Zukunft gerne an der Universität arbeiten, kann sich aber auch eine Tätigkeit im Sozialbereich vorstellen. Für ihr Studium hat sie sich entschieden, weil die Literatur- und Kulturwissenschaften die Gesellschaft beobachten, zu verstehen versuchen, kommentieren und kritisieren. „Wir lernen hier, kritisch und kreativ zu denken, eine Fähigkeit, die ich äußerst wichtig finde und von der ich glaube, dass sie in vielen Studien zu kurz kommt“, erklärt Spielmann.

 Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).

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