Skifahrer auf der Piste.

Bindungs­ängste auf der Piste

Verletzungen am Knie sind beim Skisport leider nichts Ungewöhnliches. Dass sie bei Frauen aber deutlich öfter vorkommen als bei Männern, dem will ein Innsbrucker Sportwissenschaftler nun beikommen. Laien unterschätzen oft die Rolle von Skibindungen bei der Sicherheit im Skisport: Sie müssen bei Unfällen im richtigen Moment auslösen.

Unberührte Pisten, der Himmel wolkenlos, die Sonne wärmt das Gesicht: Nicht nur für Wolfgang Ambros ist es das „Leiwandste“, auch für Millionen Touristinnen und Touristen ist Skifahren das Ziel, wenn sie im Winter in Österreich ihren Urlaub verbringen. Dass der Skisport auch Gefahren birgt, ist nicht erst seit der regelmäßigen Diskussion über eine allgemeine Helmpflicht auf Pisten bekannt. Mit einer auf den ersten Blick ungewöhnlichen Verletzungsquelle setzt sich der Sportwissenschaftler Markus Posch, MSc, in seiner Dissertation auseinander: Mit Skibindungen. „Mich interessieren hier vor allem die geschlechtsspezifischen Aspekte. Skibindungen müssen bei ausreichender Krafteinwirkung selbst auslösen, um weitere Verletzungen, besonders am Kniegelenk, zu verhindern. Gerade bei Frauen lösen sich Bindungen allerdings nachweisbar seltener und führen so auch häufiger zu Knieverletzungen“, erklärt er.

Skibindungen

Ski-Fachhändler stellen Skibindungen individuell für die Person ein, die die Skier benutzen wird. Nach welchen Kriterien sie das machen, ist in einer ISO-Norm festgelegt: Neben dem selbsteingeschätzten Skikönnen spielen vor allem Größe und Gewicht des Skifahrers und die Länge der Skischuhsohle eine Rolle. Entsprechend der Norm wird anhand dieser Angaben der sogenannte Z-Wert definiert: Dieser Wert legt fest, wann die Bindung selbstständig auslösen muss und beschreibt eine Drehmoment-Größe, die auf das Schienbein wirkt. Wird dieser – ebenfalls individuell unterschiedliche und von den oben genannten Faktoren abhängige – Wert überschritten, sollte die Bindung auslösen, um Verletzungen am Bein und besonders am Kniegelenk zu verhindern. Das Geschlecht wird bei diesen Einstellungen allerdings nicht berücksichtigt: Jede zweite Frau, die von der Pistenrettung abtransportiert wird, hat eine Knieverletzung, bei Männern nur rund ein Viertel. „Im alpinen Skilauf erleiden Frauen doppelt so häufig Knieverletzungen wie Männer. Dass das mit Skibindungen zusammenhängt, wissen wir auch aus Befragungen: 80 Prozent der befragten Frauen mit einer Knieverletzung geben an, dass sich ihre Bindung zum Zeitpunkt des Sturzes nicht gelöst hat, bei den Männern sind es nur rund 60 Prozent“, sagt der Sportwissenschaftler. Warum Bindungen bei Frauen weniger häufig auslösen als bei Männern, liegt möglicherweise neben vielen geschlechtsspezifischen Unterschieden an zu hoch eingestellten Auslösemomenten der Skibindungen. „Fakt ist, dass entsprechend der ISO-Norm eine Frau und ein Mann mit vergleichbarem Skikönnen, Alter, Größe und Gewicht dieselben Bindungseinstellungen erhalten“, sagt der Sportwissenschaftler.

In seinem Dissertationsprojekt, das nun auch vom Tiroler Wissenschaftsfonds (TWF) gefördert wird, untersucht Markus Posch diese Unterschiede genauer: „Wir sehen uns das im Labor mit unverletzten Versuchspersonen an. Auf einer Kraftmessplatte werden Ski mit der individuell nach ISO-Norm eingestellten Bindung montiert und Versuchspersonen, in diesem Fall Frauen, müssen mit ihren Skiern versuchen, ihre Bindung am Vorderbaken selbst auszulösen, indem sie ihr Bein nach innen drehen.“ So erhält der Forscher Daten darüber, wie häufig die Versuchsperson in der Lage ist, die Bindung selbst auszulösen und er sieht auch, wie nah am Auslösen eine Bindung war, die geschlossen bleibt. „Wir haben die Versuche auch mit Männern durchgeführt und selbst da zeigt sich, dass bei Bindungen, die nicht auslösen, Männer deutlich näher am Grenzwert waren als Frauen. Anders gesagt: Obwohl die Bindungen für die jeweilige Person eingestellt waren, haben Männer durch Krafteinwirkung ihre Bindungsauslösemomente näher an den individuell eingestellten Z-Wert gebracht als Frauen – ein Punkt, der im Ernstfall entscheidend ist.“

Bessere Einstellungen

Die betreffende ISO-Norm sieht übrigens Toleranzgrenzen von 15 Prozent vor, die auf Nachfrage auch schon jetzt eingestellt werden – die Bindungen könnten also schon jetzt um 15 Prozent sensibler eingestellt werden, ohne die Norm-Vorgaben zu verletzen. „Meine aktuelle Forschung geht nun genau in diese Richtung: Ich schaue mir unter kontrollierten Labor-Bedingungen an, welche Auswirkungen eine um 15 Prozent sensibler eingestellte Skibindung bei weiblichen Probanden hat. Dass eine geringfügig leichter eingestellte Bindung zu mehr Fehl-Auslösungen führt, wie manche befürchten, glauben wir nicht. Die Bindung soll wirklich nur im Notfall öffnen, dafür dann aber verlässlich“, sagt Markus Posch.

Selbstauslösetests mit Skibindungen haben Forscher bereits vor mehreren Jahren direkt auf der Piste durchgeführt. Generell zeigten diese Studien, dass Personen, die täglich einen Selbstauslösetest der Skibindung durchgeführt haben, ein geringeres Verletzungsrisiko der Beine aufwiesen. „Meine Tests im Labor werden alle nach den gleichen Bedingungen durchgeführt, um Einflüsse von außen und zufällige Ergebnisse auszuschließen“, sagt der Sportwissenschaftler. Die von den Versuchspersonen beim Selbstauslösetest auf der Kraftmessplatte erzielten Werte vergleicht der Forscher mit denen des Bindungseinstellungsgeräts der Sportfachhändler. Sollte sich herausstellen, dass Frauen in der Lage sind, eine um 15 Prozent reduzierte Bindung häufiger selbst auszulösen, ohne neue Probleme zu verursachen – etwa Skibindungen, die sich zu früh oder im falschen Moment während des Skifahrens lösen –, kann dieses Ergebnis auch sofort in der Praxis umgesetzt werden. Und damit vielleicht sogar Verletzungen verhindern – oder deren Zahl zumindest verringern.

Dieser Artikel ist in der Februar-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).


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