Gratlspitz

Aus­flug in vor­geschicht­liche Berg­werke

Urgeschichtliche Bergwerke und Hüttenplätze der Kupfergewinnung im Tiroler Unterinntal sind das Forschungsgebiet von Gert Goldenberg, Markus Staudt und Caroline Grutsch mit ihrem Team vom Institut für Archäologien. Aus dem im Schwazer Dolomit vorkommenden Fahlerz wurde schon früh Kupfer gewonnen. Das vom FWF geförderte D-A-CH-Projekt ist am Forschungszentrum HiMAT angesiedelt.

Die Zeitreise in die Bronzezeit beginnt im Tiroler Unterland nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche und einfache Spazierwege und manche Klettersteige führen direkt in die Urgeschichte des Landes. Bereits in der Jungsteinzeit um 4000 v. Chr. und in größerem Rahmen ab der späten Bronze- bis in die frühe Eisenzeit vom 12. bis in das 8. Jahrhundert v. Chr. wurde im Tiroler Unterinntal bereits Kupfer gewonnen. Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes zur prähistorischen Kupferproduktion in den Ost- und Zentralalpen finden seit 2015 intensive Feldforschungen im Bergbaurevier Schwaz-Brixlegg statt. „In diesem Gebiet gibt es noch viele gut erhaltene prähistorische Gruben die heute noch mehr oder weniger so dastehen wie in der Bronzezeit. Wir haben besonderes Glück, dass viele dieser Gruben noch nicht verbrochen und die Erhaltungsbedingungen so ideal sind“, freut sich Markus Staudt. „Im Fokus der Forschungen stehen die technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen dieser Zeit, die Untersuchung unterschiedlicher Schritte in der Produktionskette, die damalige Infrastruktur im Bergbaurevier sowie die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bergleutegesellschaft“, erläutert Gert Goldenberg. Durchgehende Bergbauaktivitäten im Tiroler Unterland sind mittlerweile zwischen 1200 und 700 v. Chr. belegt. „Dies ist überraschend, da es bisher aus der Spätphase (9. und 8. Jh. v. Chr.) nur spärliche archäologische Befunde in Tirol gibt“, führt Markus Staudt aus. Die zentrale Lage Innsbrucks im Alpenraum und die Expertise der Forscherinnen und Forscher vor Ort machen das Institut für Archäologien zu einem Zentrum, in dem Forschungen zur prähistorischen Kupferproduktion im gesamten Alpenraum international diskutiert und vernetzt werden. Zudem sollen Herkunftsstudien an Metallartefakten zur Rekonstruktion von Rohstoffquellen und Handelswegen durchgeführt werden. So kann die Bedeutung des alpinen Kupfers für den europäischen Metallmarkt in der Vorgeschichte aufgezeigt werden.

 

Die Bauernzeche bei St. Gertraudi am Großkogel. Die feuergesetzten Gruben sind hier gut zu erkennen. (Bild: Institut für Archäologien)

Glänzende Funde

Die ersten Waffen, Geräte und teilweise Schmuck wurden bereits seit der Jungsteinzeit aus Kupfer und später aus Bronze, einer Kupfer-Zinn Legierung, gefertigt. Das Metall wurde aus dem kupferhaltigen Fahlerz des Schwazer Dolomits gewonnen, das später im Mittelalter und in der frühen Neuzeit aufgrund des Silbergehaltes erneut intensiv abgebaut wurde. Vom Silbergehalt der Erze hatten die Experten der Urgeschichte allerdings noch nichts gewusst. „Noch arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler europaweit an der Rekonstruktion der urgeschichtlichen Technologie zur Kupfergewinnung. Theoretisch weiß man schon gut Bescheid, nur ist die praktische Umsetzung auf alte Art und Weise noch nicht zufriedenstellend geglückt“, erläutert Staudt. Hierzu führt das Team auch regelmäßig Verhüttungsexperimente durch und orientiert sich dabei an archäologischen Befunden und ethnoarchäologischen Vergleichen. Markus Staudt unterstreicht, dass bei den Grabungskampagnen eine beachtliche Menge an urgeschichtlichen Artefakten geborgen werden konnte. Einer der spannendsten Plätze für das Grabungsteam ist, neben anderen spektakulären Fundstellen, die Bauernzeche bei St. Gertraudi am Großkogel. In einem durch den Bergbau entstandenen Krater mit einem Durchmesser von bis zu 50 Metern konnte das Team in einer feuergesetzten Grube neben einer Feuerstelle auch in der dazugehörenden Kulturschicht 2278 Stück Keramik mit einem Gesamtgewicht von 32 Kilogramm, dazu noch große Mengen an Tierknochen (Speiseabfälle) und Steingeräte freilegen. „Dieser Platz gehört zu den absoluten Highlights unserer Forschungen und hat in der frühen Eisenzeit offensichtlich als Unterkunft für Knappen gedient“, freuen sich die Wissenschaftler. Anhand naturwissenschaftlicher Untersuchungen von Tierknochen und Schichtproben können Aussagen über den Speiseplan der prähistorischen Bergleute erwartet werden.

