Helene Wastl (1896–1948)

Mit dieser Portraitserie erinnern die Innsbrucker Universitäten in diesem Jahr an jene Mitglieder der Universität Innsbruck, die vor 70 Jahren – nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland am 12. März 1938 – aus „politischen“ und „rassischen“ Gründen – wie es im NS-Jargon hieß – von der Universität ausgeschlossen und vertrieben wurden.
Helene Wastl (1896-1948)
Bild: Helene Wastl (1896-1948)

Helene Wastl begann im Wintersemester 1916/17 an der medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck als eines von insgesamt 11 Mädchen mit dem Medizinstudium. Bereits ab dem dritten Semester erlangte sie eine Anstellung als "Demonstrator" am Institut für Physiologie unter Ernst Theodor Brücke (1880-1941). Auch die letzten beiden Studiensemester, 1921/22, war sie als Hilfsassistentin an diesem Institut beschäftigt. Gemeinsam mit Brücke entstand ihre erste wissenschaftliche Arbeit. Der angesehene Physiologe war 1916 nach Innsbruck berufen worden und machte das physiologische Institut zu einer international renommierten Forschungsstätte. Nach seiner aus „rassischen“ Gründen erfolgten Vertreibung von seiner Innsbrucker Lehrkanzel 1938 wirkte Brücke, in zweiter Ehe mit einer der ersten Wiener Gynäkologinnen, Dora Teleky verheiratet, an der Universität Harvard.

Wie im Gymnasium zeigte Helene Wastl an der Universität außergewöhnliche Leistungen. Alle drei medizinischen Rigorosen legte sie mit dem Hauptkalkül "ausgezeichnet" ab und wurde am 11. Februar 1922 als zweite Inländerin an der medizinischen Fakultät Innsbruck zum Dr.med. promoviert. Vor Helene Wastl hatten in Innsbruck nur fünf Frauen in Medizin promoviert: bis 1918 vier Ausländerinnen, die erste Wilhelmine Schönthaler aus Njmwegen in Holland, wobei es sich genau genommen um die Nostrifikation eines ausländischen Doktorgrades handelte.

Erste habilitierte Medizinerin

Nur wenigen Absolventinnen gelang es, sich im Wissenschaftsbetrieb zu etablieren. Umso außergewöhnlicher ist daher der Werdegang von Helene Wastl. Bereits während ihres Studiums knüpfte sie internationale Kontakte und unternahm mehrere Auslandsreisen. Mit April 1922 trat sie beim bedeutenden Physiologen Arnold Durig (1872-1961) eine Stelle als außerordentliche Assistentin am Institut für Physiologie der medizinischen Fakultät Wien an. Mit der Habilitationsschrift: "Über die Wirkung des Adrenalins und einiger anderer Inkrete auf die Kontraktionen des Warmblütler-Skelettmuskels" sowie der Vorlage von über 40 wissenschaftlichen Abhandlungen zu den Themen physikalische und chemische Eigenschaften des Blutes wie die Senkungsgeschwindigkeit, Ernährungsfragen und der Reizphysiologie, erhielt Helene Wastl 1930 die Lehrbefugnis für Physiologie und war damit die erste habilitierte Medizinerin an der Medizinischen Fakultät Wien. Arnold Durig kam in seiner Begutachtung zum Schluss: „Die vorliegende Abhandlung ist eine ernste wissenschaftlich durchgeführte und auch die Erkenntnis fördernde Schrift mit positiven Ergebnissen, die den Anforderungen, welche an eine Habilitationsschrift zu stellen sind, vollkommen entspricht“ und lobte zudem Wastls pädagogische Fähigkeiten.

Wissenschafterin mit starker internationaler Orientierung

Mit der Berufung an das Women's Medical College of Pennsylvania, Philadelphia und der Leitung der dortigen Lehrkanzel für Physiologie gelang es Helene Wastl als Professorin in den USA Fuß zu fassen. Weitere Forschungsarbeiten führten sie an das Department of Physiology and Biochemistry, Cornell University, Ithaca, New York und später an das Hahnemann Medical College, Philadelphia.

1943 wurde Helene Wastl von der Universität Innsbruck das Doktorat "wegen Ausbürgerung" aberkannt. Zu dem 1960 eingeleiteten Wiederverleihungsverfahren kam es aufgrund ihres Todes nicht mehr. Sie starb vermutlich im Sommer 1948, das genaue Todesdatum konnte bisher nicht eruiert werden.

Helene Wastl war für einige Jahre mit dem Physiologen Franz Lippay (1897-1965) verheiratet, der ab 1923 als Demonstrator und später als Assistent zu Wastls Kollegen am Wiener physiologischen Institut zählte. Die Hochzeit fand am 9. Juli 1932 in Wien statt. Wastl behielt aber ihren Mädchennamen bei. Lippay blieb in Wien und habilitierte sich 1933 bei Arnold Durig für Physiologie. Er wurde 1938 aus „rassischen“ Gründen von der Universität Wien vertrieben und emigrierte im März 1939 nach Australien.

Medizinstudium für Frauen ab 1900

Erst ab September 1900 war es für junge Frauen in Österreich möglich, ein Medizinstudium zu absolvieren. 1907 wurden sie zum Universitätsassistentendienst, 1919 generell zur Habilitation zugelassen. An der medizinischen Fakultät Innsbruck gab es die ersten Hospitantinnen im Studienjahr 1906/07, die erste ordentliche Hörerin wurde im Sommersemester 1911 immatrikuliert. Die erste Promotion erfolgte 1915. Noch 1927 äußerte sich der damalige Rektor der Universität Innsbruck, Ernst Theodor Brücke, im Jubiläumsband „Dreißig Jahre Frauenstudium“ sehr positiv zum Frauenstudium, bedauerte aber, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Ärztin eine Praxis in Innsbruck eröffnet habe. Bis in die 1970er Jahre gab es an der Medizinischen Fakultät Innsbruck keine habilitierte Frau.

Helene Wastl zählt zu den Pionierinnen der medizinischen Wissenschaften, die sich als eine der ersten Studium, wissenschaftliche Karriere und internationale Mobilität erschlossen hat. Ihr beeindruckender Werdegang und vor allem die erfolgreiche Habilitation bedeuteten einen Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Frauen im Wissenschaftssystem. Um der Wertschätzung für ihre Leistungen Ausdruck zu verleihen, wurde sie als Namenspatronin und „symbolische Mentorin“ für das Innsbrucker Medizin Mentoring-Programm ausgewählt.

Literatur:

Susanne Lichtmannegger, „Helene Wastl (1896 – 1948) – Eine der ersten Medizinerinnen“, in: Horst Schreiber, Ingrid Tschugg, Alexandra Weiss (Hg.), Frauen in Tirol. Pionierinnen in Politik, Wirtschaft, Literatur, Musik, Kunst und Wissenschaft, Innsbruck 2003, S. 205ff.

 

(Claudia Beyer)