Der Schlatenbach in Osttirol.

Alpine Fließ­gewä­sser er­wär­men sich schneller als er­war­tet

Die Oberläufe von Fließgewässern im Alpenraum erwärmen sich schneller als bisher bekannt. Dies ist eine der Erkenntnisse des Forschungsprojektes „Monitoring Alpine Rivers“ der Universität Innsbruck, welche kürzlich im Fachmagazin River Research and Applications publiziert wurden.

Langfristige Ökosystembeobachtungen in einem größeren Gebiet sind selten, aber für ein Verstehen von Auswirkungen der aktuell rasant voranschreitenden Erwärmung notwendig. „Während in Österreich schon seit Jahrzehnten gute Wetterstationen – auch in höheren Lagen – betrieben werden, und Ökosysteme in tieferen Lagen systematisch beobachtet werden, sind kontinuierliche Aufzeichnungen von Umweltbedingungen besonders in hochgelegenen Ökosystemen selten“, erklärt Projektleiter Leopold Füreder vom Institut für Ökologie. „Neben bestehender Umweltbeobachtungen von Seen blieb der Wandel von Umweltbedingungen und Lebensgemeinschaften in hochgelegenen Fließgewässern bisher nämlich unbeachtet.“ Deshalb wurde im Jahr 2009 ein vom Nationalparkrat Hohe Tauern, von der Österreichischen Nationalbank, vom Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums und vom damaligen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft gefördertes Projekt zur Einrichtung eines Beobachtungsnetzwerkes von Fließgewässern im Nationalpark Hohe Tauern gestartet.

Die vielfältigen und weitgehend ungestörten Fließgewässer im Nationalpark eignen sich besonders für eine Langzeitbeobachtung dieser Ökosysteme und Lebensgemeinschaften in Zeiten von klimatischen Veränderungen. „Oft werden diese hochgelegenen Gewässersysteme aufgrund ihrer Artenarmut als nur bedingt wertvoll bezeichnet, jedoch ist diese Lebewelt reich an Spezialisten mit zahlreichen unterschiedlichen Anpassungen an die vorherrschenden extremen und dynamischen Umweltbedingungen – deshalb sind sie als besonders zu betrachten“, so Füreder. In 18 verschiedenen Fließgewässern in allen drei Nationalpark-Bundesländern werden deshalb seit 2010 einerseits die vorherrschenden Umweltbedingungen beobachtet und aufgezeichnet, und andererseits die strukturelle und funktionelle Organisation der Gewässerfauna erhoben.

Die Auswertung der bisher aufgezeichneten Wassertemperaturen zeigt, dass das im Sommer abfließende Wasser aller beobachteten Gewässer (gletschergespeist und quellgespeist) während der letzten sieben Jahre deutlich wärmer wurde. „Natürlich unterscheiden sich gletscher- und quellgespeiste Gewässer in ihren absoluten Temperaturniveaus, jedoch weisen diese Daten auf einen ähnlich starken Anstieg der Temperatur in beiden Gewässertypen hin. Neben den aktuellen Temperaturrekorden in der Atmosphäre verzeichnen also auch diese meist kleineren und hochgelegenen Gewässer eine derzeit rasante Erwärmung, welche im Mittel +0,25 °C pro Jahr beträgt“ erläutert Georg H. Niedrist, der Erstautor der Publikation. Da die Wassertemperatur der prägendste Umweltfaktor dieser Ökosysteme ist, ist folglich zu erwarten, dass auch die Lebewelt auf diese erhebliche und beschleunigte Veränderung ihres Lebensraums reagieren wird. Die in dieser Publikation eingegrenzten Temperaturbereiche für die vorkommenden Arten lassen die sogenannten Gewinner und Verlierer der klimatischen Veränderungen erkennen. „Jedoch ist es nicht nur das ‚Kommen‘ und ‚Gehen‘ einzelner Arten, sondern auch veränderte Produktions- und Abbauraten, die wir in diesen Gewässern zu erwarten haben, wodurch auch daran anschließende und tiefergelegene Gewässer beeinflusst werden“, gibt Georg H. Niedrist abschließend zu verstehen.

(Georg Niedrist)

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