Migrationserfahrungen haben das Potenzial, wie ein Konjunkturprogramm in Bildungsfragen zu wirken.

Bildung beginnt mit Vielfalt

Vielfalt mobilisiert – und zwar vor allem im Kopf. Davon ist Dr. Marc Hill vom Institut für Erziehungswissenschaft überzeugt. Der Bildungswissenschaftler beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Migration und sieht in mobilitätsbedingter Vielfalt gerade für den Bildungsbereich großes, oftmals verkanntes Potenzial.

Migration und Bildung sind ein Begriffspaar, bei dem in der medialen Berichterstattung das Wort „Problem“ meist nicht lange auf sich warten lässt. Welche Perspektive nehmen Sie als Bildungswissenschaftler hier ein?

Marc Hill: Ich versuche mit meiner Arbeit dazu beizutragen, von dem Paradigma eines angeblichen Problems wegzukommen und plädiere hier für einen Perspektivenwechsel. Im deutschsprachigen Bildungssystem wird speziell rund um Migrantinnen und Migranten der zweiten Generation eine Art Risikogruppe konstruiert: Häufig, so wird im öffentlichen Diskurs unterstellt, in bildungsfernen Familien aufgewachsen und in marginalisierten Stadtteilen wohnend bräuchten sie eine spezielle Behandlung in Form von separaten Deutschkursen zum Beispiel. Dann verpassen die Schülerinnen und Schüler allerdings anderen Unterrichtsstoff und bereits hier beginnt unter Umständen die Exklusion von erfolgreichen Bildungskarrieren. Was hier meiner Meinung nach oft zu wenig gesehen wird, ist die Tatsache, dass gerade jene jungen Menschen, die Migrationserfahrungen gemacht haben, viele wertvolle Kompetenzen mitbringen. Schulen sollten nicht fragen: „Was können die Kinder nicht?“, sondern sie sollten fragen: „Was können sie und wie kann das gesamte Schulsystem davon profitieren?“

Welche Kompetenzen werden Ihrer Erkenntnis nach in schulischen Kontexten nicht ausreichend gefördert?

Hill: Wir als Ein- und Auswanderungsgesellschaft brauchen eine stärkere Anerkennungspraxis mobilitätsbedingter Vielfalt. Gerade im urbanen Bereich wird das schnell deutlich: Städte sind Orte der Vielfalt, sie funktionierten nur deshalb, weil hier verschiedenste Menschen und Biografien aufeinandertreffen. Die Vielfalt soll dann aber häufig vor den „institutionellen Türen“ wie etwa in den Schulen zu Ende sein. Dass das letztlich mehr als schade ist, wird schnell klar, wenn man sich die Biographien junger Menschen mit einer mehrheimischen Familiengeschichte – wie ich das gerne nenne – ansieht. Ich habe zahlreiche Interviews mit Schülerinnen und Schülern aus Migrationsfamilien geführt, die in Österreich in marginalisierten Stadtvierteln zur Schule gehen. Und es ist nicht nur das meiner Meinung nach viel zu oft fälschlich für einen Nachteil gehaltene Hin- und Herspringen zwischen den Sprachen, sondern auch andere Kompetenzen, die in Bildungszusammenhängen wertvolle Impulse liefern könnten, aber bisher nur am Rande zur Kenntnis genommen werden. Migrantinnen und Migranten haben „Auslandserfahrung“ im besten Sinne: Mit ihren transnationalen Biographien haben sie familiäre und berufliche Netzwerke über Landesgrenzen hinaus. Außerdem verfügen gerade junge Menschen über ein ausgeprägtes Diversitätsbewusstsein, da sie sich schon früh mit Fragen von Religionsfreiheit befassen oder mit einem Leben in marginalisierten Stadtteilen arrangieren. Da die Unterstützung von institutioneller Seite häufig eher gering ist, müssen sich die Kinder und Jugendlichen selbst aus ihrer Marginalisierung befreien. Dann wird Selbstorganisation zu einem wichtigen Thema und Bildung zum Familienprojekt. Erfolgreiche Bildungsarbeit beginnt dort, wo Kinder und Jugendliche in ihren eigenen Anstrengungen Unterstützungen finden und Kompetenzen honoriert werden.

