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Finanz­pro­dukte: Warum wir Risi­ko falsch be­wer­ten

In einem groß angelegten Experiment hat ein Forscherteam mit Beteiligung der Uni Innsbruck erhoben, wie Laien und Finanzexperten das Risiko von Finanzprodukten wahrnehmen. Ein Fazit: Die Forscher fordern mehr Information bei Finanzprodukten. Die Studie erschien kürzlich im Fachjournal „Management Science“.

Abermillionen von Wertpapieren werden weltweit jede Sekunde gekauft und verkauft. Aber unter welchen Gesichtspunkten treffen Finanzexperten ihre Entscheidungen eigentlich, wie beraten sie ihre Kunden und wie nehmen sie Risiken wahr? Ein Team von Wirtschaftswissenschaftlern um Felix Holzmeister, Jürgen Huber und Michael Kirchler der Universität Innsbruck, der Freien Universität Amsterdam, der Universität Zürich und des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn hat das mit einem Umfrageexperiment mit Finanzexperten und Laien untersucht, die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachmagazin „Management Science“ publiziert. „Wir haben uns angesehen, welche Faktoren die Wahrnehmung finanzieller Risiken treibt. Das Ergebnis hat uns überrascht: Die Standardabweichung der Renditen, das in der Finanzwirtschaft weitaus gebräuchlichste Maß für finanzielles Risiko, beeinflusst weder die Risikowahrnehmung von Laien, noch von Experten. Stattdessen ist die Wahrscheinlichkeit, mit einem Investment Verluste zu erleiden, ein starker Indikator dafür, was sowohl Laien als auch Finanzexperten als riskant empfinden“, erläutert Felix Holzmeister, PhD vom Institut für Banken und Finanzen, einer der Ko-Autoren der Studie. 

Verlustwahrscheinlichkeit treibt Risiko

Die Forscher haben für ihr 2019 durchgeführtes Experiment mehr als mehr als 2.200 Finanzexperten und mehr als 4.500 Laien in insgesamt neun Ländern – Brasilien, China, Deutschland, Indien, Japan, Russland, Großbritannien, USA und Südafrika – online befragt. Die Ergebnisse sind robust. „Im Experiment haben wir den Teilnehmerinnen und Teilnehmern grafische Gewinn- bzw. Verlustverteilungen gezeigt, die sich systematisch in mehreren statistischen Parametern unterscheiden: In der Standardabweichung, also der Abweichung vom Mittelwert, der Schiefe und der Kurtosis, also dem Auftreten von extremeren, aber selteneren Gewinn- oder Verlustereignissen“, sagt Felix Holzmeister. Die Standardabweichung ist zwar das am häufigsten verwendete Maß zur Beschreibung finanzieller Risiken in Lehrbüchern, in der Finanzberatung und in den von Finanzregulatoren vorgeschriebenen Informationen bzgl. Finanzprodukten – Unterschiede in der Standardabweichung lösen allerdings keine systematischen Unterschiede in der Risikowahrnehmung aus, auch nicht für Finanzexperten. „Die Schiefe der Anlagenrenditen, also die Häufung von Gewinnen oder Verlusten, weist hingegen einen deutlichen Effekt auf. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das durch den Drang zu erklären ist, Verluste zu vermeiden – die Verlustwahrscheinlichkeit ist nämlich zu erheblichen Teilen durch die Schiefe bestimmt, wenn auch dieser Wert allein nichts über die zu erwartende Höhe möglicher Verluste aussagt.“

Eine Nährwerttabelle für Finanzprodukte

Die Studie zeigt, dass die Standardabweichung allein nicht als Angabe auszureichen scheint. Die Forscher plädieren deshalb, analog zur Lebensmittelbranche, wo Nährwerttabellen die genauen Inhaltsstoffe auflisten, für umfassende „Risikotabellen“ bei Wertpapieren. „Stellen Sie sich vor, auf Lebensmitteln stünden plötzlich nur noch Kalorienangaben, keine weiteren Informationen. Ungefähr so wird derzeit über Finanzprodukte informiert“, erläutert Felix Holzmeister. Diese „Risikotabelle“ für Finanzprodukte soll laut Forderung der Ökonomen neben der Standardabweichung der Renditen auch andere Risikomaße, vor allem die mit einem Produkt verbundenen Verlustwahrscheinlichkeit, beinhalten. Finanzberater informieren Kunden oft über das mit Anlagemöglichkeiten verbundene Risiko, indem sie sich auf die Volatilität, die Standardabweichung, der Renditen beziehen, und viele Finanzinstitute erheben die Risikobereitschaft ihrer Kunden mit volatilitätsbezogenen Fragebögen. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das bisher übliche Maß für das Risiko in der Finanzierung – die Renditevolatilität – nicht erfasst, was Menschen tatsächlich als riskant empfinden. Diese Diskrepanz zwischen der konventionellen Definition von Risiko und der tatsächlichen Wahrnehmung von Risiko unter Laien ist potenziell schädlich. Mehr Informationen, wie in Form einer ‚Risikotabelle‘, könnten hier helfen.“

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