Markthalle Innsbruck

Archi­tekto­nischer Spagat

Wilhelm Stigler zählt zu den bedeu­tendsten Tiroler Architekten des 20. Jahrhunderts und trotzdem ist sein Lebenswerk nahezu in Vergessen­heit geraten. Juliane Mayer hat im Rahmen ihrer Dissertation den umfangreichen Nachlass des Architekten bearbeitet und ihre Forschungsergebnisse als zweibändige Publikation und in einer Ausstellung im Archiv für Baukunst präsentiert.

Die Markthalle in Innsbruck, die Villa Pischl auf der Hungerburg oder das Stiegenhaus in einem Wohnhaus in der Erzherzog-Eugen-Straße im Saggen sind nur ein paar Beispiele aus dem über 900 Entwürfe umfassenden Lebenswerk von Wilhelm „Willi“ Stigler sen. (1903 – 1976). Der aus Oberösterreich stammende Architekt kam im Kindesalter nach Innsbruck und entschied sich später für den damals eher ungewöhnlichen Weg eines Architekturstudiums an der TH München. Wie auch bei Franz Baumann oder Siegfried Mazagg war Willi Stiglers Hauptschaffensphase die Zwischenkriegszeit in Tirol. Für die Architekten der Tiroler Moderne waren vor allem die international bekannten Architekten Lois Welzenbacher oder Clemens Holzmeister Lehrer und Vorbilder. „Als eine junge Generation von Architekten standen sie vor der Herausforderung, neue, moderne architektonische Strömungen und traditionelle Elemente zu verbinden“, erläutert Juliane Mayer, selbst Architektin und Kunsthistorikerin.

Stiegenhaus
Das von Stigler geplante Stiegenhaus in einem Wohnhaus in der Erzherzog-Eugen-Straße. Bild: Forschungsinstitut Archiv für Baukunst Universität Innsbruck

Tiroler Moderne

Willi Stiglers Schwerpunkt lag auf den Entwürfen und dem Bau von Ein- und Mehrfamilien-Wohnhäusern. „Seine bahnbrechenden und prämierten Entwürfe der 30er Jahre, wie die Theresienkirche auf der Hungerburg oder die Wagnersche Universitätsbuchdruckerei wurden nicht verwirklicht. Damit wäre er in Innsbruck und Tirol bekannt geworden“, verdeutlicht Mayer. Viele der von Stigler erbauten Häuser befinden sich noch heute in Privatbesitz und sind für die breitere Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten. Dabei sind die Wohnhäuser, wie beispielsweise die noch heute fast unveränderte Villa Pischl auf der Hungerburg, architektonische Meisterleistungen. „Stigler hat sich besonders mit der Topographie, der Landschaft und dem alpinen Umfeld beschäftigt, um seine Bauten perfekt in die Umgebung einzupassen“, erläutert die Wissenschaftlerin, die für ihre Forschungen einige der noch bestehenden Häuser direkt vor Ort studiert hat. Willi Stigler ist nicht nur äußerst sensibel auf die Umgebung eingegangen, sondern hat sich auch mit der regionalen Baukultur intensiv auseinandergesetzt. „Stigler war viel unterwegs und hat Höfe und andere Objekte der regionalen Baukultur genau studiert, hat Fotografien und Zeichnungen angefertigt. Andererseits waren er und seine Architektenkollegen sehr inspiriert von den avantgardistischen Strömungen, die vom Bauhaus, aus den Niederlanden oder aus Wien kamen“, verdeutlicht Mayer. So entstand eine interessante Mischung aus moderner Avantgarde verbunden und verwurzelt mit dem Ort an dem die Architektur stattfindet. „Stigler wollte die neuen Elemente nicht nur übernehmen und seinen Entwürfen überstülpen, sondern er war bemüht, diese sensibel auf den Ort zuzuschneiden. Das war für mich das Faszinierendste an der Beschäftigung mit Willi Stigler und seiner Zeit“, so die Architektin. Das Achten auf den Ort, die Topografie, die Region, den Kontext sowie die Bautradition sind Kennzeichen für eine gelungene Architektur im Stil der Tiroler Moderne. Zusätzlich waren die Architekten gefordert, moderne Elemente und die Forderungen der damals modernen Baukunst nach Licht, Luft, Sonne oder Aussicht in die architektonischen Entwürfe miteinzubringen. Wilhelm Stigler sen. habe die Bauplätze öfters besucht, um die genaue Ausrichtung des Hauses mit der perfekten Position der Fenster für eine optimale Aussicht und den Sonnenstand im Tagesverlauf zu ermitteln. Damit wurde er seinem Anspruch gerecht, vor allem auf das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner zu achten. „Von der Türklinke bis zur Inneneinrichtung hat Willi Stigler die Wohnhäuser geplant. Bis heute wurde in den meisten Häusern noch nicht viel verändert, was für eine ausgeklügelte Konzeption und die Zeitlosigkeit der Architektur spricht“, verdeutlicht die Wissenschaftlerin. Der Architekt beherrschte mehrere Zeichentechniken, von zarten Bleistiftskizzen, über schwere Kohlezeichnungen bis hin zu farbigen Innenraumperspektiven, perfekt. „Damals konnten die Architektinnen und Architekten den Bauherren ihre Entwürfe noch nicht mit Renderings präsentieren. Eine ausgezeichnete Technik, ein umfassendes Knowhow und auch eine gewisse Wandlungsfähigkeit waren daher für sie notwendig, um in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten Geld zu verdienen und Erfolg zu haben“, so Mayer.

