Fußball spricht viele Sprachen!

Wie gehen Fußballklubs mit der Sprachvielfalt ihrer Spieler um? Mit dieser und weiteren Fragen beschäftigte sich ein Workshop unter dem Titel „Fußball: Mehrsprachigkeit und mehr“, der an der Universität Innsbruck organisiert wurde.
Vortragender Roman Beljutin
Bild: Roman Beljutin aus Smolensk bezog bei seinem Vortrag das Publikum auf sehr sportliche Weise ein. (Credit: Sylvia Grünbichler)

Immer wieder hört man, dass im Fußball nur die Beine sprechen; dass dieser Sport also eine Art internationale Sprache darstellt. So beliebt und verlockend diese Vorstellung auch ist, sie ist ganz einfach falsch. Denn auch im Fußball spielen verbale Kommunikation und Sprache – ja besser, Sprachen – eine bedeutende Rolle. Und dabei werden die Mannschaften immer internationaler, so dass man sich zu Recht fragen kann, wie denn die Verständigung mit den Legionären aus aller Welt und mit den international tätigen Trainern funktionieren kann? In dieser schnelllebigen Welt muss außerdem ein neuer Trainer oder Spieler sofort operational sein, man gönnt ihm keine Anlaufzeit, um sich in die neuen Sprache und Kultur behutsam einzuleben. Umso mehr verwundert es, dass es scheinbar selten zu Problemen mit Missverständnissen und Kommunikations­barrieren zu kommen scheint. Welche Strategien entwickeln die Vereine, um mit Mehrsprachig­keit konstruktiv umzugehen? Gibt es Sprachkurse, Dolmetscher, individuelle Assistenten? Wie sieht die gelebte Praxis in internationalen Mannschaften aus?

Mit all diesen Fragen beschäftigte sich ein Workshop unter dem Titel „Fußball: Mehrsprachigkeit und mehr“, der an der Universität Innsbruck von Prof. Eva Lavric vom Institut für Romanistik in Zusammenarbeit mit dem Frankreich-Schwerpunkt, der „Innsbruck Football Research Group“ und vor allem den Studierenden des Projektseminars „Mehrsprachigkeit im Fußball“ organisiert wurde. Es kamen ForscherInnen aus ganz Europa (Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien, Russland, Tschechische Republik) zu Wort, und auch die Studierenden, die nicht nur organisiert, sondern auch selbst geforscht hatten, stellten ihre Ergebnisse vor. Am Abend gab es eine öffentliche Podiumsdiskussion mit Fußball-Profis: einem Manager (Gerhard Stocker, langjähriger Obmann des FC Wacker Innsbruck), einem Trainer (Masaki Morass, austro-japanischer Trainer, u.a. bei FC Red Bull Salzburg) und einem Fußballer (Emmanuel Akwuegbu, Trainer Nachwuchs FC Wacker Innsbruck, vormals Bundesliga-Spieler) die aus ihrer Praxis über den Umgang mit Sprache und Kommuni­kation in Fußball­mannschaften erzählten. Der Abend klang mit einem gemeinsamen Public Viewing des Auftaktmatchs der Euro 2016 aus.

Nach Grußworten von Studiendekan Dr. Gerhard Pisek (der sich als Mann der ersten Stunde an die Gründung der „Innsbruck Football Research Group“ erinnerte) und dem stellvertretenden Institutsleiter der Romanistik, Prof. Paul Danler (der seine Rede in den Sprachen sämtlicher Workshop-Teilnehmer hielt, von Französisch über Englisch, Italienisch, Spanisch bis hin zu Russisch) begann der Workshop mit einem Vortrag von Eva Lavric, die die Innsbrucker Forschungen seit der Gründung der Fußball-Forschungsgruppe 2006 zusammenfasste; danach fragte Erika Giorgianni aus Venedig, ob mulitilinguale und mulitikulturelle Fußballteams besser spielen als weitgehend einsprachige? Ihre Konklusio: „Ja, Vielfalt ist ein Plus, aber nur, wenn damit sensibel umgegangen wird, wenn es also einen Trainer gibt, der den Zusammenhalt im Multikulti-Team stiftet.“ Michaela Baur (Lambach/Wels) stellte die Ergebnisse ihrer Dissertation zu Fußball-Jugendakademien in Vereinen der englische Premier League vor: Außer der extremen Geheimhaltung, die alles umgibt, was mit Nachwuchsarbeit zu tun hat, hatten die vier von ihr untersuchten Klubs einen sehr unterschiedlichen Zugang zum Thema Sprache, von verpflichtendem intensivem Einzelunterricht bis hin zu nachlässigem „Laissez-faire“. Interessante Vergleiche ergaben sich zu dem von den Studierenden der Jugendakademie-Gruppe untersuchten FC Barcelona, der sicher zu den „Best practice“-Beispielen zählt.

Georg Spitaler – Politikwissenschaftler aus Wien und Ko-Autor des Buchs „Legionäre am Ball. Migration im österreichischen Fußball nach 1945“ – interpretierte die Situation der ausländischen Spieler als eine spezielle Form der Arbeitsmigration. Seine Oral-History-Interviews mit Stars der 50er-, 60er- und 70er-Jahre zeigten, dass Sprache auch damals schon ein Thema war und dass sich jene am besten durchsetzen konnten, die schon vor der Ankunft in Österreich Deutsch gelernt hatten. Den Beginn eines Sprachbewusstseins bei deutschsprachigen Klubs illustriert die Tatsache, dass Uwe Wiemann (Dortmund) ab 2003 für den besonders sprachsensiblen Verein Bayer 04 Leverkusen einen Sprachkurs speziell für Fußballer entwickelte. Er berichtete: „Deutsch für Ballkünstler ist zwar inzwischen ein Klassiker, aber noch immer gibt es viele Klubs, die meinen, irgendein Volkshochschulkurs oder das Arbeiten mit einem didaktisch unqualifizierten Deutsch-Coach würden auch genügen; wenn es um Sprache geht, werden selbst reiche Fußballklubs leider eher knauserig.“ Und das, obwohl es genug Beispiele gibt, wo  gelungene verbale Kommunikation zum entscheidenden Tor geführt oder ein drohendes Gegentor verhindert hat.

