Hütte mit der "Öko-Akteur"-Plakette

Plakette mit der Auszeichnung "Öko-Akteur" der italienischen Kooperative Valle dell'Eco

Wirt­schafts­mo­tor Natur­schutz­ge­bie­te? Was Regi­o­nen stärkt

Können Naturschutzgebiete wirtschaftliche Impulse setzen oder bremsen sie regionale Entwicklungen? Eine Studie der Geographin Carlotta Sauerwein-Schlosser zeigt: Ihr Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung von Bergregionen hängt von klaren gesetzlichen Rahmenbedingungen und ausreichender Finanzierung ab. Nur so lassen sich naturschonende Wirtschaftsformen mit regionaler Wertschöpfung verbinden.

Die Ausweisung neuer Naturschutzgebiete stößt häufig auf Widerstand seitens der Bevölkerung. So wurde zuletzt in Tirol 2023 den Plänen der Landespolitik und des örtlichen Tourismusverbands eine Absage erteilt, im Wipptal einen Naturpark einzurichten. Wesentlicher Grund sowohl in Tirol als auch in anderen Regionen im Alpenraum ist die Angst der Bevölkerung vor naturschutzrechtlichen Einschränkungen, die die wirtschaftliche Entwicklung einer Region hemmen könnten. Gleichzeitig verfolgt die Europäische Union das Ziel, insbesondere abgelegene Regionen in Berggebieten zu stärken, die von Abwanderung und dem Abbau wichtiger Infrastrukturen besonders betroffen sind. Und hier kommen Schutzgebiete wie Regionale Naturparke und UNESCO-Biosphärenreservate ins Spiel: Sie stehen für ein zeitgemäßes Verständnis von Naturschutz, das nicht nur den Erhalt natürlicher Lebensräume im Blick hat, sondern zugleich die sozial-ökonomische Entwicklung einer Region fördert.

Doch können sie dieses Versprechen wirklich einlösen? Und wenn ja, mit welchen konkreten Maßnahmen tragen die Naturschutzgebiete dazu bei, dass neben dem Schutz der Natur auch eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht wird?

Mont Viso: Französisch-italienisches Schutzgebiet

Um diese Fragen zu beantworten, hat Carlotta Sauerwein-Schlosser im französisch-italienischen Grenzgebiet der Cottischen Alpen rund um den Mont Viso (3.841m) (Provence-Alpes-Côte d’Azur (FRA) und Piemont (ITA)) geforscht, wo 2014 das UNESCO-Biosphärenreservat Mont Viso ausgewiesen wurde. Der Anerkennung seitens der UNESCO gingen damals massive Proteste der Bevölkerung voraus. Dies hatte zur Folge, dass ein ganzes hochalpines Tal auf italienischer Seite, das Valle Pellice, trotz seiner strategisch wichtigen Lage für das Programmgebiet nicht Teil des neuen Schutzgebiets wurde. Das Biosphärenreservat Mont Viso bietet daher ein besonders aufschlussreiches Beispiel, um die tatsächlichen Wirkungen eines Schutzgebietes auf Wirtschaft und Gesellschaft zu analysieren.

Rund zehn Jahre später untersuchte Sauerwein-Schlosser daher, über welche rechtlichen und finanziellen Mittel das Biosphärenreservat verfügt und wie diese genutzt werden, um nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten zu fördern. Grundlage ihrer Analyse waren Interviews mit Vertreter:innen der Naturschutzverwaltungen sowie mit Akteur:innen aus Tourismus, Landwirtschaft, Bauwirtschaft und Kultur. So konnte sie nicht nur die eingesetzten Maßnahmen, sondern auch deren Wirkung aus Sicht der Beteiligten erfassen.

Entwicklungszone für wirtschaftliche Aktivitäten

Zentrale Erkenntnis hierbei war: Wirtschaftliche Aktivitäten werden durch das Biosphärenreservat nicht eingeschränkt, im Gegenteil. Anstatt zusätzliche Naturschutzauflagen einzuführen, wurden mit der Ausweisung des Biosphärengebiets die bestehenden Regionalen Naturparke auf französischer und italienischer Seite um eine sogenannte „Entwicklungszone“ erweitert. In dieser Zone sind wirtschaftliche Aktivitäten ausdrücklich erwünscht. Und die Biosphärenreservatsverwaltung unterstützt Betriebe dabei, ihr Handeln an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, den Sustainable Development Goals (SDGs), auszurichten.