Porträt von Wilhelm Stigler sen. Bild: Forschungsinstitut Archiv für Baukunst Universität Innsbruck

Brüche und Kontinuitäten

Als überzeugter Nationalsozialist wurde Stigler nach dem Anschluss für kriegswichtige Bauten auch vom Wehrdienst zurückgestellt. „Die Architekturgeschichte der NS-Zeit in Tirol wurde leider noch nicht aufgearbeitet sodass es schwierig war, sein Wirken ohne entsprechende Vergleichsliteratur angemessen zu analysieren“, verdeutlicht die Wissenschaftlerin, die sich erstmals auch diesem Thema genähert hat. Als Beispiel seiner Tätigkeit in der NS-Zeit greift Mayer die Messerschmitt-Siedlung in Kematen heraus: „Anhand dieser Siedlung erkennt man, wie perfekt er das Stilvokabular des traditionellen und regionalistischen Bauens beherrscht hat. Es ist ihm gelungen, die geforderten Massenwohnungsbauten sowohl städtebaulich, als auch bis ins Detail in ihre ländlich dörfliche Umgebung einzupassen.“ Aufgrund seiner frühen NSDAP-Zugehörigkeit wurde Stigler nach dem Krieg verhaftet und interniert. Ein drohendes Berufsverbot konnte jedoch abgewehrt werden und das Büro Stigler und Stigler wurde gemeinsam mit seinem Sohn Wilhelm Stigler jun. und seiner Schwiegertochter Christl Stigler erfolgreich weitergeführt.

Um sich dem Lebenswerk von Willi Stigler zu nähern hat Juliane Mayer unterschiedliche Methoden angewendet und umfassend recherchiert. Neben dem Planarchiv im universitären Archiv für Baukunst waren auch das Innsbrucker Stadtarchiv sowie weitere nationale und internationale Archive wichtige Studienorte. Zudem hat die Wissenschaftlerin einige noch heute bestehende Bauwerke vor Ort besucht und mit Zeitzeugen sowie Hausbewohnerinnen und Hausbewohnern gesprochen. So ist es ihr gelungen, ein umfassendes Bild des Architekten zu zeichnen, der in der Zwischenkriegszeit den architektonischen Spagat zwischen Tradition und Moderne geschafft hat.

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