Beim spätbronzezeitlichen Verhüttungsplatz in Rotholz wurde eine Ofenbatterie, bestehend aus vier Öfen mit zugehörigem mehrphasigem Röstbett, dokumentiert. Zusätzlich konnten die Archäologinnen und Archäologen unterschiedliche Strukturen wie Gruben und rinnenartige Waschkonstruktionen mit Holzeinfassung freilegen, die für den Zweck einer Schlackensandaufbereitung mit nassmechanischer Anreicherung von kupferhaltigen Einschlüssen zur Optimierung der Kupferausbeute gedient haben.

Auf Entdeckungstour durch eine prähistorische Kupfermine am Kleinkogel in Tirol.
(d_brandner)

Innovativ

Die Menschen in der Bronzezeit hatten eine Technik entwickelt, mit der sie den Fels ohne Dynamit und moderne Techniken sprengen konnten. Das sogenannte Feuersetzen hinterließ noch heute sichtbare typisch kuppelartige Hohlräume im Berg, die auch in der Bauernzeche zu sehen sind. „In der Urgeschichte hat man hier nicht mit Schlägel und Eisen den Vortrieb bewerkstelligt, sondern der Berg wurde mit der Hilfe von Feuer ausgehöhlt. Die große Hitze eines Holzfeuers machte das dolomitische Gestein spröde und ließ es abplatzen“, erklären die Experten. Diese Vorgehensweise stellt sich für die Forscherinnen und Forscher als Glück heraus, da noch heute große Mengen an verkohltem Holz aus der Betriebszeit erhalten sind. Mit den modernen Analysemethoden der Dendrochronologie ist eine sehr genaue Datierung anhand von Jahrringvermessungen möglich. Kurt Nicolussi und Thomas Pichler vom Institut für Geographie führen diese Untersuchungen durch. „Wir können heute beispielsweise sagen, dass ein Baum, der damals zum Feuersetzen verwendet wurde, im Jahr 707 v.Chr. gefällt wurde“, so Staudt, der weiters erklärt, dass mit einer 14C-Analyse die Aussagen weniger genau seien. „Wir arbeiten hier fächerübergreifend mit innovativen Methoden. Neben der dendrochronologischen Datierung werden in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsbereich Vermessung und Geoinformation (Klaus Hanke, Gerald Hiebel) auch spezielle 3D-Modellierungen durchgeführt und sogenannte LIDAR-Scans ausgewertet. „Damit ist die Forschung auf aktuellstem Stand der Technik“, führt Goldenberg aus. Von den Gruben werden digitale Pläne und in manchen Fällen 3D-Modelle mittels SFM-Technologie (Structure from Motion) erstellt. Anhand dieser Pläne können die Kubatur von Hohlräumen berechnet und Abbaumengen abgeschätzt sowie Grubenprofile erstellt werden.