Vorteile (an-)erkennen

Welches Verständnis von Bildung liegt Ihren Untersuchungen zu Grunde?

Hill: Bildung beginnt immer dort, wo die gewohnten Pfade des Alltags verlassen werden. Lernen hat viel mit Experimentieren zu tun: Werden Alltagsroutinen durchbrochen, setzt ein reflexiver Prozess über neue Situationen ein, der im wahrsten Sinne des Wortes neues Denken und Wissen bildet. Die geschilderten Migrationserfahrungen der Menschen, die aus verschiedensten Gründen nach Österreich kommen, sind in diesem Verständnis Bildungserfahrungen par excellence. Denn die Erfahrungswerte von Jugendlichen und Kindern aus Migrationsfamilien sind geprägt von einem Verlassen der gewohnten Pfade und können somit als Antriebsfeder für eine urbane Bildungspraxis gesehen werden und in Bildungsfragen zu einer „Ideen-Konjunktur“ führen. Gerade in einer globalisierten Welt eröffnet eine Einbindung dieser migrationsbedingten Bildungserfahrungen wertvolle Lernpotenziale, die leider oftmals ignoriert werden.

Wie könnte dieser Situation auf institutioneller oder individueller Ebene begegnet werden?

Hill: Wenn es in einem Bildungssystem de facto mehr um Bildung und weniger um Selektion nach Herkunft, Geschlecht, Ressourcen und Status der Eltern geht, dann sind es genau diese vielfältigen Lebenswelten, die in Schulen als Bildungsgrundlage angesehen werden sollten und in verschiedenste Aktivitäten innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers einfließen könnten. Warum sieht man eine Schule mit vielen Migrantinnen und Migranten eher als Problemschule – und nicht als eine „International School“? Hier könnte allein schon durch begriffliche Umdeutungen ein innovativer Perspektivenwechsel eingeleitet werden. Es geht hier auch nicht um eine Kritik an Lehrerinnen und Lehrern. Meine jahrelange Forschungsarbeit hat immer wieder gezeigt, dass Lehrkräfte häufig ähnlich argumentieren. Problematisch sind meines Wissens eher die strukturkonservativen Systeme im Bildungsbereich, die zu wenig Raum für ein kontextspezifisches Reagieren der Schulen auf ihre Umwelt zulassen.

Stichwort Flüchtlingskrise: Wie lautet Ihre Einschätzung angesichts der Ereignisse der letzten Jahre und Monate im Hinblick auf den Bildungsbereich?

Hill: Aufgrund der so genannten Flüchtlingskrise sind Themen wie Integration in Zusammenhang mit Bildungsfragen wieder verstärkt aufgeflammt. Ich habe den Eindruck, dass die Ankunft geflüchteter Menschen in erster Linie Verunsicherung auslöst; und Verunsicherung führt dann häufig zu einer Fehlinterpretationen in Richtung des Hervorhebens von Defiziten gerade junger Menschen, die im schulischen Kontext dann besonders frustriert werden.
Dass es eine Herausforderung ist, will ich auch gar nicht bestreiten. Aber vielleicht kann die aktuelle Situation auch zum Anlass genommen werden, um Schule gerade im städtischen Umfeld neu zu denken. Hin zu einer Situation, in der in Schulen die Vielfalt von Lebenswelten von allen Schülerinnen und Schülern als Normalität wahrgenommen wird. Denn eines ist mir wirklich wichtig zu betonen: Vielfalt ist keine Abweichung von der Normalität, denn Migration ist eine menschliche Konstante.

Das Interview führte Melanie Bartos.
Der Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins „wissenswert“ erschienen. 

Zur Person:

Marc Hill studierte Pädagogik mit den Nebenfächern Psychologie und Soziologie an der Universität zu Köln und promovierte an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seit 2014 ist er im Lehr- und Forschungsbereich „Migration und Bildung“ am Institut für Erziehungswissenschaft tätig und Teil des Forschungszentrums „Migration und Globalisierung“ der Uni Innsbruck. In seinem 2016 erschienenen Buch „Nach der Parallelgesellschaft. Neue Perspektiven auf Stadt und Migration“ wirft er einen Blick auf verschiedenste Aspekte und Vorteile einer vielfältigen Gesellschaft.


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