Aber nicht nur auf dem Fußballfeld können sprachliche Pannen passieren: Ein weiterer Vortragender – Roman Beljutin aus Smolensk – beschäftigte sich mit der Situation des Interviews bzw. der Pressekonferenz, wo mangelnde Sprachkenntnisse oft zu schlimmen „Ausrutschern“ führen. Der berühmteste dieser Sprüche ist natürlich Giovanni Trappatonis „Ich habe fertig“, das zum geflügelten Wort wurde und das auch zeigt, wie originelle Sprüche, selbst wenn sie nur unabsichtlich komisch sind, zur Popularität ihres Autors beitragen. Ja, Machteld Meulleman aus Reims zeigte sogar, wie einige ausländische Protagonisten des französischen Fußballs es ganz bewusst auf solche sprachliche Fehlpässe ankommen lassen und damit ein spezielles Image aufbauen. Einen vergleichbaren Vorfall kommentierte Jan Chovanec aus Brno: Zwei Fußball-Kommentatoren hatten nicht mitbekommen, dass das Mikro noch an war und besprachen in der Pause in breitester Umgangssprache und mit nicht ganz stubenreinen Ausdrücken gespickt das Match aus ihrer ganz persönlichen Perspektive. Das Vergnügen des Fernsehpublikums an der unerwarteten Rolle als „Lauscher an der Wand“ machte aus dieser Szene eine regelrechte Ikone.  

Auch die 45 Studierenden des Innsbrucker romanistischen Projektseminars „Mehrsprachigkeit im Fußball“ konnten ihre Ergebnisse zu dem Workshop beitragen – hatten sie doch ein Semester lang die vielfältigen Sprach- und Kommunikationsstrategien in mehrsprachigen Fußballteams erforscht, vom FC Altach über mehrere spanische Vereine bis hin zum österreichischen Nationalteam. Sie arbeiteten zu den Bereichen nonverbale Kommunikation (Gestik), Bayer 04 Leverkusen, Jugendakademien in Italien und Spanien, Vorarlberger Profi- und Amateur­mannschaften, Schiedsrichter, Trainer, FC Sans Papiers und Video/Film. Auf dem internationalen Workshop konnten sie sich nun mit den internationalen Forschern vernetzen; die WissenschaftlerInnen waren sehr beeindruckt von den Ergebnissen der Studierenden und von ihrer Professionalität bei der Präsentation der Ergebnisse wie bei der Organisation des Events.

Die zahlreichen Interviews mit Spielern von etlichen Clubs, aber auch mit Trainern, Managern und Schiedsrichtern in Österreich, Italien und Spanien hatten gezeigt, dass Sprache im Fußball vor allem während des Spiels eher minimalistisch eingesetzt wird. „Die Füße sprechen lauter als die Zunge“ (Titel einer der wenigen Publikationen zum Thema), wird immer wieder betont; schon das grundlegende Fußball-Vokabular in der Landessprache genügt, um – in Verbindung mit Gesten – im Spiel operational zu sein. Im Training allerdings, bei Strategiebesprechungen oder – wie bereits erwähnt – bei Kontakten mit der Presse, können mangelnde Sprachkenntnisse ein echtes Problem werden, ebenso wie im Privatleben vor und nach dem Match. Längerdienende Spieler mit derselben Muttersprache springen dann oft als Dolmetscher und Brückenbauer ein. Oder der Club engagiert für den neuen Spieler ein „Mädchen für alles“, das fürs Übersetzen, fürs Sprachenlernen, für Behördengänge etc. zuständig ist. Vor allem die Trainer können es sich nicht leisten, ihre Botschaft nicht „an den Mann zu bringen“. Sie arbeiten mit Dolmetschern (wie z.B. Otto Rehhagel, der 2004 den Europameistertitel mit der griechischen Nationalmannschaft auch dank seines genialen Übersetzers Ioannis Topalidis erreicht hat), sie setzen intensiv und gekonnt die Gestik ein und sie lernen selbst die Sprachen ihrer „Schützlinge“. Die Experten des Podiumsgesprächs (das von Vizerektor Prof. Dr. Bernhard Fügenschuh und Honorarkonsul Dr. Franz Pegger eingeleitet wurde) betonten aber, dass Trainer sehr oft der Sprachbarrieren im Team nicht wirklich ernst nehmen – wo z.B. der Konkurrenzdruck die sprachliche Hilfestellung und Kooperation konterkarieren kann – und dass im Bereich der Bewusstseinsbildung hier noch eine Menge zu tun bleibt. Die Forschungen der Workshop-Teilnehmer, der Innsbrucker Fußball-Forschungsgruppe und der Romanistik-Studierenden bleiben also sicher noch eine ganze Weile lang hochrelevant.

(Sponsoren des Events waren das Institut für Romanistik, die Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät, der Frankreich-Schwerpunkt mit dem Institut français d’Autriche, das Büro für Internationales, das Russland-Zentrum, das Land Vorarlberg, das Reisebüro TUI Tirol, die Brotbuben und Elektrotechnik SRS.)

(Eva Lavric)

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