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Die Klagen der Bauern im Callejón de Huaylas

In den peruanischen Anden hadern Kleinbauern mit dem Wetter, verändernde Niederschlagsmuster erschweren demnach den traditionellen Anbau. Gemeinsam mit Hamburger Sozialgeographen haben Innsbrucker Meteorologen diese subjektiven Beobachtungen mit Daten von Wetterstationen verglichen und kommen zu einem überraschenden Ergebnis.

Die erste Überraschung war für Wolfgang Gurgiser, Mitarbeiter im Forschungsschwerpunkt Alpiner Raum – Mensch und Umwelt, dass die Bauern im Untersuchungsgebiet, einem Seitental des Callejón de Huaylas, das von den Gletschern der Cordillera Blanca herabfließende Wasser gar nicht in der Landwirtschaft nutzen. Ausgeschwemmte Schwermetalle und ein niedriger pH-Wert machen es dafür unbrauchbar. Diese Information verdankte er den Projektpartnern um die Sozialgeographinnen Martina Neuburger und Katrin Singer von der Universität Hamburg. In einem von FWF und DFG gemeinsam geförderten Projekt zur Wasserverfügbarkeit und Wassernutzung waren sie für die Untersuchung der Nutzungsmuster verschiedener Bewohnergruppen in diesem peruanischen Hochtal zuständig. „Die interdisziplinäre Zusammenarbeit hat uns hier die Augen geöffnet und die Richtung für die weitere Forschung vorgegeben“, erzählt Gurgiser. Gemeinsam verglichen die Wissenschaftler die Niederschlagsmuster in der Region um die Stadt Huaraz mit den Berichten der Kleinbauern. Diese erzählen von immer schwierigeren Produktionsbedingungen für Kartoffeln, Ocas, Mais und Weizen. So beklagen sie das Ausbleiben des alljährlichen Puspa, des ersten Nieselregens nach dem Ende der Trockenzeit, sowie die Veränderung der saisonalen Niederschlagsmuster. Die Schuld dafür geben sie dem Klimawandel.

Durch Messdaten nicht bestätigt

Mit naturwissenschaftlichen Methoden lässt sich diese Wahrnehmung überraschender Weise aber nicht belegen. Denn die von den Innsbrucker Forschern erhobenen Niederschlagsmuster schwanken zwar von Jahr zu Jahr sehr stark, über die Jahrzehnte zeichnet sich aber kein langfristiger Trend ab. Als Grundlage für die Erhebung dienten Wolfgang Gurgiser Messdaten von zwei in der Nähe liegenden Wetterstationen, die er in agrarwissenschaftlichen Kategorien zusammenfasste. So konnte der Nachwuchsforscher die Niederschlagsmuster in der Region über fast fünf Jahrzehnte hinweg nachzeichnen und zwischen trockenen und feuchten Perioden oder Starkregen Schneefall unterscheiden. „Es war wichtig, die Niederschlagsdaten in Kategorien zu übersetzen, die der menschlichen Wahrnehmung nahekommen. Nur so lassen sie sich mit den Erzählungen der Bauern vor Ort vergleichen.“
Warum unterscheiden sich aber die Wahrnehmungen der Bauern und die Beobachtungen der Naturwissenschaftler so grundlegend: Während die Klimaforscher keine generelle Verschiebung der Niederschlagsmuster feststellen konnten, zeigen die Daten eine hohe Variabilität der jährlichen Niederschlagsmuster, was die Bedingungen für die vom Regen abhängige Landwirtschaft generell erschwert. Weil nur tägliche Niederschlagsmengen erfasst wurden, konnten Gurgiser und seine Kollegen keine Aussagen über sehr geringe, jedoch für den Anbau möglicherweise wichtige Niederschlagsereignisse treffen. Die Forscher betonen deshalb, dass für detailliertere Aussagen Messdaten mit einer höheren räumlichen und zeitlichen Auflösung wünschenswert wären.

Gemeinsame Sprache finden

„Komplexe Fragestellungen wie der Zusammenhang zwischen Veränderungen des Klimas und den Produktionsbedingungen der Landwirtschaft bedürfen eines sehr breiten Forschungsansatzes“, fasst der Leiter der Forschungsgruppe, Georg Kaser, zusammen. „Neben dem Niederschlag gibt es eine Vielzahl von weiteren Faktoren, sowohl Umweltfaktoren als auch soziopolitische Veränderungen, die Einfluss auf die traditionelle Landwirtschaft haben. Unsere Studie zeigt, dass der Niederschlag allein nicht als Erklärung für die Schwierigkeiten der Bauern ausreicht.“ Das gemeinsame, interdisziplinäre Forschungsprojekt ist ein erster Schritt in diese Richtung und stellt eine Pionierarbeit dar. Auch wenn sich die Zusammenarbeit oft schwierig darstellt, weil zum Beispiel zunächst eine gemeinsame Sprache und Arbeitsweise zwischen den Disziplinen gefunden werden muss, wollen die Innsbrucker Forscher diesen Weg auch in Zukunft weitergehen. „So sind etwa auch ähnliche Untersuchungen in Tirol denkbar und vielversprechend, denn auch hier werden Veränderungen von der Bevölkerung sensibel wahrgenommen und gleichzeitig ist die Verfügbarkeit von meteorologischen Daten viel besser als in den Anden“, sagt Georg Kaser abschließend.   

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