Fach Europäische Ethnologie

Geschichte der Europäischen Ethnologie in Innsbruck

zu Geschichte und Situation des Faches Europäische Ethnologie in Österreich (Stand 2013): SIEF-Newsletter

Fachverständnis

Untersuchungsgegenstände · Erkenntnisinteressen · Methodische Zugänge ·
EE in Innsbruck · Literaturauswahl


Das Fach Europäische Ethnologie steht in der Tradition der Volkskunde und wird an den Universitäten im deutschsprachigen Raum auch unter den Namen Kulturanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft geführt. 

Europäische Ethnologie versteht sich als empirische Kulturwissenschaft. Sie dokumentiert und analysiert alltägliche Lebensformen und Kulturäußerungen breiter Bevölkerungsschichten in Europa. Indem „Kultur“ als geschichtlich geprägt und sozial bedingt aufgefasst wird, arbeitet das Fach sowohl historisch als auch gegenwartsbezogen. „Europa“ wird dabei nicht als geographische oder politisch abgegrenzte Einheit verstanden, sondern als Horizont unseres Denkens, der durch die europäische Moderne und im Prozess der Modernisierung entstanden ist.


Untersuchungsgegenstände

Der Arbeitsbereich der Europäischen Ethnologie umfasst sämtliche Bereiche der Alltagskultur. Dazu zählen materielle Kultur (z.B. Geräte und Alltagsdinge, Bauten, Denkmäler, Wohnungen, Kleidung u.a.m.), Handlungsmuster (z.B. Ess- und Trinkgewohnheiten, handwerkliche Fertigkeiten, Arbeitsweisen und Freizeitverhalten, Bräuche u.a.m.), Dokumente der mündlichen und schriftlichen Überlieferung (z.B. lebensgeschichtliche Erinnerungen, Sagen, Gerüchte, Redensarten, Tagebücher u.a.m.); Bilder und Zeichen (z.B. populäre Druckgrafiken, Karikaturen u.a.m.); sowie soziale Institutionen, Normen und Lebensformen (z.B. Familie, Vereine, Freundschaften u.a.m.).


Erkenntnisinteressen

Diese Aufzählung reicht aber nicht aus, um die Spezifik volkskundlichen Arbeitens zu bestimmten. Wesentlich dafür sind besondere Probleme, mit denen sich das Fach aus einer eigenen Perspektive befasst. Zu nennen sind u.a. das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft; Probleme der Enkulturation und Akkulturation; Fragen von Kulturkontakt und Kulturkonflikt; das Verhältnis von herrschender Kultur und kultureller Widerständigkeit; das Spannungsfeld von kulturellem Wandel und tradierten Orientierungsmustern; Fragen der Kommunikation und Diffusion von Kultur; Kultur als der menschliche Stoffwechsel mit der Natur und seine unbewusste Basis; symbolische Ortsbezogenheit („Heimat“) und regionale Identität im Prozess der Europäisierung und Globalisierung; Körper, Geschlecht und Sexualität; Mentalität, Habitus und Ritualität; Migration und Mobilität, Konsum und Arbeit.


Methodische Zugänge

Den Erkenntnisinteressen der Europäischen Ethnologie ist eine Vielfalt von Methoden untergeordnet. So vermittelt der Innsbrucker Studiengang u.a. Grundfähigkeiten in der archivalischen Quellenforschung, der Feldforschung und teilnehmenden Beobachtung, der Durchführung qualitativer Interviews, der Kulturanalyse von Museums- und Alltagsdingen, der Bildforschung, der Interpretation von Medientexten und der Erzählforschung. Es geht also um das volkskundliche Arbeiten „vor Ort“ und „am Objekt“ und um seine besonderen Kennzeichen: die Aufmerksamkeit für die scheinbaren Selbstverständlichkeiten des Alltags und die Frage nach ihrem „Sitz im Leben“; das Bemühen um eine Ethnographie „kleiner“, oft marginalisierter Fallbeispiele im lokalen Raum; den Versuch einer einlässlichen Analyse kultureller Objektivationen, die mit Rücksicht auf ihr Eigenleben betrachtet werden; und das Bestreben, tiefenhermeneutische Zugänge in die Deutung kultureller Produkte und Prozesse mit einzubeziehen.


Europäische Ethnologie in Innsbruck in Lehre und Forschung

Die Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck legt einen Schwerpunkt auf Untersuchungen im heutigen Westösterreich und in Südtirol, wobei kulturelle Phänomene von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart thematisiert werden. Dabei stellt der überregionale und epochenübergreifende Vergleich ein wichtiges methodisches Prinzip dar.

Gegenwärtige Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind: Fachgeschichte, Theorie und Methodologie der Europäischen Ethnologie; regionale Kulturanalyse; Kulturanalyse des „kulturellen Erbes“ („Cultural Heritage“) und von Musealisierungsphänomenen; Tourismus- und Migrationsforschung; Nahrungsethnologie; Brauch- und Eventforschung; Erzählforschung als Mentalitäten- und Bewusstseinsforschung; kulturwissenschaftliche Bergbauforschung, Familienforschung, Game Studies, Religionsforschung, ökonomische Anthropologie mit dem Schwerpunkt der kulturwissenschaftlichen Schuldenforschung.

Jenseits der individuellen, thematisch sehr unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen der einzelnen in Innsbruck tätigen WissenschaftlerInnen lassen sich doch einige konzeptionelle Grundüberlegungen formulieren, die für den Denk- und Arbeitsstil der Innsbrucker Europäischen Ethnologie charakteristisch sind und so etwas wie eine gemeinsame Basis der wissenschaftlichen und forschungspraktischen Verständigung darstellen. Zwar sind diese hier in vier Punkten formulierten Grundüberlegungen nicht in jedem Themenfeld gleich relevant oder gleich stark ausgeprägt, doch umreißen sie insgesamt die Zielrichtung und grundsätzliche Anlage unserer Arbeit, sie stellen Konsenslinien dar, auf denen unsere Aktivitäten konvergieren: Ethnografie, Praxeologie, Historizität der Gegenwart und Transfer- und Anwendungsbezug.