Eine Schlüsselmaßnahme ist dabei das Label „Eco-Acteurs“ bzw. „Eco-Attori“, das das nachhaltige Engagement lokaler Betriebe, Kooperativen und Dienstleister:innen auszeichnet und deren Sichtbarkeit in der Region fördert.

„Natürlich darf das Label nicht mit dem ‚Bio‘-Siegel oder internationalen Plattform-Auszeichnungen wie von ‚Booking.com‘ gleichgesetzt werden, die eine wesentlich größere Reichweite haben“, führt Carlotta Sauerwein-Schlosser aus. „Aber für die von mir interviewten ‚Öko-Akteur:innen‘ ist vor allem das in den letzten Jahren entstandene Netzwerk von Gleichgesinnten entscheidend. Es bestärkt sie in ihrem Handeln und hat in mehreren Fällen zu grenzüberschreitenden Kooperationen geführt. Somit konnten Absatzmärkte für nachhaltig produzierte Produkte und Dienstleistungen spürbar erweitert werden.“

Naturschuz als Chance

Gleichzeitig zeigt die Studie jedoch auch klare Grenzen dieses Ansatzes auf. Die Teilnahme an den Maßnahmen des Biosphärenreservats ist rechtlich nicht verbindlich, sondern beruht auf vollständiger Freiwilligkeit. Zudem stellt die UNESCO selbst keine finanziellen Mittel für die Umsetzung bereit. Angebote wie die Beratung von Unternehmer:innen zu den SDGs, die Organisation grenzüberschreitender Vernetzungstreffen oder das Marketing des Netzwerks müssen von Gemeinden, Planungsverbänden und Einrichtungen auf regionaler Ebene getragen werden. Wie auch in Österreich sind diese Mittel knapp. Die Folge: Das Potenzial des „Öko-Akteur-Netzwerks“ konnte bislang nicht vollständig ausgeschöpft werden.

Vor dem Hintergrund der 15. UN-Weltnaturkonferenz und des dort verabschiedeten Global Biodiversity Frameworks, der vorsieht, bis 2030 mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen wirksam zu schützen, sind diese Ergebnisse hochrelevant. Die Studie zeigt deutlich: Naturschutzgebiete können nur dann zu einer wirtschaftlich nachhaltigen Entwicklung beitragen, wenn sie über klare rechtliche Rahmenbedingungen sowie ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen verfügen. Sind diese Bedingungen erfüllt, stößt Naturschutz auch in der Bevölkerung auf deutlich mehr Akzeptanz, da er nicht als Einschränkung, sondern als Chance für regionale Entwicklung wahrgenommen wird. Damit rücken zugleich die Ziele der Weltnaturschutzkonferenz in greifbare Nähe: wirksamer Naturschutz, getragen von gesellschaftlicher Unterstützung.

Carlotta Sauerwein-Schlosser betont: „Die entscheidende Botschaft ist: Naturschutzgebiete sind kein Wirtschaftsrisiko, sondern ein Schlüssel für nachhaltiges Wirtschaften – vorausgesetzt, wir statten sie so aus, dass sie diesen Anspruch auch erfüllen können. Jetzt gilt es, dieses Wissen konsequent umzusetzen.“

Publikation: Promoting the economy while protecting nature? The UNESCO Biosphere Reserve Mont Viso as a model region for economically sustainable development in the Cottian Alps. Carlotta Sauerwein-Schlosser. eco.mont 2006 18 (1), S. 29-36. DOI: https://doi.org/10.1553/eco.mont-18-1s29

 

Portrait Carlotta Sauerwein-Schlosser

Carlotta Sauerwein-Schlosser ist Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC) an der Universität Innsbruck; Arbeitsgruppe Glokale Entwicklung & Nachhaltigkeitsforschung (AGEF) am Institut für Geographie. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit sozial-ökologischen Transformationen in der Governance natürlicher Ressourcen und den damit zusammenhängenden regionalen Entwicklungen in Berggebieten.

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