Tiroler Trachtenpraxis im 20. und 21. Jahrhundert

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Projekt

Das Projekt ist eine Kooperation des Faches Europäische Ethnologie am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck mit den Tiroler Landesmuseen, Bereich Tiroler Volkskunstmuseum Innsbruck. Es wird aus Mitteln des "Förderschwerpunkts Erinnerungskultur" finanziert, mit dem die Abteilung Kultur des Landes Tirol 2014-18 Forschungsprojekte zu "Volkskultur und Nationalsozialismus" auf dem Gebiet der heutigen Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino und in Vorarlberg (als Teil des damaligen Gaues Tirol Vorarlberg) unterstützt.

Das zentrale Interesse des Projekts gilt der Geschichte der "Mittelstelle Deutsche Tracht", die am 1. März 1939 auf Anweisung von Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink als Dienststelle der "Reichsfrauenführung" bzw. der "Nationalsozialistischen Frauenschaft" am Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck (mit zwei Vorarlberger Zweigstellen in Bregenz und Dornbirn) eingerichtet wurde.  Zur Leiterin von Museum und "Mittelstelle" sowie zur "Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit" wurde Gertrud Pesendorfer, geb. Wiedner (1895-1982) ernannt, die bereits 1927-32 im Museum beschäftigt gewesen war. Nach ihrer Entlassung 1932 aufgrund ihrer Nähe zum "illegalen" Nationalsozialismus war sie laut eigenen Angaben von der Partei mit Trachtenberatungen betraut und zur Mitarbeit an Ausstellungen im Reich herangezogen worden. Nach dem „Anschluss" Österreichs betreute Pesendorfer das "Sachgebiet Volkstum/Brauchtum" in der NS-Frauenschaft im Gau Tirol-Vorarlberg. Gauleiter Franz Hofer betraute sie mit der gesamten Trachtenarbeit im Gau. Dazu zählte die Beratung des "Tiroler Heimatwerks" und der im "Standschützenverband" zusammengeschlossenen Musikkapellen, Schützenkompagnien und Trachtenvereine.

Mit der Errichtung der "Mittelstelle" sollte Pesendorfers Trachtenarbeit "reichsweit fruchtbar gemacht" werden. Mit einem Stab von zeitweilig wohl bis zu 45 (großteils weiblichen) MitarbeiterInnen im Museum und zahlreichen (großteils weiblichen) ExploratorInnen vor Ort wurde in diversen Gauen des Deutschen Reichs, in den "grenz- und auslandsdeutschen" Gebieten und im "Generalgouvernement" Erhebungen durchgeführt. Die "Mittelstelle" sollte trachtenbezogene Aktivitäten von NS-Frauenschaft, Reichsnährstand, BDM und HJ bündeln und sah sich zusehends ins Wirtschaftsleben auf Gau- und Reichsebene "eingespannt". Sie arbeitete mit der "Arbeitsgemeinschaft für Deutsche Volkskunde" im "Amt Rosenberg" und dem "Amt Feierabend" der "Nationalsozialistischen Gemeinschaft 'Kraft durch Freude'" zusammen. Seit 1940 leitete Pesendorfer außerdem die "Arbeitsgruppe III: Trachten" der "Kulturkommission Südtirol" des "SS-Ahnenerbes".

Das Ziel des seit Juli 2014 laufenden fünfjährigen  Projektes ist es, auf der Basis einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand und umfangreicher Quellenstudien eine differenzierte monographische Darstellung der "Mittelstelle" aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie vorzulegen. Darin einzuschließen sind die (teilweise im Kontext der "Alpenländischen Forschungsgemeinschaft" stehenden) Trachtenforschungen Pesendorfers und Josef Ringlers (1893-1973) in der Zwischenkriegszeit und Pesendorfers Wirkungsgeschichte in der Nachkriegszeit, v.a. im Auftrag der "Landeslandwirtschaftskammer Tirol", des "Tiroler Heimatwerks" und der Weberei, Färberei und Druckerei "Stapf" in Imst. Von Bedeutung ist hier auch die Rezeption von Pesendorfers (inzwischen nicht mehr zum Verkauf angebotenen) Buch "Lebendige Tracht in Tirol" (1. Aufl. 1965, 2. Aufl. 1982). Der Fokus der Projektarbeiten liegt damit auf der Geschichte der Trachtenerneuerung seit den späten 1920er-Jahren mit besonderer Rücksicht auf Pesendorfer bis hin zum Wirken der gegenwärtig auf diesem Feld tätigen AkteurInnen und Institutionen in Tirol und Südtirol. Daraus ergeben sich aber auch vielfältige Bezugspunkte zur Geschichte der vereins- und verbandsmäßig organisierten Trachtenerhaltung in (Süd-)Tirol und darüber hinaus, von der Pesendorfer sich teilweise nicht weniger kritisch absetzen wollte als von der Trachten- und Dirndlmode.

