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Histo­rische De­tektiv­arbeit

Fragmente älterer Bücher als Teil neuer Bände wurden bisher öffentlich wenig beachtet. Das ändert ein aktuelles Projekt an der ULB Tirol, das die Historikerin Dr. Claudia Sojer betreut.

Sie befinden sich in Orgeln, in Altären, wurden als Baumaterial verwendet oder zu Spielwaren verarbeitet – in Holland etwa zu Drachen für Kinder: Pergament- und Papierfragmente aus Büchern des Mittelalters und der frühen Neuzeit, die nicht mehr gebraucht wurden, fanden vielseitig Verwendung. Und sie erlauben Rückschlüsse auf die Verbreitung von Schriften, erzählen dadurch eigene Geschichten – jedes Fragment wirft eine ganze Reihe von Forschungsfragen auf. Die historische Forschung hat derartige Fragmente deshalb bereits seit längerem zum Gegenstand, wie Dr. Claudia Sojer erklärt: „Die wissenschaftliche Bearbeitung von Buchfragmenten reicht bis ins Mittelalter zurück und etablierte sich durch die italienischen Humanisten, aber natürlich sind die Mittel, die uns dafür heute zur Verfügung stehen, deutlich umfassender und machen die Arbeit auch um einiges leichter.“ Die Historikerin ist Mitarbeiterin im Projekt „Die abgelösten Handschriftenfragmente der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol und ihre digitale Erschließung“ (siehe Kasten) und hat hier besonders die Fragmente an der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol (ULB) in Innsbruck im Auge. „Wir unterscheiden mehrere Arten von Fragmenten. Einmal die Katastrophenfragmente: Hier sind Bücher unvollständig, weil ihnen sozusagen etwas ‚zugestoßen‘ ist, etwa ein Feuer, eine Überschwemmung, aber auch bewusste Beschädigungen im Rahmen von kriegerischen Auseinandersetzungen oder Verbrechen fallen darunter. Außerdem Sammler- oder Kunstfragmente, für die Bücher ebenfalls ganz bewusst zerschnitten wurden, aber nicht, um sie zu zerstören, sondern um zum Beispiel golden verzierte Buchstaben zu sammeln – die wurden dann an Sammler verkauft. Daneben, und das ist ein sehr großer Teil, gibt es die Handwerksfragmente: Hier wurden Bücher für andere Zwecke weiterverarbeitet, etwa als Baumaterial, oder aber als Bestandteil neuer Bücher“, erklärt sie. Letztere Verwendung ist auch die an der ULB erhaltene und verbreitete: Pergament oder Papier zerschnittener von Hand geschriebener Bücher findet sich dann zum Beispiel als zusammengeklebter Karton und mit Leder überzogen als Einband von neueren Büchern wieder.

Herkunft der Fragmente

Wir assoziieren heute mit der Zerstörung von Büchern meist böse Absicht, die Vernichtung von Kulturgut ist zurecht verpönt. Dass mit der Weiterverwendung von Pergament in anderen Produkten zugleich Unliebsames zerstört werden sollte, war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit allerdings nicht zwangsläufig der Fall: „Zum einen wissen wir von Pergamentmärkten, wo sozusagen aus zweiter Hand Buchfragmente für die Weiterverwendung verkauft wurden. Die Buchbinder und Handwerker, die hier eingekauft haben, haben mit der Zerstörung meist nichts zu tun, und Pergament, letztlich ja Tierhaut, war wertvoll. Die Gründe, warum Fragmente auf derartigen Märkten landeten, waren oftmals profan: Etwa wurden so Urkunden und Verträge entsorgt, die einfach nicht mehr gültig waren.“ Aber auch Schriften, die nicht gelesen werden konnten, landeten so auf derartigen Second-Hand-Märkten – etwa hebräisches, syrisches oder glagolitisches Schriftgut. „Viel stammt auch aus Klosterauflösungen, aber natürlich spielte auch religionspolitische Konkurrenz eine Rolle: Ein katholisches Kloster kann mit protestantischen Schriften wenig anfangen und verkauft sie deshalb zur Weiterverwertung“, sagt Claudia Sojer. „Was außerdem häufig zu finden ist, sind zum Beispiel regionale Messbücher aus der Zeit vor dem Trienter Konzil. Damals, Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde die römisch-katholische Liturgie vereinheitlicht, die Vorläufer wurden schlicht nicht mehr gebraucht. Gleiches gilt für Schulbücher, von denen zusätzliche Exemplare entsorgt wurden, wenn diese abgenutzt oder deren Inhalte überarbeitet wurden.“ 