Urgeschichtliche „Industrie-Landschaft“

Das Gebiet rund um Schwaz und Brixlegg war laut den Archäologen während der späten Bronzezeit und frühen Eisenzeit ein regelrechtes „Industriegebiet“ und sie sprechen davon, dass die Bergleute damals absolute Experten des Erzabbaus und der Verhüttung gewesen sein mussten. „Das Bergbaugebiet im Tiroler Unterland war auch über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Wahrscheinlich sind auch Menschen extra aus dem bayrischen Alpenvorland gekommen, um hier zu arbeiten“, verdeutlicht Staudt, der sich auch mit Gräberfeldern aus dieser Zeit beschäftigt. Diese seien zwar zu Beginn der späten Bronzezeit stark angewachsen, die Anzahl der Bestatteten geht dann aber ab Mitte des 10. Jahrhunderts v.Chr. recht plötzlich wieder zurück. „Die bisher verbreitete Meinung, dass mit dem Zugrundegehen des Bergbaus auch die Menschen wieder weggezogen sind, konnten wir nicht bestätigen. Im Gegenteil ist es interessant, dass wir genau aus dieser Zeit immer mehr Indizien finden, die einen auch weiterhin regen Bergbau belegen“, so der Archäologe. Zu einem professionellen Abbau in dieser Größenordnung gehörte auch ein perfekt funktionierendes Umfeld. Ein frühes Forstmanagement, um die riesigen Mengen an Holz zum Feuersetzen und zur Verhüttung bereitzustellen, eine ausgeklügelte Logistik, eine funktionierende Infrastruktur und die Versorgung der Berg- und Hüttenleute erforderte einiges an Planung und Geschick. Das Erz wurde hierzulande aber nicht nur abgebaut und verhüttet. Interessant ist auch die chronologische und räumliche Verbreitung des produzierten Metalls. „Man kann aufgrund geochemischer Analysen untersuchen, woher das Erz kommt, aus dem das Kupfer der bei Ausgrabungen gefundenen Artefakte hergestellt wurde. Im Idealfall lässt sich feststellen, dass z. B. ein Kupfer- oder auch Bronzebeil aus Inntaler Fahlerzkupfer hergestellt wurde“, erläutert Caroline Grutsch ihren Forschungsschwerpunkt. Anhand dieser Ergebnisse bekommen die Archäologinnen und Archäologen eine Vorstellung über Handelsrouten sowie die überregionale Bedeutung des Nordtiroler Kupfers. „Die wirtschaftliche Stellung des Unterinntals in der späten Bronzezeit war sehr prominent. Von hier aus wurden große Teile Mitteleuropas mit Kupfer versorgt“, so Goldenberg, der auch verdeutlicht „die Alpenkette war damals keine unüberwindbare Grenze zwischen Mitteleuropa und den südlichen Ländern. Im Gegenteil war und ist der Brenner mit Innsbruck und dem Inntal ein Knotenpunkt, eine Drehscheibe, wo sich die Ost-West- sowie die Nord-Süd-Achse überschneiden und es zum intensiven Austausch der Kulturen schon damals gekommen ist und noch heute kommt.“

Die typische Form einer feuergesetzten Grube im Inneren des Bergbaugebietes. (Bild: Institut für Archäologien)

Das D-A-CH-Team Innsbruck und das FZ HiMAT

Die vom FWF geförderten Forschungen mit internationalen Partnern (Deutsches Bergbaumuseum Bochum, CEZ Archäometrie Mannheim, Universität Zürich, Archäologischer Dienst Graubünden) werden am Institut für Archäologien unter der Projektleitung von Gert Goldenberg durchgeführt. Markus Staudt und Caroline Grutsch beschäftigen sich im Rahmen ihrer Dissertationen mit den archäologischen Befunden und Funden (M. Staudt) sowie mit Metallartefakten (Kupfer, Bronze) und deren chronologischer und räumlicher Verbreitung (C. Grutsch). Im Rahmen von Masterarbeiten bearbeiten Manuel Scherer-Windisch das Thema „Feuersetzen“ und Roman Lamprecht die bei den Grabungen geborgenen Steinartefakte. Auf interdisziplinärer Ebene wird mit den Innsbrucker Universitätsinstituten für Geographie (Kurt Nicolussi, Thomas Pichler), Mineralogie und Petrographie (Peter Tropper, Thomas Angerer), Botanik (Klaus Oeggl), Geologie (Christoph Spötl) und mit dem Arbeitsbereich Vermessung und Geoinformation (Klaus Hanke, Gerald Hiebel) zusammengearbeitet sowie mit den Instituten für Geschichte (Georg Neuhauser) und Sprachwissenschaften (Peter Anreiter).

 

Das D-A-CH-Team Innsbruck 2015/16. Von links: Gert Goldenberg, Markus Staudt, Caroline Grutsch, Manuel Scherer-Windisch und Roman Lamprecht. (Bild: Institut für Archäologien)



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