Den zentralen Quellenbestand des Projekts bilden die am Volkskunstmuseum archivierten rund 100 Mappen mit Bestandsaufnahmen und Erneuerungsvorschlägen der "Mittelstelle" wie auch mit deren Entwürfen  für Glas, Keramik, Holz, (Federkiel-)Stickereien und Stoffmuster. Bei der Analyse der Mappen ist ein wissenshistorischer Zugang angestrebt, der sich für die Dokumentationstechniken der BearbeiterInnen, die Wechselwirkungen von Bestandsaufnahmen und Erneuerungen und das Verhältnis von "Laienforschung" zur akademischen und propagandistisch-"angewandten" "völkischer Wissenschaft" interessiert. Weiters stellen sich Fragen nach dem Verhältnis von Tracht und Uniform in der Theorie und Praxis nationalsozialistischer Trachtenpflege, nach der politisch-ökonomischen Bedeutung der "Trachtenwerkstätten" in Tirol-Vorarlberg und nach Medien und Formaten der Wissensvermittlung durch die "Mittelstelle". Über die Arbeit mit den Quellen im Museum hinaus, zu denen auch ein kleiner Aktenbestand zählt, werden Archivforschungen u.a. in Innsbruck, Bozen und Bregenz, Salzburg, Wien, München und Berlin durchgeführt. Von Bedeutung ist auch die Suche nach vereinzelt noch lebenden ZeitzeugInnen und der Kontakt zu NachfahrInnen damaliger AkteurInnen, die dem Projekt u.U. private Nachlässe zur Verfügung stellen.

Das Projekt kam vor dem Hintergrund einer kontroversen und in Teilen produktiven breiten öffentlichen Debatte  zustande, die seit 2011 um den Umgang mit dem Erbe des Komponisten Josef Eduard Ploner (1894-1955) und weiterer Mitglieder der "Arbeitsgemeinschaft Tiroler Komponisten" (ATK) geführt wurde. Spätestens durch die Ausstellung "Tiroler Musikleben in der NS-Zeit" (2012) im Landesmuseum Ferdinandeum und verstärkt durch ein vom Land Tirol eingeholtes, 2013 veröffentlichtes Gutachten des Sozial- und Wirtschaftshistorikers Michael Wedekind übertrug sich diese "Ploner-Debatte" auch auf andere Felder "organisierter Tiroler Volkskultur". Dabei überwog eine "erinnerungskulturelle", mit der "Aufarbeitung" des Nationalsozialismus assoziierte Perspektive.  U.a. wurde auch ein breites zivilgesellschaftliches Interesse an der Geschichte und den ideologischen Fundierungen des "Trachtenwesens" spürbar. Deutlich wurden bald aber auch die von Wedekind aufgezeigten forschungshemmenden "Verflechtungen zwischen politischen Akteuren und (öffentlich bezuschussten) Milieus organisierter Volkskultur".

Vor diesem spannungsgeladenen Hintergrund begreifen wir unser Projekt trotz seines historiografischen Schwerpunkts auch als (psychologisch supervidierte) Feldforschung im Hier und Jetzt. Unser Ziel ist es, die "antidemokratischen Aufladungen und historischen Instrumentalisierungen von Volkskultur" (wie es in einem Bericht der Tiroler Kulturinitiativen über den "Förderschwerpunkt" heißt) aufzuzeigen, aber auch  Tendenzen früher und heute zu würdigen, sich Tracht  als "demokratisch handhabbares Kulturgut" (Ulrike Kammerhofer-Aggermann) anzueignen.