Insgesamt 233 abgelöste handschriftliche Fragmente zählt Claudia Sojer an der ULB Tirol. Sie arbeitet gemeinsam mit einer studentischen Hilfskraft gerade daran, diese Fragmente systematisch digital zu erfassen und begibt sich auf Detektiv- und Puzzlearbeit: „Der erste Schritt ist immer, das Fragment im Original zu untersuchen, und es dann zu digitalisieren. Danach beginnt die Zuordnung: Das ist vergleichsweise leicht, wenn ganze Seiten erhalten sind, da kann ich dann auf Anhieb zumindest Sprache, Schrifttyp und grob Inhalt feststellen, meist lässt sich das dann rasch zuordnen. Kleinere Fragmente sind natürlich deutlich schwieriger, manchmal haben wir auch nicht mehr als einzelne Papier- oder Pergamentstreifen aus den Buchfälzen. Aber auch da sind digitale Hilfsmittel Gold wert.“ Die Innsbrucker Fragmente werden auf der Plattform „Fragmentarium“ öffentlich zugänglich sein – ein wissenschaftliches Forschungslabor, das, beginnend mit großen Bibliotheken und Sammlungen, als zentrale Plattform für die Bearbeitung und Untersuchung mittelalterlicher Handschriftenfragmente dient. Mit der Österreichischen Nationalbibliothek ist die zentrale wissenschaftliche Bibliothek und größte Sammlung Österreichs dort ebenso vertreten wie große Bibliotheken und Sammlungen aus der ganzen Welt, etwa aus der Schweiz, Frankreich und den USA, und nun eben auch die ULB Tirol. „‚Fragmentarium‘ ermöglicht nicht nur die Darstellung der eigenen Fragmente, sondern auch die Verknüpfung mit anderen – das macht diese Arbeit auch besonders spannend. Fragmente aus den USA können zum Beispiel aus dem gleichen Buch stammen wie ein Fragment in einem Buch hier in Innsbruck und über ‚Fragmentarium‘ können wir den Ursprungsband rekonstruieren und auch gemeinsam anzeigen“, erklärt die Historikerin. Auch innerhalb Tirols ist derartiges schon gelungen: Fragmente aus demselben Textzeugen der „Weltchronik“ des Rudolf von Ems finden sich zum Beispiel an der ULB Tirol, im Tiroler Landesarchiv, im Tiroler Landesmuseum und im Stift Stams, außerdem in der Staatsbibliothek zu Berlin und in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Das aktuelle Projekt zur digitalen Erschließung der Fragmente in der ULB Tirol läuft bis Ende dieses Jahres, aber allein in Tirol ist ein Großteil der Fragmente noch völlig unerschlossen: Viel Raum für mögliche Folgeprojekte also. „Am Beispiel der erwähnten Weltchronik sehen wir, dass sich da auch innerhalb Tirols viele Verknüpfungen auftun, die aber großteils noch nicht entdeckt sind. Hier sozusagen im Rahmen eines Tiroler ‚Fragmentariums‘ die Bestände im Bundesland zu erschließen, Querverweise zu identifizieren und zugänglich zu machen, wäre ein lohnendes Ziel und ein schönes Folgeprojekt“, sagt Claudia Sojer.

Das Projekt

„Die abgelösten Handschriftenfragmente der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol und ihre digitale Erschließung“ ist ein über den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördertes Projekt mit einer Laufzeit von 2018 bis 2020. Angesiedelt ist das Projekt am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck sowie in der Abteilung für Sondersammlungen der ULB Tirol, untersucht werden die abgelösten Handschriftenfragmente der ULB Tirol, die über das Portal „Fragmentarium. Digital Research Laboratory for Medieval Manuscript Fragments“ öffentlich zugänglich gemacht werden. Projektleiter ist Univ.-Prof. Dr. Martin Wagendorfer (zu Beginn an der Uni Innsbruck, heute LMU München), Dr. Claudia Sojer ist, zusammen mit Viviana Kleinlercher, BEd, die das Projekt als Studentische Hilfskraft unterstützt, Projektmitarbeiterin in Innsbruck. 2018 wurde das Projekt mit dem Eduard-Wallnöfer-Anerkennungspreis ausgezeichnet.

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe der „Zukunft Forschung“, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck, erschienen. Eine digitale Version des Magazins ist hier zu finden.

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