Illegale Rinderherden Amazonien

Illegale Rinder gefährden Null-Entwal­dungs­ziel

Ende der 2000er Jahre schlossen Schlachthöfe im Amazonasgebiet eine Reihe von Vereinbarungen ab, um der Entwaldung durch die Expansion der lokalen Viehzucht entgegenzuwirken. Eine Forschungsgruppe um den Geographen Michael Klingler konnte in einer kürzlich veröffentlichten Studie nachweisen, dass diese sogenannten Rinderabkommen den Ausschluss "illegaler" Rinder nicht garantieren.

Brasilien ist aktuell nicht nur der zweitgrößte Sojaproduzent, sondern auch der größte Rinderproduzent und -exporteur weltweit. Dabei spiegelt die im Südwesten des Bundesstaates Pará gelegene Gemeinde Novo Progresso beispielhaft das sozial-ökologische Fortschrittsdilemma von modernisierungsorientierter Entwicklung wider. Zwischen 2000 und 2014 ist die Rinderpopulation in der Region um das Fünffache gestiegen und hat damit die Zahl von einer Million überschritten. Gleichzeitig gilt die konfliktbeladene Region als Hotspot der illegalen Entwaldung und Landspekulation. Als Folge des expandierten Sojaanbaus in Mato Grosso verlagern sich die extensive Weidenutzung und die damit verbundene Entwaldung seit Jahren weiter Richtung Norden nach Pará. Diese Umstände haben die brasilianische Regierung bereits 2004 dazu bewogen, den Aktionsplan PPCDAm zur Prävention und Kontrolle der Entwaldung in Amazonien einzuführen - mit Erfolg. Die Abholzungsrate sank im darauffolgenden Jahr um fast 70 Prozent und verzeichnete 2012 den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Der Erfolg der Anti-Entwaldungsstrategie wurde neben der Intensivierung von Maßnahmen zur Kontrolle und Sanktionierung von Umweltvergehen ebenso dem Einfluss von Null-Entwaldungsabkommen zugeschrieben. Sie gelten als besonders innovative Maßnahmen, die neben einem Handelsverbot von Soja inzwischen auch fleischverarbeitende Konzerne dazu drängen, keine Rinder mehr zu kaufen, die auf illegalen bzw. nicht autorisierten Wiedeflächen grasen. Illegal sind laut dem gesetzlich bindenden TAC-Abkommen Flächen, die in Schutz- und Sperrgebieten liegen, seit dem Inkrafttreten des Abkommens im Juli 2009 illegal abgeholzt wurden, einem offiziellen Embargo wegen Verstoßes gegen Umwelt- oder Sozialstandards unterliegen, nicht im Umweltkataster registriert sind oder mit (modernen) Formen der Sklaverei in Verbindung stehen.

Verwendung eines neuartigen Datensatzes

Eine kürzlich veröffentlichte Studie eines Teams um den Innsbrucker Geographen Dr. Michael Klingler stellt den Erfolg dieser Rinderabkommen jedoch in Frage. Würden das gesetzlich bindende TAC- oder auch das von Greenpeace initiierte G4-Rinderabkommen tatsächlich greifen, so müsste der Ausschluss von illegalen Rindern gewährleistet sein. Anhand eines erstmals für eine wissenschaftliche Studie freigegebenen Datensatzes des Veterinärverbundes ADEPARÁ zur Impfung von Rinderherden gegen die Maul- und Klauenseuche konnten die Forscher nachweisen, dass in der Gegend um Novo Progresso mehr als 350.000 bzw. die Hälfte der lokalen Rinder illegal weiden. Mittels einer geobasierten Analyse von Monitoringdaten und der aus der jährlichen Impfung gegen die Maul- und Klauenseuche gewonnenen Informationen konnten auf diese Weise neue Erkenntnisse zur Situation der Rinderweidewirtschaft in Amazonien generiert werden. Interviews mit Bäuerinnen und Bauern sowie Schlüsselfiguren aus Industrie und Politik bestätigen, dass in Wirklichkeit etliche Schlupfwinkel existieren, um die strengen Kriterien der Rinderabkommen zu umgehen. Aufgrund fehlender Transparenz innerhalb der Lieferkette zwischen Zucht und Schlachtung ist daher das Potenzial zur „Rinderwäsche“ als sehr hoch einzustufen. „Um den gesamten Ablauf genau zu überprüfen, müsste man mit modernsten Technologien arbeiten. In den USA werden beispielsweise bereits GPS-Chips verwendet, um die Aufenthaltsorte von Rindern über einen längeren Zeitraum nachvollziehen zu können“, so Michael Klingler. Rinderabkommen sind also nicht der ausschlaggebende, sondern nur ein Faktor für den Rückgang der Abholzung in Amazonien.

Politische Rahmenbedingungen essenziell

Die Studie ist im Rahmen des Forschungsprojekts CARBIOCIAL entstanden, in dem Michael Klingler gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe um Professor Martin Coy, dem Leiter des Instituts für Geographie, beteiligt war. Dieses Projekt beschäftigte sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Klimawandel, Landmanagement und Ökosystemdienstleistungen sowie der Entwicklung von kohlenstoffoptimierten Landmanagementstrategien im südlichen Amazonasgebiet. Michael Klingler war vier Jahre als Projektkoordinator in Brasilien vor Ort. Dabei zeigte sich auf lokaler Ebene sehr deutlich, dass die Maßnahmen der staatlichen Anti-Entwaldungsstrategie die illegale Aneignung und Inwertsetzung von Land nicht vollständig verhindern. Hingegen schüren die global beherrschten klima- und umweltpolitischen Diskurse neue Konflikte um Land, die von der häufig unklaren Situation von Eigentums- und Besitzverhältnissen weiter verstärkt werden. Existenziell betroffen von dieser Entwicklung sind nicht nur indigene und traditionelle Bevölkerungsgruppen, sondern auch Bäuerinnen und Bauern, denen die Möglichkeit verwehrt bleibt, Land legal zu erwerben und zu bewirtschaften. „Wie wichtig die politischen Rahmenbedingungen in diesem Zusammenhang sind, zeigen aktuelle Entwicklungen in Brasilien. Seit Michel Temer 2016 das Amt des Präsidenten angetreten hat, prägen besonders Korruptionsskandale, Amnestie für Umweltverbrechen und Schutzgebietsverkleinerungen die Schlagzeilen der brasilianischen Nachrichten“, kritisiert Michael Klingler. „Diese Entwicklungen stehen in starkem Kontrast zu den anvisierten Null-Entwaldungszielen“, so Michael Klingler weiter.

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