Hohe Birga: Graben in Archiven

In den Jahren 1938 und 1949 bis 1956 wurde auf der 'Hohen Birga' bei Birgitz eine Siedlung aus der Eisenzeit freigelegt. Teile der jahrzehntelang verschollenen Grabungsdokumentation wurden kürzlich wiederentdeckt. Gemeinsam mit Studierenden der Universität Innsbruck wurde nun mit deren Auswertung begonnen.
Projektteam Hohe Birga
Bild: v.l.: Das Projektteam mit Wolfgang Wanek, Viktoria Lanz, Daniel Haumer, Lisa Niederwieser und Bianca Zerobin (Credit: Florian Müller, Institut für Archäologien)

1938 hatte der an der Universität Wien als Professor tätige Prähistoriker Oswald Menghin (1888–1973) auf der „Hohen Briga“, einem bewaldeten Hügel nordwestlich von Birgitz, archäologische Ausgrabungen begonnen. Menghin war für einige Monate Unterrichtsminister im nationalsozialistischen Kabinett von Arthur Seyß-Inquart und floh nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Argentinien. Erst in den Jahren von 1949 bis 1956 konnten durch seinen Sohn, Osmund Menghin (1920–1989), die Arbeiten in Birgitz fortgesetzt und dabei ein halbes Dutzend Gebäude aus der jüngeren Eisenzeit freigelegt werden. Das umfangreiche Fundmaterial wie keramische Gefäße, aber auch Schmuck und Werkzeuge aus Metall sowie Objekte aus Glas und Bein wurden in den 1980er-Jahren bearbeitet, die Untersuchungen zu den Gebäuden blieben jedoch unpubliziert, da große Teile der Grabungsdokumentation verschollen waren. 

Grabungsdokumentation aufgespürt

Nach jahrelanger Suche konnten kürzlich umfangreiche Teile der alten Grabungsdokumentation aufgespürt werden. „Neben den originalen Grabungstagebüchern von Oswald Menghin aus dem Sommer 1938 mit zahlreichen Notizen und Skizzen, kamen auch bislang unbearbeitete Grabungspläne dieser Kampagne zutage. Zudem umfasst der Bestand mehrere hundert Fotos, Negative und Fotoplatten auch der Grabungen seines Sohnes Osmund“, berichtet der Projektleiter assoz. Prof. Mag. Dr. Florian Müller vom Institut für Archäologien. Unter seiner Leitung waren 2009 die archäologischen Grabungen auf der „Hohen Birga“ wieder aufgenommen und zwei Gebäude vollständig freigelegt worden. In Zusammenarbeit mit dem Verein Archäotop Hohe Birga und der Gemeinde Birgitz konnten diese mittlerweile vollständig konserviert, teilweise rekonstruiert und mit Schutzbauten versehen als archäologischer Park Interessierten zugänglich gemacht werden. 
Die wiedergefundenen Unterlagen der Altgrabungen, die gemeinsam mit einer Gruppe Studierender im Rahmen von forschungsgeleiteter Lehre aufgearbeitet werden, geben wertvolle Einblicke in die früheren Forschungen. Während Viktoria Lanz und Wolfgang Wanek die Transkription der Tagebücher übernahmen, versuchten Lisa Niederwieser und Daniel Haumer, Ordnung in die umfangreichen Bestände von Fotos zu bringen und die darauf abgebildeten Grabungsbefunde zu identifizieren. Bianca Zerobin widmete sich derweil der Digitalisierung und Interpretation der alten Pläne und Grabungszeichnungen.

Ausgrabungsarbeiten auf der „Hohen Birga“ (Credit: Florian Müller, Institut für Archäologien)

Weitere Bestände, insbesondere Briefe und Akten, fanden sich in den Archiven des Bundesdenkmalamts in Wien und Innsbruck, dem Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Universitätsarchiv Innsbruck sowie dem Ferdinandeum. Da die Grabungen nie wissenschaftlich aufgearbeitet und publiziert worden waren, sind auch insbesondere Zeitungsmeldungen eine wichtige Quelle, die ebenfalls für die betreffenden Zeiträume gesichtet wurden. Gerade für zukünftige Archäologinnen und Archäologen stellt die Auseinandersetzung mit ungeordneten und zum Teil stark lückenhaften Unterlagen von Altgrabungen eine große Herausforderung dar, die von den an diesem Projekt beteiligten Studierenden mit großem Engagement und Einsatzbereitschaft gemeistert wurde.

Weitere Arbeiten geplant

Die Arbeiten zu den Archivalien sind noch nicht abgeschlossen, für die Zukunft ist beispielsweise noch geplant, Zeitzeugen der Grabungen, an denen laut der Fotos auch viele Kinder und Jugendlich als Arbeiter beteiligt gewesen waren, zu finden, aber auch weitere private Fotos von der Ausgrabungsstätte zu sammeln und zu digitalisieren.
Für den Sommer 2018 ist zudem vorgesehen, die archäologischen Arbeiten im Gelände wieder aufzunehmen, um gezielt die Angaben der Altgrabungen zu überprüfen. Die vor Jahrzehnten freigelegten und mittlerweile wieder verschütteten Gebäude sollen anhand der zahlreichen Fotos und Pläne genau lokalisiert und somit in einem Gesamtplan des Hügels verortet werden. „Dadurch soll die Dokumentation der Altgrabungen auch für moderne Forschungen wieder nutzbar gemacht werden, da nun auch bislang unerforschte Bereiche genau identifiziert und in der Zukunft untersucht werden können“, merkt Florian Müller an.


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