Schrumpft oder wächst die Mittelschicht?

Aus europäischer oder amerikanischer Sicht schrumpft die Mittelklasse. Betrachtet man die Frage aus indischer oder chinesischer Perspektive, dann wächst sie. Genau diese Gegenlage – wie auch Konvergenz – bestimmte gesellschaftlicher Entwicklungen machte den Austausch von Soziologen und Soziologinnen aus Peking, Innsbruck und Bozen so interessant.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitstagung zum sozialen Wandel in Innsbruck.
Bild: In Fußballteamstärke von je 11 Kollegen und Kolleginnen führte die „Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften“ sowie die „Tiroler“ Soziologie eine gemeinsame Arbeitstagung durch. (Credit: Veronika Riedl)

Von den 1960ern bis in die 1980er Jahre hinein wurde die Schichtungsstruktur der Gesellschaft in der deutschsprachigen Soziologie als eine Art Zwiebel gedeutet: Der Kampf sozialer Klassen ist Geschichte, die meisten sind in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Seit der berühmten „Individualisierungsthese“ des Münchner Soziologen Ulrich Beck von 1983 weiß man nun nicht mehr so genau, wie es mit der Form der Gesellschaft aussieht, weil diese für alle Chance und Risiko zugleich geworden sein soll, eine Gemengelage von Individuen ohne strukturierende Kontur. Erst seit der Großen Rezession von 2008 fragt man mit manchen Ökonomen wieder, ob da nicht unter der Hand eine zunehmende Zuspitzung der Ungleichheiten in der Gesellschaft unbeobachtet blieb. So weist Nobelpreisträger Joseph Stiglitz darauf hin, dass am Ursprung der Finanzkrise nicht allein mangelnde Regulation der Banken, sondern auch amerikanische „Häuslebauer“ standen, die ihre Kredite nicht länger bezahlen konnten – und hernach millionenfach ihr Eigentum verloren. Viele sehen seit Jahren stagnierende Einkommen in der Mitte der Gesellschaft und einen enormen Druck auf dieselbe, der sich in Wahlergebnissen weltweit nur indirekt widerspiegelt.

In China hingegen schaut es anders aus. Tagungsteilnehmer Feng Tian demonstrierte die rapide Urbanisierung, die Bildungsexplosion, den tertiären Sektor der Gesellschaft auf der Überholspur, aber eben auch eine pyramidenförmig gebaute Gesellschaft mit vielen unten und wenigen ganz oben, die seit den Reformen von 1980 zwar extrem reicher, aber auch extrem ungleicher geworden ist und doch eine wachsende städtische Mittelklasse zeigt, die er aktuell auf einen Anteil von 25 % schätzt. Genau diese Gruppe ist es für Yi Zhang, den stellvertretenden Direktor des 80-köpfigen Soziologie-Instituts der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS), von welcher wiederum am ehesten politische Unzufriedenheit erwartet werden könnte.

CASS-Vizepräsident Peilin Li hingegen führte ob der empirischen Lage das Bild einer Oliven-förmigen Gesellschaftsstruktur an, die China zwar nicht sei, aber werden sollte. Angestrebt werden müsse eine Ermöglichung des Aufstiegs in die Mittelklasse für die überragende Mehrheit der Gesellschaft, das heißt also, eine besondere Förderung der derzeit außenstehenden und untenstehenden Schichten der Bevölkerung.

Dass dies allerdings kein leichtes Unterfangen werden kann, machten die weiteren Beiträge von chinesischer wie auch österreichischer, genauer gesagt: Tiroler Seite (aus Innsbruck und Bozen) klar, die sich mit den aus der Urbanisierung, aus wachsenden sozialen Disparitäten und aus marktinduziertem kulturellen Wandel hervortretenden neuen Problemen gesellschaftlicher Entwicklung beschäftigten.

Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften (CASS)

Über 3000 Beschäftigte hat die Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften (CASS) in Peking, wobei heute großer Wert darauf gelegt wird, Mitarbeiterstellen gezielt heterogen mit PhD-Absolventen verschiedenster internationaler wie nationaler Universitäten zu besetzen. So erwarb zum Beispiel der Leiter der Gästegruppe aus Peking, CASS-Vizepräsident Peilin Li, sein Doktorat an der Pariser Sorbonne. Es ist bekannt, dass einerseits die französische Sozialwissenschaft mit ihren Pariser Forschungszentren noch immer einen sehr wichtigen Einfluss auf die sozialwissenschaftliche Orientierung in Indien und China ausübt, andererseits allerdings natürlich auch in Asien heute die englischsprachige Textproduktion der „Muttersprachler“ die entscheidende Determinierung ausübt. Während also auch in China die nordamerikanische Sozialwissenschaft den Standard setzt, ist das für die Wissenschaftsbeziehungen vielleicht nicht in gleichem Maße der Fall. Hier gibt es starke Verbindungen unter den BRICS-Ländern. Welche Rolle hier Europa zukommt, wird sich erst zeigen müssen. Wechselseitig jedenfalls zeigte sich auf der Innsbrucker Tagung jeweils ein großes Interesse. Und ein Wiedersehen gibt es in zumindest einem Fall schon bald. So ist der Organisator der Innsbrucker Arbeitstagung, Frank Welz, als Präsident der Europäischen Soziologie-Gesellschaft bereits im Juli des Jahres einer der geladenen Hauptredner der in Lanzhou in der Provinz Gansu, China, stattfindenden Jahrestagung der Chinesischen Soziologie.

Wer hat Interesse an einem Forschungs- und Studienaustausch mit Beijing (bzw. Neu Delhi)?

Trotz vielfältiger bestehender Abkommen, unter welchen Stanford und UCB zuerst angeführt werden, signalisiert die CASS durchaus Interesse an einem Forschungs- und Studienaustausch. Sollte ein Institut oder ein Forschungszusammenhang aus Innsbruck ebenso interessiert sein – genauso übrigens in Bezug auf einen Forschungs- und Studierendenaustausch mit der Jawaharlal Nehru University (JNU) in Neu Delhi (beides sind allein Graduate Bildungsstätten) – melden Sie sich bitte bei Frank Welz vom Institut für Soziologie, Kontakt siehe unten.

(Frank Welz)


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