Ethnografie

Das ethnografische Sich-Einlassen der ForscherIn auf konkrete Situationen und Gruppen ermöglicht eine weitreichende Annäherung an das emische Wirklichkeitserleben Anderer, die auf unserem empathischen Verständnis als FeldforscherInnen sowie auf dem Irritiert-Werden unserer Wahrnehmungsgewohnheiten beruht. Wesentlich ist hierbei ein Verständnis von der Forschung als einem Prozess, der sich von der Konzipierung des Forschungsvorhabens und erste Kontaktaufnahmen, die Phase der teilnehmenden Beobachtung, über die hermeneutische Auswertung des Feldforschungsmaterials bis hin zur Texterstellung zieht.

Praxeologie

Dem praxeologischen Ansatz liegt ein weiter ethnologischer Kulturbegriff zugrunde, der das gesamte Handeln und Deuten der Menschen systematisch umfasst. Neben semiotischen Aspekten schließt die Praxeologie auch materielle, sensuelle und handlungsbezogene Aspekte in die Forschung mit ein. Ästhetische Kriterien sowie Bemühungen um Kanonisierungen von Kultur weist sie dagegen zurück.

Historizität der Gegenwart

Wir begreifen Gegenwartsphänomene als historisch bedingt – nicht nur in einem grundsätzlichen, sondern auch in einem empirisch greifbaren Sinn. Aus diesem Grund sind wir bestrebt, die Gegenwart stets in ihrer Historizität zu denken und zu erforschen und dies auch in der Anlage unserer Arbeiten methodisch, konzeptionell und argumentativ zu berücksichtigen. Die konsequente Verbindung von historischen mit gegenwartsbezogen-empirischen Ansätzen ist für uns nicht nur in Lehre und Forschung konstitutiv, sondern stellt auch ein Spezifikum der Europäischen Ethnologie im Kontext anderer kulturwissenschaftlich orientierter Disziplinen dar.  

Transfer- und Anwendungsbezug

In Zeiten zunehmender kultureller Diversifizierung und gegenüber den drängenden –und teils neuen – Fragen der Gegenwart wird ethnologische Expertise von der Öffentlichkeit, Medien und Politik immer stärker nachgefragt. Ein enger, dialogischer Bezug zwischen Wissenschaft und gesellschaftlich-politischer Praxis ist uns ein kontinuierliches Anliegen. Als WissenschafterInnen vermitteln wir dabei nicht nur „top-down“ Forschungserkenntnisse oder bedienen kurzfristige Anfragen. Vielmehr begeben wir uns bereits im Prozess der Datenerhebung in einen dialogischen Prozess mit gesellschaftlichen AkteurInnen, im Zuge dessen unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsformen gekreuzt werden und neues Wissen entsteht, das auch auf den Forschungsprozess zurückwirkt. In diesem Verständnis ist Forschung ein genuin in Richtung Gesellschaft geöffneter Prozess.


Literaturauswahl

Die folgende Literaturliste bietet eine nach didaktischen und pragmatischen Gesichtspunkten zusammengestellte kleine Auswahl von einführender Literatur zum Studium der Europäischen Ethnologie (Volkskunde).

    • Bausinger, Hermann: Volkskultur in der technischen Welt. Erweiterte Neuausgabe. Frankfurt/M. 2005 (1. Aufl. Stuttgart 1961).

    • Bausinger, Hermann; Jeggle, Utz; Korff, Gottfried; Scharfe, Martin: Grundzüge der Volkskunde. 4., durchgesehene und um ein Vorwort erweiterte Auflage. Mit einem Vorwort von Kaspar Maase. Darmstadt 1999 (3., unveränderte Aufl. Darmstadt 1978; 2., unveränderte Aufl. Darmstadt 1989; 1. Aufl. Darmstadt 1978).

    • Bendix, Regina u. Eggeling, Tatjana: Namen und was sie bedeuten. Zur Namensdebatte im Fach Volkskunde. Göttingen 2004 (= Beiträge zur Volkskunde in Niedersachsen, 19).

    • Brednich, Rolf W. (Hg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. Berlin, 3. Auflage 2001.

    • Brückner, Wolfgang (Hg.): Falkensteiner Protokolle. Bearbeitet und herausgegeben von Wolfgang Brückner. Frankfurt/Main 1971.

    • Geiger, Klaus; Jeggle, Utz; Korff, Gottfried (Red.): Abschied vom Volksleben. Tübingen 1970. (= Untersuchungen des LUI, 27)

    • Göttsch, Silke u. Lehmann, Albrecht (Hgg.): Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin 2001. (= Ethnologische Paperbacks)
    • Jeggle, Utz (Hg.): Feldforschung. Qualitative Methoden in der Kulturanalyse. 2. Aufl. Tübingen 1988. (= Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts, 62)
    • Kaschuba, Wolfgang: Einführung in die Europäische Ethnologie. 4. Auflage, München 2012.

    • Lehmann, Albrecht: Reden über Erfahrung. Kulturwissenschaftliche Bewusstseinsanalyse des Erzählens. Berlin 2007.

    • Scharfe, Martin: Menschenwerk. Erkundungen über Kultur. Köln 2002.

    • Warneken, Bernd Jürgen: Die Ethnographie popularer Kulturen. Eine Einführung. Wien, Köln u. Weimar 2006.