Sozial­theorie zwischen Lupe und Fernglas

Das Jahr 2016 hat Spuren hinterlassen. Brexit, die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten und die generell zunehmende Spaltung von Bevölkerungs­gruppen innerhalb moderner Gesell­schaften haben auch die Disziplin der theorie­geleiteten Sozial­wissenschaften in einen Selbst­reflexions­prozess versetzt.
Jens Beckert
Bild: Hauptvortrag von Jens Beckert. (Credit: Alexander Fetz)

Hat die theoriegeleitete Sozialwissenschaft ihre Anschlussfähigkeit an sozialpolitische Prozesse aufgrund einer einseitigen Orientierung auf historische Aspekte verloren? Hat sie der Gesellschaft zu oft den (Rück-)Spiegel vorgehalten und sie mit der Lupe untersucht, anstatt das Fernglas zu gebrauchen, um damit neue Zukunftsperspektiven zu entwickeln?

Dementsprechend lud die am Institut für Soziologie mit über internationalen 100 Teilnehmern veranstaltete 16. Jahrestagung des weltweiten „International Social Theory Consortiums“ mit der zentralen Frage nach der gesellschaftlichen Zukunftsorientierung von Sozialtheorien zum transdisziplinären Austausch nach Innsbruck ein. Unter diesem Gesichtspunkt standen dann auch die Beiträge, die jeweils verschiedene Dimensionen und Ursachen für die aktuellen sozialen Entwicklungen konstatierten und daher auch die Rolle der eigenen Disziplin in unterschiedlichem Licht betrachteten.

Frank Welz von der Universität Innsbruck diagnostizierte in seinem Vortrag im Rahmen des Eröffnungsplenums die Vernachlässigung der Zukunft innerhalb sozialer Theorien. Die zeitgenössische Soziologie sei vor allem gegenwartsbezogen und deskriptiv und glaube nicht mehr an die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Zukunftsorientierung. Welz kritisierte hier vor allem die individuumszentrierte soziologische Wende der 1980er Jahre, nach der sich die Soziologie beinahe ausschließlich auf die scheinbar posthistorische, neoliberale Gesellschaft fokussiert hat. Um eine zukunftsorientierte Soziologie formulieren zu können, benötigen wir eine Rückbesinnung auf Geschichte bei gleichzeitiger Analyse von sozialen AkteurInnen innerhalb spezifischer Bedingungen.

Harry F. Dahms, Direktor des International Social Theory Consortium und Professor der Universität Tennessee-Knoxville, erachtete hingegen die Lücke zwischen Philosophie und Sozialwissenschaften als das drängende Problem der gegenwärtigen Soziologie. Er diagnostizierte einen Fetisch des Empirischen und kritisierte die Rational-Choice-Orientierung der Politikwissenschaft und den Funktionalismus der Wirtschaftswissenschaften. Im Rahmen des gegenwärtigen Kontextes von Globalisierung und Neoliberalismus herrsche eine gewisse Angst vor der Zukunft. Für Dahms kann allerdings weder eine dystopische noch eine utopische Soziologie die notwendige Zukunftsorientierung bieten. Vielmehr gilt es eine planetarische Soziologie der Praxis zu entwickeln.

Tony Smith von der Iowa State University präsentierte im Rahmen seines Vortrages eine eher dystopische Gesellschaftsanalyse. Smith dekonstruierte eines der zentralen Elemente des Kapitalismus, die Innovation, indem er auf die Widersprüchlichkeiten und Probleme dieses normativen Konzeptes aufmerksam machte. Weder gäbe es eine ahistorische, natürliche Verbindung zwischen Innovation und Profit, noch sei das Kapital Agent von Innovation. Innovation ist laut Smith vielmehr Produkt unseres menschlichen Allgemeingutes, von dem der Kapitalismus parasitär profitiert. Die Alternative zu den negativen Folgen des Kapitalismus liegt laut Smith im Post-Kapitalismus.

Jens Beckert, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, nahm hingegen einen fern von Utopien und Dystopien gekennzeichneten Blick auf die Zukunft ein. Er kritisierte den fiktionalen Charakter, den die Verheißungen der neoliberalen Wirtschaftsform eingenommen haben. Vor allem die Versprechungen eines steigenden kollektiven Wohlstands entbehrten nach seiner Analyse jeglicher empirischen Grundlage und haben nach ihrer Nicht-Einlösung schlussendlich auch zu den einleitend beschriebenen desintegrativen Entwicklungen geführt. Nach Beckert müssten Erwartungen demnach ständig in einen Zusammenhang mit den gemachten Erfahrungen gebracht werden, um zukunftsorientierte wissenschaftliche Aussagen legitimier- und fruchtbar zu machen.

James Block und Lauren Langman von der Depaul- und Loyala-Universität in Chicago legten ihren analytischen Fokus neben wirtschaftlichen Aspekten auch auf kulturelle und psychische Faktoren. In diesem Sinne sei der Aufstieg von rechtspopulistischen Parteien auch als eine Reaktion auf die Angst vor dem Verlust traditioneller Wertesysteme zu interpretieren. Ihrer Ansicht nach bedürfte es somit einer umfassenden Neuorientierung, um einem nicht-dystopischen und vom Narzissmus befreiten Zukunftsbild näher zu kommen.

Wie dieser Wandel jedoch genau aussehen könnte und inwiefern sich dieser auf rein normativ-fiktive oder auch auf faktische Gegebenheiten bezieht, blieb allerdings unklar. Diese Diffusität wurde dabei über die gesamte Konferenz hinweg als roter Faden erkennbar. Die Anknüpfung an eine stärkere gesellschaftliche Zukunftsorientierung von sozialen Theorien wurde somit zwar im Ansatz, nicht jedoch im Detail geleistet. Nichtsdestotrotz stellte die Tagung einen wichtigen und sehr zu begrüßenden Schritt dar, zusätzlich zu Spiegel und Lupe auch das sozialtheoretische Fernglas öfters in die Hand zu nehmen.

(Florian Ohnmacht, David Furtschegger)

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