Medizinische Studie mit Beteiligung der Mathematik

Ende April sind die Ergebnisse einer aufwändigen Studie der Medizinischen Universität zum Gerinnungsmanagement bei Polytraumen veröffentlicht worden. Der Artikel in der Fachzeitschrift „Lancet Haematology“ stieß auf großes Interesse in der Fachwelt, beteiligt war auch ein Mathematiker der Uni Innsbruck.
Gruppenfoto: Team der Traumastudie.
Bild: Das Team der großen Traumastudie. (Credit: Medizinische Universität Innsbruck)

Große Blutverluste bei schweren Verletzungen verursachen durch den Verlust an Gerinnungsfaktoren und Thrombozyten eine Gerinnungsstörung. Welche Behandlung bei solchen Polytraumen die effektivste ist, war bis dato in Fachkreisen heftig diskutiert. Die Innsbrucker Studie mit Daten von 100 schwerverletzten PatientInnen aus den Jahren 2012 bis 2016, zeigt, dass die gezielte Gabe von Gerinnungsfaktorenkonzentraten effektiver ist, als die ebenfalls gängige Transfusion von Frischplasma. Die Ergebnisse der sogenannten „RETIC-Studie“ (Reversal of Trauma-induced Coagulopathy using First-line Coagulation Factor Concentrates or Fresh Frozen Plasma) sind Ende April veröffentlicht worden. Sowohl die Verabreichung von Gerinnungsfaktorenkonzentraten wie auch die Transfusion von Frischplasma entsprechen der Europäischen Behandlungsrichtlinie zur Behandlung traumatologischer Blutungen. Auf Grund von fehlenden wissenschaftlichen Daten ist die Erstellung einer genaueren Empfehlung bisher nicht möglich. Dementsprechend hoch ist auch das Interesse der Fachwelt an den Innsbrucker Studienergebnissen. Der Artikel der „Lancet Haematology“ gehörte nach der Veröffentlichung zu den meist beachtesten Publikationen dieser Fachzeitschrift. Unmittelbar nach der Veröffentlichung wurde die Auszeichnung „Certificated Highly Cited Research“ verliehen.

Für die gesamte statistische Datenanalyse der RETIC-Studie ist Tobias Hell vom Institut für Mathematik der Universität Innsbruck verantwortlich. Mit tausenden Variablen, an bis zu 16 Zeitpunkten gemessen, sowie einem komplexen Studiendesign mit der Möglichkeit einer Crossover-Rescue-Therapie ergeben sich für die Statistik zahlreiche Herausforderungen – insbesondere den komplizierten Vorgang der Koagulopathie im Hinblick auf die Gerinnungstherapie entsprechend darzustellen.

Innsbrucker Konzept: Langjährige Forschung zu Fibrinogen

Fibrinogen gehört zu den so genannten Gerinnungsfaktoren und ist wichtig, damit im Falle einer Verletzung ein stabiles Blutgerinnsel entstehen kann und somit die Blutung gestoppt wird. Fibrinogen ist als Konzentrat erhältlich und in Plasma, allerdings in geringer Konzentration, enthalten.  „In Innsbruck arbeiten wir bereits seit 1999 an der Erforschung von Fibrinogen und seiner Bedeutung für das Gerinnungsmanagement, wir haben dazu bereits zahlreiche Studien in Topjournals publiziert“, erklärt die Erstautorin Univ.-Doz.in Dr.in Petra Innerhofer von der Innsbrucker Univ.-Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin (Direktor: o. Univ.-Prof. Dr. Karl Lindner). Spezielle Messgeräte ermöglichen es innerhalb kürzester Zeit die Gerinnungsstörung bei PatientInnen direkt am Behandlungsbett zu bestimmen. Die sogenannte Thromboelastometrie (ROTEM) wurde für die Studie bei beiden PatientInnengruppen angewendet. „Die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Gerinnungsfaktorenkonzentraten, hauptsächlich Fibrinogenkonzentrat, ist wesentlich zielgerichteter und effektiver als die Anwendung von Plasma“, erklärt einer der Mitautoren der Studie, ao.Univ.-Prof. Dr. Dietmar Fries von der Univ.-Klinik für Allgemeine und chirurgische Intensivmedizin (Direktor: o.Univ.-Prof. Dr. Karl Lindner). Mit dieser Therapie war es möglich die Blutung schneller zu stoppen und notwendige Bluttransfusionen zu reduzieren als mit Plasmatherapie, und damit konnte auch die Häufigkeit von späteren Organschäden vermindert werden. „Es gab bereits zahlreiche Hinweise, dass das „Innsbrucker Konzept“, die ROTEM gesteuerte und gezielte Anwendung von Faktorenkonzentraten, den Patientinnen und Patienten einen Behandlungsvorteil bringt, aber jetzt haben wir erstmals auch harte Daten aus einer klinischen Studie.“

(Barbara Hoffmann-Ammann/MUI/red)


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