Inter­na­tio­nales For­schungs­pro­jekt zur Heim­er­zie­hung

Auch nach den Heimkampagnen von 1968 setzten sich Strukturen der gewaltvollen Heimerziehung fort. Unter Leitung der Innsbrucker Erziehungswissenschaften wird nun die jüngere Heimgeschichte im Rahmen eines Internationalen Forschungsprojekts untersucht.
Bettenraum am Jagdberg
Bild: Schlafraum in der Landeserziehungsanstalt Jagdberg in Vorarlberg. (Credit: Foto(Dia)sammlung Jagdberg, Vorarlberger Landesarchiv)

Schon seit einiger Zeit beteiligt sich die Universität Innsbruck an der Aufarbeitung der gewaltvollen Geschichte der Heim- und Heilerziehung in Tirol und Vorarlberg. Erstmals erlangt nun ein Innsbrucker Forscher*innenteam an den Erziehungswissenschaften um Flavia Guerrini, Ulrich Leitner und Michaela Ralser über ein vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF, der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG und dem Schweizer Nationalfonds SNG gefördertes D-A-CH-Projekt die Gelegenheit, diese Forschungen in international vergleichender Perspektive weiterzuentwickeln. Das Dreiländer-Projekt ist eine Kooperation der Universitäten Innsbruck und Kassel mit der Hochschule Olten und wird vom Institut für Erziehungswissenschaft in Innsbruck koordiniert, die Gesamtleitung liegt bei Univ.Prof.in Michaela Ralser. Das auf drei Jahre angelegte Projekt beginnt mit September 2021. Zur Zeit wird das interdisziplinäre Mitarbeiter*innenteam zusammengestellt. Es stehen eine Post-doc- (50%) und zwei Prae-doc-Stellen (65%) zur Ausschreibung.

Das für den deutschsprachigen Raum lange Gültigkeit beanspruchende Narrativ vom Ende der Anstalts- und Fürsorgeerziehung in den 1970er Jahren trifft - wie jüngste Studien aus Österreich, der Schweiz und Deutschland zeigen - nicht oder nur sehr bedingt zu. Als Folge der Heimkampagne von 1968 kam es zwar weithin zu Kritik am System der geschlossenen Heimerziehung und auch zu vereinzelten Reforminitiativen. Die Dynamiken und Geschwindigkeiten der Veränderung aber zeigen ein sehr heterogenes Bild. Längst nicht überall führte die Aufbruchszeit auch zu einem substantiellen Wandel im Feld der Kinder- und Jugendhilfe. Eine nicht unbeträchtliche Zahl von Kindern und Jugendlichen gelangte noch mindestens weitere zwei Jahrzehnte in kaum veränderte Fürsorge­institutionen.

Bislang hat diese Schwellenzeit von 1970-1990 wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren. Das will das geplante Forschungsprojekt mit seiner interdisziplinär und transnational angelegten Untersuchung nun ändern. Als empirische Untersuchungseinheiten dienen sechs Fallstudien. Sie beziehen ihr Material aus drei für die ungleichzeitige Entwicklung der Heimerziehung des untersuchten Zeitfensters prototypischen und kontrastiv gewählten Regionen: Tirol/Vorarlberg (A), Hessen (D) und Zürich (CH). Umfangreiche archivalische Quellen und zahlreiche Interviews mit Zeitzeug*innen der Schwellenzeit bilden die Datenbasis. Als gemeinsamer Forschungsgegenstand figurieren die Aushandlungsprozesse um die sich wandelnden Erziehungsräume der Heimerziehung. Die je spezifischen Wohlfahrtslandschaften und die in diesen erzeugten Wohlfahrtsregime markieren die Kontextbedingungen des Wandels. Eine relationale und handlungsorientiere Raumtheorie perspektiviert die Untersuchung und verspricht neue Erkenntnisse: sowohl gegenständlich wie heuristisch.

Wie entsteht, vor allem wie vollzieht sich Veränderung? Welche förderlichen und hinderlichen Kräfte lassen sich aus­machen und welche wechselseitigen Wirkungen erzeugen sie: lokal, regional und transnational? Welche Rolle spielen dabei die je feldspezifischen Diskurs- und Akteurskonstellationen in den einzelnen untersuchten Wohlfahrtsregionen – symbolisch und materiell? Schließlich: Was kann aus der Untersuchung der spezifischen Transformation der Jugendwohlfahrt und Heimerziehung an der Schwellenzeit der 1970er-1990er Jahre für das Verständnis von Veränderungen in anderen wohlfahrtsstaatlichen Kontexten gewonnen werden, die auf eine ebensolche longue durée von Gewaltdynamiken verweisen wie die historische Heimerziehung? Und nicht zuletzt: Was kann daraus methodologisch für eine vergleichende Wohlfahrtsforschung an Erkenntnissen gezogen werden?

Fakten:

Projekttitel: Negotiating Educational Spaces in Residential Care 1970-1990. An interdisciplinary Comparison of Transformation Processes in Austria, Germany and Switzerland.

Projektpartner*innen: Univ.-Prof. Mechthild Bereswill (Kassel) und  Prof.in Gisela Hauss (Olten)

Projektlaufzeit: 15. September 2021 bis 15. September 2024

Ausschreibung der Projektstellen: https://www.uibk.ac.at/iezw/aktuelles/stellenausschreibungen.html

Für Nachfragen: Michaela Ralser; Tel: 0043676872540540 oder Michaela.Ralser@uibk.ac.at

(Red.)

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